Prolog

Montag – was für ein Tag…

Es war wieder einmal Montagmorgen, doch dieser war anders. Carlo hatte schlecht auf dem Besuchersofa geschlafen und die durchzechte Nacht mit politischen Gesprächen und den üblichen Kneipenpa­lavern hinterließ ihre kopfzerreißende Wirkung nicht zum ersten Mal.

Sein Schädel brummte fürchterlich und der morgendliche Kommentar seiner Freundin Nadja, bei der Carlo aufgrund seiner nun schon monatelangen Wohnungslosigkeit im Asyl wohnte, war kein freundlicher. „Ich halt das nicht aus, mache mir ständig Sorgen, ob Du überhaupt noch lebst und wenn ich morgens hier hinein komme, stinkt die ganze Wohnung nach Rauch und Suff. Willst Du Dich hinrichten?“ „Ich wollte…“ fing Carlo an, aber er kam nicht weit.

„Kannst du gern machen, aber ohne mich und vor allem nicht in meiner Wohnung, in der du eh keinen Pfennig Miete zahlst.“ Energische Worte einer sonst so freundlichen, liebevollen Person, schoss es durch seinen Kopf, während er mühsam, fast ungeschickt anfing, seine Klamotten zusammen zu suchen.

Kaum Einssechzig groß, trug sie doch ihr sonst immer so strahlendes Lächeln. Ihr von kleinen Falten aus früheren, schlechten Zeiten gegerbtes, dennoch hübsches und immer so unschuldig wirkendes Gesicht strahlte die wahre Lebensfreude aus. Heute allerdings lernte er ihre andere Seite kennen. Sie war echt sauer. Nadja war einundvierzig, hatte die harte Zeit der zwanzig Jahre kinderloser Ehe vor zwei Jahren abgeschlossen. Ihr Wunsch, Menschen Gutes zu tun, gab ihr den Mut zur Trennung. Sie ging den Weg zur Selbstverwirklichung und Realisierung ihres ‚wirklichen Ich’, wie sie es immer nannte. 

Zuerst kam eine Kur auf Arztrezept, anschließend dann, durch Teilnahme an Seminaren und Schulungen über Esoterik, Metamorphose und Reflexzonentherapie die Teilselbständigkeit und somit die Verwirklichung ihres alten Traums. Sie half Menschen gern und erfolgreich. Damals wie heute.

Auch Carlo, den sie nur zufällig – gab es Zufälle? – an einem Waldsee bei einem Spaziergang kennen lernte, half sie. Das war erst vor einem Jahr.

Er erinnerte sich. Mit schwerem Kopf sinnierte er über die Begegnung, bei der sich ihre Hunde, Tasko und Boomer, genau wie sie beide selbst, zum ersten Mal sahen. Seither waren die beiden Tiere ein Herz und eine Seele. Anders als Carlo und Nadja, denn ihre Auffassung von dieser angeblich heilen, liebevollen Wunschwelt konnte der mit sich und seiner Lebenslage immer unzufriedene, depressive Carlo nicht verstehen.

„In deiner Weltansicht trage ich wohl zu viele Probleme in mir herum, was?“ Carlo konnte in seiner ureigenen, negativen Einstellung zu sich selbst und in seiner schuldigen Umwelt nicht mit Nadja auf einen Nenner kommen. Das wusste er. Sie hingegen glaubte an ihn. „Stimmt. Und es liegt einzig an dir, genau das zu ändern“, waren ihre Worte, meist mit dem Zusatz, „du schaffst es, ich hab’s schließlich auch geschafft.“

Es gab an diesem Morgen keinen Kräutertee, die Umarmung zum strahlenden Sonnenschein blieb aus. Stattdessen reichte sie ihm ein Buch. „Du willst dich entscheiden, wer du bist? Hier findest du vielleicht, wohin dein Leben dich führen wird. Lies. Aber verschwinde. Am besten gleich.“

Mit dem Ärmel ihres weißen, selbstgestrickten Wollpullovers wischte sie sich eine Träne von der Wange. „Du weißt, ich liebe dich. Aber dein Selbstmitleid und dieses endlose Gejammer über alle Schuld der Welt…“ Sie schnäuzte sich. „Dein Gewinsel über deine Misere, in die dich nur Andere immer wieder bringen, ist nicht auszuhalten. Find endlich mal deinen eigenen Weg und vor allem deinen eigenen Wert.“ Carlo abrupt den Rücken kehrend, verschwand sie mit Boomer aus der Tür.

Ein kalter Wind durchfuhr die siebzig Quadratmeter große Dachgeschosswohnung. Mit schallendem Knall war die Tür ins Schloss gefallen, der Luftzug hinterließ einen Streif ihres dezenten Parfüms. Ruhe.

„Mann Tasko, und jetzt?“

Carlos Labrador blickte zwar etwas überrascht drein, verstand aber durchaus Nadjas Missmut. Leise grunzend rollte er sich von links nach rechts, zog wie so oft, seine linke Lefze hoch und grunzte erneut. Dann schleckte er sich übers Maul und schloss die treuen Augen wieder. „Sie ist ein herzensguter Mensch, liebt mich und ich bin nur der Arsch. Wieder mal“, ging es Carlo durch den Kopf. Das Selbstmitleid kam durch und wieder saß er einfach nur da und weinte die Tränen eines Unverstandenen, der nichts anderes wünschte als selbst lieben und geben zu können.

Ihr Zuhause war die reinste Oase der Entspannung, ihm hingegen lange Zeit ein Rätsel. Eine allein stehende Frau mit so viel Liebe im Herzen, gab sich her für die Mitmenschlichkeit, die Liebe unter den Menschen. Warum gab sie so viel von sich für andere, wollte Carlo wissen.

Ihre knappen Antworten, meist verschlüsselt, unverständlich erscheinend für einen ungläubigen Kneipengänger und Frauenverächter, wie er sich selbst nannte, gaben ihm keinen Aufschluss über ihr Dasein. Carlo wusste seit Jahren, dass da im Universum, wie sie es alle nannten, noch mehr zu finden war, hatte es selbst durchlebt.

Die „universellen Energien“, wie Nadja die Kommunikation der Seelen, die Telepathie beschrieb, beruhte auf irgendetwas, von dem er längst wusste; er konnte es nur noch nicht erfassen, nicht verstehen. Er selbst war schon seit so vielen Jahren auf der Suche.

Carlo glaubte fest daran, selbst seit langem keinen Funken der Liebe, der Menschlichkeit mehr in sich zu haben. Warum also traf er gerade Nadja, die so bestimmt und selbstsicher in sein Leben trat, mit der festen Absicht, dieses, und somit ihn, den rauhbeinigen Carlo, zu ändern?

Sie war ein Mensch mit Grundstrukturen in der katholischen Kirche und in der strengen Erziehung durch die gläubigen Eltern verankert, hatte den unabdingbaren Glauben an die Erzengel Michael und Gabriel, glaubte an die Aussagen einer beliebig gezogenen Karte aus einem bunten, indianischen Tierkartenset und an die Weisheit der alten Freundin Erna Dora.

Die war Nadjas erste und richtungweisende Lehrerin in der esoterischen und spirituellen Welt. Erst vor sechs Jahren lernten die beiden Frauen sich während eines Esoterikseminars kennen. Nadja glaubte an die große Liebe, ihre Liebe zu Carlo, die sie ihm schon nach einigen Tagen gestand.  Der wilde Carlo allerdings konnte damit nichts anfangen. Er seufzte. „Liebe auf den ersten Blick, was Tasko? So ein Quark.“

In Erinnerungen schwelgen war sein liebstes Hobby und so trieben ihn die verheulten Gedanken wieder in die Ferne zu einer ihrer ersten Spaziergänge, damals im Wald, als sie ihm so plötzlich und für ihn völlig überraschend und unverständlich ihre Liebe gestand.

Sie glaubte an eine besondere Liebe, die Carlo sich bis dahin nicht erklären konnte, nicht wollte. Liebe die Carlo kannte, war die, die ihm als sexuelles Begehren erschienen war, Liebe als Geben und Hingabe zu empfinden, sich aufzuopfern für jemanden allerdings war ihm fremd.

Nadja glaubte auch an die Kraft der Steine und die Macht der Gedanken. Sie konnte die Aura eines Mitmenschen sehen. So zumindest, hatte sie es ihm beschwichtigt, damals am Waldrand. Er habe eine schöne, aber momentan sehr verletzte Aura. Wieder verstand er nicht was sie meinte, tat es mit einem Kopfschütteln als Scharlatanerie ab. Er wehrte sich gegen die Einsichten, die er eigentlich schon lange erkannt, nicht aber wahr haben wollte.

Nadja verließ sich auf die Kraft und Güte der Energien des Universums und die Aussagen der Chakren, der Energiezentren im Körper. Ihre ganze Person zeugte von diesen Kräften, von der Allmächtigkeit ihrer Engel. Sie lebte einzig für die ganzheitliche Liebe in der Natur. Er hingegen lebte im Suff, in der Bikerszene, in erlernten Strukturen der Unterwerfung aus seinen gescheiterten Beziehungen und nicht zuletzt vom Arbeitsamt.

Da stand er also mit brummendem Schädel, traute Augen und Ohren nicht, fühlte sich mieser denn je und brach in Tränen aus. Der Abend zuvor war ein Manöver gewesen, ihr aus dem Weg zu gehen. „Das hat ja wohl auch funktioniert“, sagte er verdrossen und schämte sich wieder einmal seiner Macho-Art, die er seit Jahren in sich trug und weder richtiggehend ablegen konnte, noch wollte.

Er hatte Nadja sehr gern, war möglichst oft mit ihr zusammen und verbrachte gern schier endlose erscheinende und durchaus intelligente Gespräche mit ihr. Gespräche, die ihm interessante, neue Horizonte eröffneten und seine Fragen zumindest zu einem Teil beantworteten, ihm einen Ansatz zur Erklärung des erweiterten Horizonts gaben.

Aber lieben konnte er sie nicht. Zumindest nicht in einer Beziehung, wie sie es sich wünschte. Er hatte Angst, sie zu verlieren. Das klang paradox, entsprach aber genau den Grundzügen seiner Mannesart. Er wusste noch nichts von den eigenen Depressionen, die der ganze Hintergrund für sein arrogantes, selbstsüchtig erscheinendes und oft unsinniges Verhalten waren.

Bislang verlor er alle Menschen zu denen er nahe stand, die er liebte, denen er zu geben versuchte. Und somit trotzte er jeder neuen Beziehung, erwehrte sich jeglichen Gefühls und flüchtete in Kneipen, flüchtete um den eigenen und den Gefühlen anderer auszuweichen.

Carlo wollte Nadja nicht verletzen. Er versuchte, beiden den notwendigen Abstand zu gewähren. Freunde zu werden, sich nahe sein zu können ohne die psychische Berührung zu durchlaufen, war sein Wunsch. Die beste Ausrede für das Versagen auf ganzer Linie konnte er so einfach durch das ‚Arme Ich Syndrom’ finden. „Keiner liebt mich und darum, nur darum, schaffe ich nichts wirklich“ war seine Entschuldigung und auch hier fand die immerwährende Flucht vor der Realität, nämlich dem eigenen Versagen, durchaus fruchtbaren Boden.

Er wusste einfach nicht, wie er sich verhalten sollte in ihrer Gegenwart. Er wollte sie doch umarmen und um sich herum haben, konnte aber ihre weitergehende Zärtlichkeit nicht erwidern. Natürlich hatte er mit ihr die eine oder andere Nacht verbracht, hatte mit ihr geschlafen. Meist endete das in einem Alptraum.

Er wollte Sex. Sex, der ihn befriedigte. Sie hingegen wünschte sich, liebevolle Zärtlichkeit auszutauschen, wollte küssen und schmusen, stundenlang streicheln und sich seiner annehmen. Das passte einfach nicht zusammen. Im Gegensatz zu Carlos letzter, flüchtiger Beziehung mit seiner jungen Nachbarin war dies Mauerblümchensex, mit dem er nichts mehr anzufangen wusste.

Also mied er Nadja auf Gefühlsbasis, verbrachte die Zeit mit ihr als vermeintlicher Kumpel und fühlte sich einigermaßen geborgen, während sie Höllenqualen erlitt.

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