Roadtrains auf Tour.

Juni 23, 1998 0 Von Jack

120 Tonnen Fleisch auf Rädern

Wir sind im Konvoi unterwegs. Die Reise über 2500 km geht von Karumba am Golf von Carpentarien Richtung Cairns. Vier Roadtrains, jeder beladen mit über 400 Rindern und einem Gesamtgewicht von fast 120 Tonnen. Für die nächsten sechs Tage gibt es weder Wasser noch Futter für die Tiere, die doppelstöckig geladen sind. Viele von ihnen werden die Strapazen der Reise nicht überleben. Die nötigen Ersatzteile und Werkzeuge sind auf meinem Landcruiser geladen, mit dem ich als Leitfahrzeug vorweg fahre und für eventuelle Pannen zu Hilfe eilen kann. Kein Baum, kein Busch und die unendliche Weite der Western Plains wird zur persönlichen Grenzerfahrung für Mensch, Maschine und besonders Tier. Die nächste bewohnte Siedlung in erst 640 Km Entfernung. Trotz ständigem Funkkontakt zwischen den Trucks und einer Notfrequenz mit den Fliegenden Ärzten spürt die Mannschaft die Einsamkeit der Unendlichkeit unter den 62 Rädern der Zugmaschine mit über 400 Pferdestärken.
120 Klamotten und 2 Kilometer Bremsweg

200 km Distanz bis zur nächsten…

Die Jungs sind im Abstand von wenigen Kilometern unterwegs und jeglicher entgegenkommender Verkehr – meist nur zwei bis drei Fahrzeuge pro Tag – weicht auf den Seitenstreifen aus um nicht von den Ungetümen zermalmt zu werden. Bei Geschwindigkeiten auf den endlosen Schotterstraßen von nicht selten 120 Km / h ist eine Notbremsung ziemlich zwecklos. Der legale vom australischen „TÜV“ zugelassene Bremsweg beträgt bis zu 1,8 Kilometer!

Kein Grund also, auf irgendwelche Vorfahrtrsrechte zu pochen. Wer einem Roadtrain auf offener Flur begegnet, weicht aus oder wird von der Piste gedrängt. Nicht selten sieht man tote Kängurus, Rinder und sogar Kamele am Straßenrand liegen; überrollt von den Monstern der unendlichen Steppen des australischen Outbacks. Die Stoßstangen bestehen aus extra für solche Begegnungen angefertigten Stahlrohrgestellen, den sogenannten Bullbars. Diese sorgen dafür, daß bei einem Zusammenstoß der Motor, Kühler oder Fahrerhaus keinen Schaden nimmt.

Die Fliegen sind das geringere Übel

In den Rutland Plains, kurz vor der Furt durch den trocken liegenden Staaten River heult die Maschine von Johns Truck auf. Er meldet sich per Funk und fragt mich nach meiner Position und wann ich bei ihm bin. In gut einer Stunde melde ich zurück und fahre die Waschbrettpisten, was das Zeugs hält. John sagt, der Motor habe nach ein paar Kilometern Extrempiste aufgeheult und der LKW sei einfach ausgerollt. Vorausdiagnose: Kupplungsschaden. Die Arbeit am nächsten Morgen ist hart. Wir bauen in vereinter Kraft das Getriebe aus. Kein leichter Job bei morgendlichen Temperaturen von 28 Grad im nicht vorhandenen Schatten und einer Myriade Fliegen die sich vergnügt an den 400 brüllenden Rindviechern laben. Sie sind überall. Nicht selten habe ich eine im Auge, die nächste im Mund und eine weitere im Ohr. Der Schweiß tropft und die öligen Schrauben und Werkzeuge sind glühend heiß. Endlich, nach zweistündiger Traktur im Sand der Unendlichkeit liegt das Getriebe auf der Ladefläche des Landcruisers. Der Schaden: Gebrochene Kupplungsplatte, einfach zerrüttelt durch die ständigen Waschbrettpisten. Weiterfahrt unmöglich und ein solches Ersatzteil habe selbst ich nicht dabei. Die Rinder brüllen, die Fliegen sind unerträglich und das nächste Örtchen ist noch 280 Km entfernt.
Lebend nach Japan, tot zur Abdeckerei
Die anderen Trucks sind weitergefahren. Sie müssen sehen, daß die Rinder bald aus der Hitze in die Schlachthäuser gelangen. Viele der Tiere werden noch zwei bis drei Wochen auf die sogenannten Fettwiesen geschickt um ein bißchen Fett anzusetzen und anschließend lebendig auf Schiffe verladen und nach Japan verschifft, um die Qualität des Fleisches zu verlängern. Außerdem zahlen die Japaner mehr für den Lebendexport.

Bestellung per Post, Lieferung per Flugzeug

Per Funk und mit Hilfe der freundlichen Fliegenden Ärzte haben wir eine neue Kupplung für Johns Truck auf schnellstem Wege angefordert und diese liegt in „Jackos Garage“ in Chillago, einer alten Minen – Versorgungsstadt, bereit zur Abholung. Angeliefert wurde sie per Postflugzeug, welches einmal die Woche hier vorbei kommt und die Post liefert. Ich bin nach 6 Stunden wilder Fahrt im Örtchen Chillago angekommen, esse einen Bissen und mache mich sofort auf den Rückweg Richtung Johnny und seiner Rinderladung. Die Kupplungsplatte im Gepäck habe ich die Strecke nach weiteren unendlich scheinenden Kilometern der Einöde zurückgelegt und wiederum gemeinsam gehen wir an die Reparatur der Maschine. Drei weitere Stunden Schweiß, Fliegen, geklemmte Finger und abgeschürfte Haut sind hinter uns gebracht und John ist mit der Ladung unterwegs. Acht weitere Tiere sind verendet und liegen stinkend zwischen den Überlebenden.
Nach zwei weiteren Tagen Fahrt, einigen verlorenen Tieren, zwei geplatzten und auf die Schnelle gewechselten Reifen, einem überrollten Kamel und jeder Menge Tassen Kaffee bringen wir die Fracht halbwegs gesund aber erschlafft im Hafen von Cairns an.
Hier erfüllt sich unsere Mission und wir gehen auf ein Bierchen ins Cape York Hotel. Das Glas wird nicht mal ganz leer, John schläft auf der Theke ein und ich lasse uns ein Taxi kommen, das uns zum nächsten Hotel fährt. John sehe ich nicht bis zum nächsten Nachmittag und auch die anderen zähen Burschen sind erst einmal geheilt vom Abenteuer Outback. Die nächste Tour beginnt am nächsten Sonntag. Bis dahin ist Kurzurlaub angesagt.