Anekdoten einer Reiseleitung

November 16, 2007 0 Von Jack

Der Goldfield Trail, ein echtes Erlebnis

Ich lebe in Cairns.

Einer der schönsten und stark frequentiertesten Touristenorte Australiens. Auf der Suche nach einer echten Erlebnistour während einer meiner freien Tage stosse ich auf eine Broschüre, welche genau dieses verspricht, sogar noch mit deutscher Führung. Nicht mit dem Fahrzeug sondern 19 Kilometer sind per Pedes durch den ältesten lebenden Regenwald der Welt zurückzulegen. Klingt verlockend. Bei der Buchung wird auf festes Schuhwerk, leichte Kleidung und einen Rucksack mit Verpflegung hingewiesen. Kein Problem für mich, einen halbwegs fitten Kerl mitte Zwanzig.
Am nächsten Morgen gehts los. Im Minibus werden wir aus der Stadt gekarrt. Wir schnallen unsere Rucksäcke auf und lehnen dankend das Angebot ab noch zusätzlich ein dickes Fernglas um den Hals zu hängen. Wahrscheinlich haben die anderen Gäste ähnliche Probleme mit dem Gewicht des Gepäck.
Der Guide mit Namen Steve hat Vorsorge getragen, daß wir nicht verhungern, falls er sich verläuft, wie er scherzhaft erwähnt.

Aber er scheint sehr von seinem Wissen und seinen Ortskenntnissen überzeugt zu sein. Mein Vertrauen in seine Tourguide-Qualität sinkt indes, als er uns einen Haufen Wildschweinlosung als Hinterlassenschaft eines Haubenkasuars verkauft. Haubenkasuar- oder Cassowarylosung läßt sich leicht identifizieren, da sie ausschaut wie eine Anhäufung großer Kerne und Samenkörner mit etwas Vogelmist versetzt.

Durch die hohen Entfernungen, die das Tier in den Stunden bis zum Ausscheiden der Losung zurücklegt, wird gewährt, daß selbst die größeren Kerne (Mango bis zu sechs Zentimeter lang und drei Zentimeter dick) flächendeckend verteilt werden.
Der Haubenkasuar wie er, deutscher Forschung üblich, nach seinem Aussehen benannt wird – oder Cassowary wie ihn die Australier bezeichnen. Durch sein aktives Durchqueren der australischen Regenwälder sorgt er dafür, dass Samen selbst in die höher gelegenen Regionen des Rainforest befördert werden. Beim Verzehr schlingt er zum Teil ganze Mangoes oder Bananen in einem Stück herunter, wo diese Früchte im Magen aber nur teileweise zersetzt werden. Leider ist der flugunfähige Vogel dem Aussterben nahe. Herbeigeführt durch Unfälle mit KFZ oder durch Habitatzerstörung durch den Menschen.
Aber zurück zur Tour…

Da alle anderen Teilnehmer Englisch sprechen ist dies die Sprache der Führung, eindeutig nicht die des Tourmanagers! In eher miserablem Oxfordenglisch versucht er sich verständlich zu machen. Die Wanderung verläuft mühselig.

Schon nach einer Stunde weiß ich, daß ich einen Fehler gemacht habe. Ich hätte monatelang vorher trainieren sollen. Erschöpft schleppe ich mich hinter der Gruppe her. Oftmals geht es auf Händen und Knien weiter, so steil ist der Trampelpfad. Von der herrlichen Landschaft bekomme ich aufgrund schwindender Kräfte nicht viel mit. Und noch etwas stört mich. Kleine schwarze Würmer tauchen aus dem Nichts auf und lassen sich von mir tragen. Zuerst störe ich mich nicht daran. Dann fällt mir auf, daß die Kerlchen sich blitzschnell in große rote Egel verwandeln. Blutegel! Ich habe nicht daran gedacht und meine Hemdsärmel und Hosenbeine hochgekrempelt um etwas Erleichterung von der drückenden Schwüle zu haben.

Vorsichtig löse ich die Blutsauger ab und versuche Ekel und aufsteigende Hysterie zu vertuschen.

Unverdrossen schreitet, klettert und rutscht unser Führer voran. Jede Hoffnung die teuren Stiefel trocken zu halten ist vergebens. Wir durchqueren Bäche, diese werden zu Flüssen und in der Hitze begrüße ich, daß mir das Wasser bis zur Hüfte steht. Ewigkeiten später ist Mittagspause. Auf Felsvorsprüngen machen wir Rast inmitten eines großen Flusses und jeder Teilnehmer versucht, den Weitermarsch so lange wie möglich herauszuzögern.
Der zweite Fehler. Ich ziehe meine Schuhe aus und versuche das Blut zu ignorieren. In mühseliger Kleinarbeit sammele ich die Blutegel von meiner ehemals makellosen Männerhaut und lege sie gehässig auf die heißen Felsen um sie zu kochen.. Ich zähle 33 ausgedörrte Vampire und das Blut fließt noch immer. Den Anderen geht es nicht besser und nachdem sie informiert wurden, daß die Egel sich nach jeder Blutaufnahme vermehren geht man in der ganzen Gruppe dazu über, die Biester auf den heißen Felsen zu grillen. Ein junger Mann aus Kalifornien grunzt und meint, er würde seinen Onkel auf diese Tour schicken. Geburtstagsgeschenk. Alle lachen verhalten…

Es gab auch einige schöne Erlebnisse in den langen mühevollen Stunden. Schnappschildkröten in den Flußläufen waren unsere Begleiter, eine Schlange sorgte für Aufregung und die vom Guide vor dem Marsch verteilten Sandwiches waren köstlich. Nicht zu vergessen die Erleichterung: nach dem Lunch waren die Rucksäcke nur noch halb so schwer. Der Abfall ging wieder mit zurück, da es in der Einöde keine Abfalleimer gibt.

Schließlich haben wir den Rand des Regenwaldes erreicht. In der Ferne steht der Bus, die Schritte werden beschwingter und ich schaue mich noch einmal um. Zum ersten Mal auf unserer Tour nehme ich die Schönheit dieses Waldes in mir auf. Lianen, Urwald Riesen, Wasserfälle, Vogelgesang und – das Beste von Allem – wir sind da heraus gekommen, haben es aus eigenen Kräften geschafft. Wir fangen plötzlich an, uns zu unterhalten.

Die letzten Kräfte werden dazu verwandt die Erlebnisse des Tages zu vergleichen. Kaum zu glauben, daß wir den ganzen Tag auf der gleichen Tour waren. Vergessen sind die Strapazen, die Blutegel und die Hitze. Beinahe auch die Blasen, die sich fast jeder gelaufen hat. Und ja, natürlich hat es uns gut gefallen und wir werden es an unsere Freunde weiter empfehlen. Jeder ist froh endlich zu einer Dusche zu kommen.
Habe ich die Tour weiter empfohlen ? Oh ja, und ich habe mir stets meine Opfer genau ausgeschaut. Dem vorlauten Teenager und den Verwandten aus der alten Heimat. Und den ach so super durchtrainierten Nachbarn etc. Und ich muß sagen, die Tour wirkt gut. Da sie wissen, daß ich die Tour schon problemlos überstanden habe und mich nach der nächsten Herausforderung umschaue, treten sie mir mit dem nötigen Respekt entgegen. Ich stelle nur sicher, daß mir für eine weitere Herausforderung dieser Art keine Zeit bleibt.

😉

Deutsche Reiseleiterin verläuft sich am Ayers Rock.

Fast vertrocknet und mit zahlreichen Blasen an den Fußsohlen kam am Samstag Abend eine Gruppe deutscher Reisender von einem Rundgang um den Ayers Rock zurück. Die in Alice Springs ansässige Reiseleitung hatte die Gruppe am Vortag vom Domestic Airport in der Wüstenstadt abgeholt und sie am nächsten Morgen per Reisebus entlang des Stuart Highways nach Yulara zum Weltberühmten „Rock“ chauffieren lassen.
Nach einem Sektfrühstück und dem obligatorischen roten Teppich ging man dann zum etwas herausfordernden Teil der Tagesaktivität über und umrundete den Felsen, den die Aborigines Uluru nennen. Neun Kilometer sind zurückzulegen und dem Himmel sei Dank geht es immer nur im großen Kreis herum. Vorbei an heiligen Stätten der Eingeborenen und in sengender Hitze freut sich jeder über die wenigen schattigen Plätze entlang der Marschroute.
Unsere Reiseleiterin jedoch bringt es fertig, die Meute fotografierender Touristen in die falsche Richtung zu leiten und sich hoffnungslos in der Einöde zu verfransen. Erst Stunden später, als beim Sonnenuntergang der Busfahrer noch immer auf die Fußgänger wartet, wird ein Suchtrupp los geschickt. Die Dame entschuldigt sich mit einem Räuspern „kleines Mißgeschick, liebe Reisegäste“.

Die Stadt spielt keine Rolle, Hauptsache die Ansicht stimmt.

Sabine, in einer Ihrer ersten Touren rund um Australien verkaufte Ihren Kunden die Geschichte von Melbourne inclusive Sehenswürdigkeiten auf einer Stadtrundfahrt in Adelaide. Die Reisenden aus Deutschland waren so im Fotografenfieber und von Ihren Ausführungen überwältigt, daß sie die leichten Diskrepanzen nicht bemerkten. Etwas spanisch kam Sabine die Sache dann doch vor, als die Gebäude nicht in der Reihenfolge auftauchen, wie in den Spickzetteln vorgesehen. Kommentar des erfahrenen Busfahrers: „Dies ist aber die falsche Town von die Du erzählst.“

Dazu die Reiseleiterin: „Das kann schon mal passieren, daß man in der Hektik die Ordner vertauscht. Aber solange der Kunde glücklich ist spielt das doch alles keine Rolle, oder?“

Von Cassowaries und Akubras

“Ideospermum Australiense”, nicht daß ich andeuten will, daß ich das verstehe, aber eben das ist es, warum so viele Bundesbürger, nach Australien kommen. Die Geschichte unseres Erdballs ist mit dem Namen dieser primitiven Pflanze eng verbunden, wenn nicht gar zu identifizieren. 120.000.000 Jahre ist es her. Damals redete man noch vom “Gondwanaland” – was heißt hier reden? – damals gab es uns ja noch garnicht.

Die Urzeit, wie sie die Geologen nennen, das Entstehen der Welt. Und, was soll ich sagen, bin ich es nicht, der sich im ältesten aller Urwälder unseres – noch – blauen Planeten herumtreiben darf um den Bleichgesichtern Zentraleuropas einen Einblick in das Leben von Tarzan und Jane im tropischen Regenwald zu geben?

Die haben sich schließlich – so Metro Goldwyn Meier – an Lianen durch solchen Urwald geschwungen und die Welt der Affen unsicher gemacht.
Nun, Affen gibt´s hier nicht, dafür aber solch exotische Tiere wie den Cassowarie, einen einmeterachtzig großen flugunfähigen Vogel mit blauem Hals und Riesenfüßen – Schuhgröße 48. Er ist einer der übriggebliebenen Dinosaurier der alten Zeit, hat mit Tyrannosaurus Rex und Steropodon Galmani zusammengelebt und die Jahrmillionen der Klimaveränderungen ohne Schaden überstanden. Leider ist er seit einiger Zeit vom Aussterben bedroht, wie auch viele seiner Mitbewohner des ältesten Kontinents…
Aber wir wollen ja hier nicht über Geschichte reden, sondern über diejenigen, die mich veranlasst haben, eben diese Geschichte zu schreiben, die Touristen. Kein Land dieser Erde sendet solche Quantitäten an Reiselustigen in die Welt wie Deutschland. Glauben Se nich? Na, dann kommen Se am besten selber mal nach Down Under.
Und täglich treffen sie ein. Nicht nur Deutsche, Resteuropäer, Japaner und Amerikaner gleichermaßen. Seit dem Film “Crocodile Dundee” hat es nicht mehr aufgehört mit diesem Touristenboom. Selbst die Aussies, die damals den Streifen gedreht haben, verwünschen sich manchmal. Aber Sie bringen ja Geld, echte Dollars. Und das ist wichtig fürs Land. Hat doch die weltweite Rezession eine tiefe Schneise in die Taschen der Investoren aus Übersee geschlagen.
Sie kommen aus allen Schichten und haben, trotz Rezession in Deutschland noch Geld, well, so lassen manche es zumindest raushängen – nicht aus der Börse, sondern mehr aus dem Gerede – und das nervt. Aber ich will mich ja nicht beschweren, geht es mir doch gut hier und mein Job als Tour Guide macht toll Spaß.
Viele von Ihnen haben ne Menge gelesen, bevor sie ins Land der Koalas und Emus kommen, ist schließlich für die meisten immer noch das Traumziel und sicherlich kein Jetsetter – Wochenendtrip auf die Canaren.
Tropenkleidung trägt man und Frau natürlich auch gern, ganz in leichtes Khakigrün gehüllt. Kurz natürlich, wegen der Hitze. Und den Akubra, einen echten Filzhut, in Darwin gleich nach der Einreise auf dem Nachtmarkt viel zu teuer ersteigert. Aber so muß es nun mal sein, man geht ja mit dem Trend, bleibt der Mode nichts schuldig, und da man ja da unten bei den Kängurus noch mit der Trommel ums Feuer läuft, brauchen “Heinz und Anne aus Bottrup” auch ´nen “Akubra”. „Is ja auch von wegens der Fliegen“, die sind hier ziemlich nervig, sagt Heinz zu mir als ich Ihn und seine Gruppe vom Flughafen abhole. “Aber nicht hier in den Tropen”, sag ich drauf und er lächelt, “was der wohl denkt”, denkt Heinz jetzt: “Ich habs schliesslich gelesen, im Reiseführer, da stehts ja drin und die wissen das. Punktum”.
Am nächsten Morgen sind wir auf dem Weg nach Cooktown. Eine (noch) verschlafene Kleinstadt hoch oben im Norden Queenslands. Nur per Schotterstraße zu erreichen, und das eigentlich auf der Coastal Road nur im Winter – sprich Mai bis Oktober. Im Sommer (Regenzeit) ist sie impassabel… aber Sie wissen das ja von den Reiseberichten Kuhlenkampfs.

Am “Cape Tribulation Lookout” steigen wir aus und Heinz sagt: “Mensch, hier in den Tropen gibt´s überhaupt keene Fliegen, aber so stands ja im Reiseführer drin. Klasse”.
Doch dann, die Mosquitos, unaufhörlich jagen sie Heinz und Anne und natürlich dem Rest der Khakimeute hinterher, um auch den letzten Tropfen Blut aus Ihnen herauszusaugen.
Wir befinden uns auf dem “Marrdja Boardwalk“, einem künstlich angelegten Mangrovenfußweg. Die kleinen Sauger fühlen sich wohl in den Mangrovenwäldern. Bei 37 Grad und 95 % Luftfeuchtigkeit fangen sie so richtig an zu leben.
“Bestimmt werden wir noch Malaria oder so´n Zeugs mit nach Hause schleppen” stöhnt Anne. “Nee”, bemerke ich betont in meiner vorsorglichen Reiseleitersprache, “Malaria gibt´s nicht in Australien, nur in den umliegenden Staaten zu gewissem Grade. Aber hier ist´n Mittelchen, was Euch die Biester” – “schließlich sind sie fast so groß wie Fliegen” – sagt Heinz – “vom Hals hält”. Einige nehmen dankbar an. Sven, ein junger strammer Bursche aus dem Bayrischen winkt ab. “Brauch ich nicht, so´n Zeugs, ist sowieso nur giftig für´d Haut”.
Nachdem wir Cooktown zwei Tage später verlassen, fahre ich noch kurz im Hospital vorbei um Sven zu besuchen, der hat ne Allergie entwickelt gegen Mosquitoes…