9. Glücklichster Moment im Leben

Delfine!

Zusammen gingen die beiden in die Stadt, ließen Tom, der auf Tasko aufpassen wollte und sichtlich froh über ein wenig Pause war, in der Herberge zurück. Der jüngste Sohn des Herbergsvaters hatte sich mit Tasko bereits angefreundet, spielte mit ihm im Gras. Tom konnte ruhen und sein Tagebuch vervollständigen, während Lena, Carlo stützend, zur Apotheke ging und eine Salbe für Taskos Tatzen ergatterte, um die Wunden zu desinfizieren.

Für sich ersteigerte Carlo ein paar Badelatschen, damit er nicht dauernd die mittlerweile völlig durch gelatschten Stiefel tragen musste und für Tom erhielten sie ebenso eine gute Salbe, ein Blasenpflaster und ein Päckchen Verbandgaze um den Fuß zu bandagieren und die Wunde zu schonen.

Zurück in der Herberge gab Lena den beiden Rücken- und Fußmassagen, die wie Balsam wirkten. Danach richtete sie Carlos Rückenwirbel mit einer gekonnten Dorn-Breuss-Behandlung und gab Tom  anschließend eine Anwendung der Fußreflexzonen, die diesem wie ein Geschenk der Engel erschien.

Während der verschiedenen Behandlungen fühlte Carlo sich stark an Nadja erinnert, die auch diese Art des natürlichen Heilens anwandte. Es half wirklich immer. Nadja, wie auch Lena, brachten die Anwendungen zu wahren Erfolgen.

„Ohne Druck, einfach mit Gefühl und ein paar passend eingesetzten Energien lässt sich so vieles in Körper und Geist bewirken“ pflegte Nadja zu kommentieren.

„Unglaublich“ entfuhr es Tom, als der wie ein junges Reh aus dem Plastikliegestuhl aufstand. Nach der Behandlung waren die starken Kerle wieder einigermaßen fit, selbst Carlos Knie ließen mit sich reden, morgen weiter zu laufen. Zusammen mit zwei deutschen und einem französischen Pilger, der schon seit achthundertfünfzig Kilometern unterwegs war und seit einigen Tagen Probleme mit den Kniescheiben erduldete, erwarteten sie den Abend in der zum Teil noch im Rohbau stehenden Herberge.

Das Abendessen wurde vom Herbergsvater, der auch der Pater der örtlichen, christlichen Gemeinde war, persönlich aufgetischt. Er setzte sich kurz zu ihnen an den großen Tisch und sprach ein Gebet auf Spanisch, wünschte allen einen guten Appetit und ermahnte die mittlerweile nahezu zwanzig Pilger umfassende Gruppe in gebrochenem Englisch: „Die wirklich glücklichen Momente im Leben darf man nie vergessen. Man hat sich schneller an unwichtigem Zorn ereifert, als an einer wirklichen Freude.“

„Wahre Worte“, meinte Lena, nachdem Carlo ins Deutsche übersetzt hatte. Der Pater bedankte sich im Namen seiner Kirche für ihrer aller Kommen und ging bald wieder zu seiner Familie.

Die Pilger unterhielten sich bis spät in die Nacht während sie die ruhige Atmosphäre und das bereits  freundliche Ambiente der noch unfertigen Herberge genossen. „Ich werde morgen eine Etappe mit dem Bus zurücklegen müssen“ kommentierte Jean, der Franzose.

Zwei deutsche Männer waren beide Mitte Sechzig und gingen den Camino in der Hoffnung, dass er ihnen die Geheimnisse ihres Daseins eröffnete. Dem Bauingenieur bereitete es Probleme, die tägliche Normalität, das Dasein zu begreifen. Er konnte sich nicht mehr an die generellen Strukturen seines Lebens gewöhnen.

„Ich finde mich nicht mehr in der schnelllebigen Welt zurecht, will auf dem Camino den Weg der normalen Menschen gehen, um wieder mit dem einfachen Leben in Einklang zu kommen. Was nutzt mir der ganze Luxus in meinem Leben?“ Er räusperte sich. „Letztes Jahr ist meine Frau verstorben und ich war nicht mal in der Lage, ein simples Frühstück zu bereiten. Ich war völlig aufgeschmissen, ohne sie, ohne fremde Hilfe. Ich habe sie sehr geliebt, aber nie bemerkt, dass sie auch sehr unglücklich war. Wenn sie mich fragte, was ich mir zum Essen wünschte, sah ich nicht einmal von der Arbeit auf. Ich widmete ihr keine Zeit. Der glücklichste Moment in meiner Ehe war unsere Hochzeit, dann noch die Geburten unserer Kinder und endlich der drei Enkelkinder.“

Er seufzte. „Dann ist sie letztes Jahr an Krebs gestorben. Einfach so. Und da erst merkte ich, was wir alles noch vorhatten, was ich ihr alles vorenthalten habe. Wegen der Arbeit! Ich wünsche mir so sehr, alles wieder gut machen zu können, aber das ist nun zu spät. Vielleicht kann ich jemand anderem eine Freude bescheren, meinen Enkelkindern vielleicht, wenn ich wieder Mensch geworden bin. Ich weiß nicht mal, welches die glücklichsten Momente in Leben meiner eigenen Frau waren.“ Die Tränen erstickten seine Worte, die anderen Pilger schauten etwas beschämt unter sich, waren verloren in ihren Blicken.

Sein Wanderfreund brach das verhaltene Schweigen, tröstete ihn knapp und sagte zu den anderen: „Ich bin auch ziemlich wohlhabend, habe eine gut gehende Firma und einen Haufen Angestellte. Meine Familie ist immer wohlhabend und gesund gewesen, wir haben immer der Kirche gedient, ich habe immer viel Geld gespendet. Jahrein, jahraus. Eigentlich nur Gutes getan. Dachte ich zumindest. Letztes Jahr ist mein fünf Jahre alter Enkel verunglückt. Er liegt seit elf Monaten im Wachkoma und wird wohl nie wieder zu sich kommen.“ Er schluckte, seufzte.

„Was ist geschehen?“ fragte Lena sichtlich ängstlich. „Der Unfall ist mit einem meiner Lastzüge geschehen. Der Kleine spielte hinter dem Laster, ich bin rücklings aus der Werkstatt gefahren, habe ihn überrollt. Ich habe mein eigenes Enkelkind überfahren.“

„Wie schrecklich“ entfuhr es Lena. „Ja. Ich suche Hilfe bei den einfachen Menschen, möchte verstehen lernen, warum Dinge geschehen, die wir nicht erklären können. Warum habe ich den ganzen neureichen Kram um mich geschaffen, um dann meine eigene Familie zu zerstören?“ Er konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Was nutzt mir heute der glücklichste Moment in meinem Leben, als mein Enkel geboren wurde? Was bleibt mir jetzt noch vom Glück der Familie, deren Leben ich selbst zerstört habe?“

Die Pilger schwiegen, jemand bat den Pater, zu ihnen zu kommen. Dann beteten sie, die aus allen Windrichtungen hier zusammen getroffen waren, zusammen ein langes, herzliches Gebet in zehn verschiedenen Sprachen. Danach redeten sie noch lange über Sinn und Unsinn des Lebens, über die kleinen, wichtigen Begebenheiten und die großen, unwichtigen Taten. Der Franzose war unterwegs, die Trennung von seiner Familie zu überwinden. Seine Frau hatte ihn verlassen, weil er nicht mehr bei ihr lebte, sondern in Reisen und Arbeit verging. Auch Lena ging ihren Weg aus privaten Problemen, kindlichen Erinnerungen.

Carlo war so mit dem Leid der anderen, derer Tränen und Schmerzen beschäftigt, dass er über seine Gründe, den Camino zu laufen erst gar nicht berichten wollte. Im Vergleich zu den drei Männern und den Kindesmisshandlungen Lenas schienen ihm seine Gründe nichtig. Es wurde langsam spät und alle gingen zu den Nachtlagern, sichtlich bedrückt durch die gemeinsamen Schicksale, die sie hier versuchten zu flicken. Sie alle wussten voneinander, dass sie hier waren, um zu versuchen, die Risse im eigenen Leben zu kitten.

Die übliche nächtliche Unterbrechung kam mit dem mittlerweile zur Nachtordnung gewordenen Gewitter gegen elf und erneut wurde er um drei Uhr morgens geweckt, als Tasko ohne ersichtlichen Grund wie wild bellte. Er kletterte aus dem Schlafsack, lugte aus seinem Zelt und war überwältigt.

Er genoss den Anblick eine ganze Zeitlang, atmete die Energie der feuchtklaren Sternennacht ein, dachte an die Geschichten der Pilger und wünschte sich, dass auch sie einmal solch eine Sternennacht sehen würden. „Das würde ihnen einen der wirklich schönen Momente näher bringen und ihnen die Schmerzen ein wenig lindern“, sprach er zu Tasko, der jetzt frei herum streunte.

Die Entscheidung war schnell gefasst. Er stand auf und ging zu den Herbergsräumen, weckte die drei schlafenden Deutschen sowie Tom und bat alle nach draußen. Etwas überrascht, ja verdutzt, kamen alle mit. Den Franzosen ließ er schlafen, der hatte den Anblick ja schon hundert Mal gesehen, wie er am Abend zuvor berichtet hatte. Zudem würde sein Knie die Ruhe benötigen. Die vier waren so entzückt, so fasziniert von dem Anblick der Sternenmengen, dass sie beschlossen, den Rest der Nacht auch hier draußen zu verbringen. Sie alle sahen die Sterne nicht zum ersten Mal, aber in dieser Nacht war es irgendwie anders. Sie holten die Matratzen der Etagenbetten und lagen noch lange redend unter dem Vordach der Herberge im Sternenmeer, eingehüllt in Schlafsäcke und gute Gedanken. Glücklich, wie es Carlo erschien.

Am kommenden Morgen, nach einer einigermaßen durchschlafenen Nacht, packte Carlo schon früh seine Sachen und gegen sieben Uhr brachen die meisten langsam auf. Tasko war recht fit, Carlos Knie guter Dinge. Tom, Carlo und die anderen Wanderer verabschiedeten sich voneinander und bedankten sich gegenseitig für den schönen gestrigen Abend, insbesondere bei Carlo, der ihnen, so der Bauingenieur, das Universum näherbrachte.

Lange dachte Carlo über diese Nacht nach und freute sich zum ersten Mal seit langer Zeit einer Anerkennung aufgrund einer guten, wenn auch keiner besonderen Tat. Tom war zurück geblieben, wollte ein paar Tage ausspannen. Ob er ihn wieder sehen würde?

Im nächsten Ort kam er schon gegen neun Uhr früh an, kaufte einiges an Proviant und marschierte nach dem Auffüllen der Wasservorräte am erquickenden Brunnen weiter zu einem nahe gelegenen Olivenhain, um ein ordentliches Frühstück und eine kurze Siesta einzulegen. Die Gespräche, das Erlebte des gestrigen Tages hatten ihn nicht losgelassen, waren aber auch nicht wirklich an ihn herangetreten weil er eine direkte Relation zu seiner Familie in vielen Punkten sehen konnte. Er kannte ja vieles bereits.

Im Schatten der Olivenbäume liegend, streiften seine Gedanken in die Vergangenheit, bis in seine Kindheit, an die er sich nicht mehr recht erinnern konnte. Seine Eltern zeigten ihm einst Bilder aus seiner Vorschulzeit als er lockig und  hellblond war.

Das waren Bilder einer Zeit, an die er nicht die geringste Emotion binden konnte. Die Zeit begann für ihn eigentlich erst mit der Arbeit auf dem Bauernhof seiner Schwester, als er fünf war und schwarzhaarig.

Es war die Zeit, als es daran ging, zur Schule zu gehen. Davor nichts. Schwarze Löcher in einer Kindheit wo andere von Erlebnissen in frühestem Säuglingsalter sprachen und die tollsten Erlebnisse berichteten, was sie mit zwei, drei, vier Jahren alles erlebten. Bei Carlo war nichts. Danach begann ein Leben der Arbeit. Nicht so, wie man dies aus Kriegskinderzeiten her kannte, kein Zwang. Doch die ständige Präsenz auf dem Hof, Kühe treiben, Traktor fahren, Heu und Stroh einholen war prägend.

Tagsüber war er eigentlich immer bei Schwager und Schwester am Hof, konnte sich kaum an Erlebnisse mit seinen Eltern erinnern. Mit der Mutter war er einmal zum Schwimmen ins benachbarte Dorf geradelt, ein anderes Mal waren sie in der damals für ihn als riesige Großstadt erscheinenden Nachbarstadt mit sechstausend Einwohnern und kauften Hosen und Pullis, seine ersten eigenen neuen Sachen. Mit sechs, so konnte er sich erinnern. Davor bekam er meist die abgetragenen Dinge seiner Brüder. Im Abstand von sechs Jahren, nicht unbedingt der neuesten Mode entsprechend, aber wen kümmerte das damals schon.

Das knattern eines Mopeds weckte ihn aus seinen Tagträumen und als ob es eine Bestätigung sein sollte, fuhr ein dreizehnjähriger mit einer alten Fünfziger auf dem Feldweg an ihm vorbei, die blaue Jacke viel zu groß, Hose mehrfach umgeschlagen, die Schuhe ausgelatscht und ohne Senkel. Er fuhr mit Sicherheit zur Arbeit.

Tasko spitzte kurz die Ohren, nickte jedoch sogleich wieder ein, träumte wohl von Hasen und anderem Jagdgetier. Seine Vorderläufe galoppierten, der Atem wechselte von rasend schnell zu verschnaufend langsam.

„Na, mich hat es jedenfalls nicht gestört, die alten Klamotten der anderen zu tragen, und den da stört es ja auch nicht, was Tasko? Das ist auch heut nicht anders.“ An Erlebnisse mit seinem Vater erinnerte er sich nur sehr wage, der hatte seine Firma, viel Arbeit, und auch abends selten Zeit. Aber da war Carlo sicher kein Einzelkind.

Während er weiter umher träumte kam ihm wieder ein Gedanke an die Gespräche des vorigen Abends. „Der Bauingenieur erwähnte den schönsten Augenblick in seinem Leben, wann war denn der eigentlich in meinem Leben, Tasko?“

Ohne eine Reaktion abzuwarten redete Carlo weiter. „Der schönste Augenblick in meinem Leben?“ fragte er sich erneut. Er konnte sich an keinen wirklich herausstehenden Moment, kein besonderes Ereignis erinnern, setzte sich auf, konzentrierte sich, versuchte, einen Punkt in seinem bisherigen Leben auszumachen, der ihm ewig in Erinnerung geblieben war und weiter bestehen würde. Keine Reaktion, kein Nervenstrang schwoll an und brachte die Eingebung, sich an einen solchen Moment zu erinnern, keine Zelle seines Hirns rührte sich. „Das gibt’s doch nicht“ rief er in den totenstillen, nur vom Zirpen der Grillen unterbrochenen Nachmittag. „Du bist vierzig Jahre alt und kannst dich an keinen Moment erinnern, der dein Herz höher schlagen lässt? Ich glaube es ja nicht“ war seine Reaktion, über die er anfangs lachen musste, dann aber doch betrübt nachdachte.

„Die Siesta ist rum, Hund, erhebet euch und lasset uns weiter marschieren, dem Heer folgend. Die schöne Muse erwartet unser holdes Kommen“, waren seine gekünstelt lustig klingenden Worte. Nach Lachen allerdings war ihm wirklich nicht zumute. Kaum aufgestanden und den schweren Rucksack aufgeschnallt, rollten, ausgelöst von einer weiteren depressiven Wechselphase aus voller Leidenschaft die Tränen über seine Wangen.

„Ich kann es nicht fassen, suche vergebens durch mein ganzes Leben und finde keinen Punkt, der es wert wäre, als der Schönste meines Lebens dargestellt zu sein? Wie traurig ist das denn, Tasko?“

Der Weg führte weiter durch schöne, entlegene Bergwälder und über Wiesenpfade. Eine der guten Weinbauregionen Nordspaniens, wie ihm einer der Bauern, der in den Weinbergen arbeitete, zusicherte. Die Sonne brannte. Carlo schaute in die Karte, stellte fest, dass nach den heutigen bereits gelaufenen achtzehn Kilometern noch drei weitere bis zur nächsten Ortschaft vor ihnen lagen.

Hier in diesem schönen, verschlafenen Kleinstädtchen machte er Rast, war so verzückt von der Freundlichkeit der Menschen und der entspannten Atmosphäre, dass er beschloss, ein paar Tage abseits des Pilgerpfades an einem Flussbett zu campieren. Die Gelegenheit ergab sich, dass nahe des Flusses ein kleiner, nahezu leerer Campingplatz lag, in dem er eincheckte und sich für ein paar Tage ganz dem Sinn und Unsinn des Lebens widmen konnte. Wäsche waschen, Einkaufen, Hundepfoten und Kniescheiben pflegen, das verloderte Tagebuch aufholen und ein wenig Siesta machen nach all dem Streben und Treiben der letzten Tage war angesagt.

Erst drei Tage später, erholt vom vielen Relaxen und mit frischen Einkäufen beladen gingen Tasko und Carlo die nächste Etappe an. Es lief sich gut, die Pfoten waren nahezu verheilt und die Lust auf den Camino war wieder ungebrochen. Mit dem Annähern an die nächste Stadt allerdings schwanden seine Hoffnungen, erneut ein gemütliches Fleckchen für die nächste Nacht zu ergattern.

Die erhoffte Muse entpuppte sich als graues Industriegebiet mit düsteren Fabriken und stinkenden Werkshallen. Man begrüßte den ‚Peregrino con Perro’ nicht gerade freundlich. Ein Fluss am Stadtrand war dermaßen von Müll und Unrat überladen, dass er sich entschied, diese Stadt komplett zu meiden. Zudem gab man ihm in der Herberge, die er anlief, um einen Durchgangsstempel zu erhalten, gleich zu verstehen, dass ein Hund und somit auch er hier nicht erwünscht sei.

Einzig ein junger Südafrikaner begrüßte sie freundlich. Die beiden schwatzten eine Weile über die Beweggründe des Afrikaners, hier in diesem schmutzigen Industriestädtchen zu arbeiten, was er mit der Notwendigkeit begründete, als Schwarzer annehmen zu müssen, was ihm geboten wurde. Diese Aussage erschreckte Carlo und sollte ihm eine passende Lektüre für die kommenden Kilometer bis zum nächsten Ort sein.

Noch in der Stadt bemerkte er, dass Tasko erneut Probleme mit seinen Pfoten zu haben schien. Er humpelte wieder vorn links, was bedeutete, langsamer gehen zu müssen, dem schwarzen Freund Zeit zu gewähren, die er benötigte, geschunden, aber heil anzukommen. Besonders die Schotterpisten und die Betonböden der Industriestädte waren verheerend für die samtigen Pfoten des Schwarzfells, der hingegen wusste ja nicht mal, warum er diese Strapazen mit seinem Herrchen überhaupt durchmachen musste.

Nach der stressigen Stadtdurchquerung nahm er sich noch einmal die Zeit, in einem kleinen Nadelgehölz am Wegesrand eine Pause einzulegen. Tasko fiel um wie ein Sack Mehl, schlief umgehend. Carlo rieb ihm die Pfoten mit der Heilsalbe ein, bemerkte aber auch die großen, wieder offenen Risse in den Schwimmhäuten der Pfoten. Er dachte nach, ob der Hinweis des Afrikaners ein Wink gewesen sei, die Unterkunft in der Herberge trotz der unfreundlichen Gesten anzunehmen, wunderte sich, ob es vernünftig war, weiter zu laufen. In der Stadt gab es sicher Möglichkeiten, Taskos Pfoten erneut zu versorgen.

War er nur aus Eigennutz weiter gegangen? Erneut drehten sich seine Gedanken in minutiösem Hin und Her um die eigene Verantwortung und um seine immer wieder kehrenden Schuldgefühle, die oft nicht einmal der Realität entsprachen.

Es dauerte nicht lange, bis er depressiv unter einem Baum saß und sich verfluchte. Erst nach einer Stunde Zeterns und Verzweifelns legte er sich neben Tasko und schlief drei Stunden in dem Waldstück. Geweckt wurden die beiden erst von einem, in einiger Distanz vorbei knatternden Motorrad eines Weinbauerns.

Nach der Siesta lud Carlo noch ein wenig Kraft und Energie, indem er rücklings an einen dicken Baumstamm lehnte. Eine vage Erinnerung besuchte ihn. „In dem Traum da eben war etwas. Ein Erlebnis mit Delfinen“, erinnerte er sich. Er setzte sich aufrecht, presste sich ein wenig stärker an den Baumstamm und konzentrierte sich auf den Traum. Die Beine gekreuzt, die rechte Hand in der Linken ruhend, die Wirbelsäule gerade entlang des Baumstamms gelehnt, begann er eine Meditation, wie es ihn einst ein buddhistischer Mönch lehrte.

Diese Selbstreinigung, in Kombination mit den Energieströmen aus der Kraft des hölzernen Riesen, klärte seinen Geist, er konnte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder ausschließlich auf ein positives Ich konzentrieren und besann sich.

Über Jahre war das Erlebnis völlig verdrängt, er konnte sich nicht mehr an die wundervolle Begegnung mit den Delfinen erinnern, musste diesen Moment aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen ins Dunkel seines Unterbewusstseins gestellt haben, bis er hier aufgrund seiner konzentrierten Gedanken endlich die Verknüpfung an das Ereignis wiederfand.

Nach fast zehn Jahren war die Erinnerung wieder erwacht. Zurück kamen die Bilder in Wogen, setzten sich zusammen aus alten, längst verdrängten Erinnerungen, formierten sich zu einer reellen Begebenheit.

Er befand sich auf der Landstraße zu dem schönsten Ereignis in seinem Leben. Ein Wegweiser am nördlichen Ende der Strandstraße des Industriestädtchens in Westaustralien war ihm aufgefallen. ‚Schwimme mit den wilden Delfinen“, stand in großen Buchstaben darauf. Sein erster Gedanke war, noch nie einen wilden Delfin gesehen zu haben, geschweige denn mit einem geschwommen zu sein. Den Hinweisen bis zu einem Schuppen direkt im Industriehafen folgend, sah er einen großen Dampfer der soeben vom Weizenkai ablegte und Fahrt in Richtung offenes Meer nahm. „Hier inmitten dieses Getöses der Maschinen und Schiffe sollten Delfine freiwillig zu Menschen kommen?“ fragte er ein lässig vor dem alten Schuppen an einem Surfbrett lehnendes Mädchen.

„Sicher, sie kommen jeden Morgen“ sagte die Australierin in ihrem fröhlich, freundlichen Lächeln. „Jeden Morgen?“ Äffte Carlo sie nach. „Ja.“ Sie beschrieb ihm die Geschichte der wilden Delfine die vor zwanzig Jahren anfingen, von einer älteren Frau im Industriehafen Fischreste anzunehmen. Als sie zu alt wurde, die Delfine zu füttern, erzählte sie ihrem Enkel davon, der Meeresbiologie studierte.

Vor einigen Jahren war die alte Frau verstorben. Die Stadt erlaubte deren Enkel, Forschungen mit den Tieren anzustellen, finanzierte das Unterfangen aber nicht. Die Studenten der Universität errichteten einen Schuppen in Eigenleistung, teilen sich die Arbeit und die Touristen ließen Spendengelder da. Die Delfine wurden nicht mehr gefüttert und kamen dennoch um die Menschen zu sehen.

„Man kann Pate eines Delfins werden. Würdest du auch einen Delfin adoptieren?“ Carlo beschloss, den Tieren am kommenden morgen zuerst einen Besuch abzustatten und dann über eine Patenschaft nachzudenken.

Er übernachtete in einem Backpackers und fuhr am nächsten Morgen um Fünf zum Strand. Einige Studenten und Touristen bewegten sich schon im angenehm frischen Wasser. Kurzerhand lieh sich Carlo Schnorchel, Maske und Flossen aus. Mit Erlaubnis des aufsehenden Studenten Jim ging er zusammen mit einem dänischen Forscher und einer holländischen Lehrerin ins Wasser. Sie paddelten ein paar Runden im Kreis, wie ihnen geheißen wurde und innerhalb weniger Minuten schwammen sechs Delfine bei ihnen.

Carlo stockte der Atem. Er verschluckte sich, als der Kleinste der Tümmler geradewegs auf ihn zu schwamm und mit seiner Spitznase auf Carlos Taucherbrille stupste. Dann legte er sich quer zu ihm auf die Seite und schlug mit seiner Flosse leicht ein paar Mal auf die Wasseroberfläche. „Er spielt mit mir“ sagte Carlo laut und war plötzlich verlegen über diesen freudig-kindlichen Ausspruch. Ein etwas größerer Delfin kam an seine Seite und fiepte. Das Geräusch drang ihm bis ins Knochenmark, ein kalter Schauer jagte über seinen Rücken, Haare stellten sich zu Berge. „Ist das Realität oder träum ich?“ Sein Herz raste. Diese Begegnung, das einmalige Erlebnis, diesen völlig wilden Tieren so nahe zu sein, mit ihnen schwimmen, spielen zu können, nahm ihm nahezu den Verstand.

Er pfiff ein paar Töne unter Wasser, die mehr nach unkontrolliertem Blubbern klingen mussten, und traute seinen Ohren nicht, als der Kleine, der eben mit ihm spielte, zurück fiepte. Obwohl es verboten war, konnte Carlo nicht widerstehen, das größere Tier zu berühren. Sanft streichelte er über die Rückenflosse und wieder drehte sich der Delfin zur Seite, ließ es einfach geschehen. Die Tümmler schwammen noch einige Runden um die Menschen, verschwanden dann im Dunkel des indischen Ozeans, hinterließen Carlo und die anderen Besucher fasziniert im warmen Wasser des indischen Ozeans zurück.

Gemeinsam schwammen die drei zurück zum sandigen Strand und konnten gar nicht schnell genug austauschen, was ihnen soeben widerfahren war.

Er blieb noch ein paar Tage in Bunbury, schwamm noch einige Male mit den wilden, sanften Tieren und genoss den Anschluss an die freundliche Kommune der Delfinfreunde und mehr noch jede Minute bei den Tieren.

Tasko stupste ihm mit seiner kalten Nase mitten ins Gesicht. Carlo erwachte, wollte Wasser aus dem Schnorchel prusten und realisierte erst jetzt, dass er nicht im indischen Ozean von einem Delfin, sondern von seinem treuen Begleiter Tasko inmitten dieses Waldstücks geweckt worden war. Die Zeit war weit voran geschritten, sie mussten weiter. „Hey, hast du jetzt auch ne Uhr oder was ist los?“ Tasko antwortete nicht, stellte mal wieder seinen Kopf quer, schaute den Freund von der Seite her an. Der stand auf, schulterte den Rucksack und machte sich frischen Schrittes an die letzten Kilometer zum nächsten Ort der Rast.  

Carlo war traurig. Er nannte den Camino mittlerweile den Weg der Tränen. Oft weinte er einfach aus heiterem Himmel, manchmal weil Dinge aus seinem tiefsten Innern hervor kamen, die er längst vergessen glaubte, andere Male auch aus dem so lange schon in sich festgebrannten Selbstmitleid. Aber auch aus der Freude der Erkenntnis, dass er selbst doch noch wirklich schöne Momente empfinden, sich an den kleinen Dingen des Lebens letztendlich wieder erfreuen konnte. Er wusste, um seine Eigenschaft, Gefühle, Ausbrüche der Wut, Frustration und Unbehagen herauslassen zu können, beneideten ihn viele seiner Bekannten und Freunde.

Andere bewunderten an ihm, wie er die Emotionen der uneingeschränkten Freude, der Liebe, der bedingungslosen Hingabe heraus lassen, sich gehen lassen und aufopfern konnte für einen Freund oder eine Aufgabe.

In seiner Spontaneität, die viele der in alten Strukturen eingefahrenen Menschen längst verlernt hatten, war seine wahre Natur zu erkennen. Gefühle genießen, Verweilen können um das Gras wachsen zu hören, Kindern beim Spielen auf der Straße zu zusehen, Menschen mit ein paar frohen und freundlichen Worten beglücken, waren Dinge die ihm wirklich wichtig waren, die er seit Jahren aber unterdrückte. Warum? Er konnte es nicht sagen.

„Ich habe schon so lange keine Münze in einen fremden Parkautomaten mehr gesteckt“.

 Der Gedanke daran brachte ihn zum Schmunzeln. Es würde wohl noch eine ganze Zeit benötigen, die Fröhlichkeit, das Lachen, das einfache Miteinander und Füreinander so auszuleben, wie er es als Kind und Jugendlicher konnte, durfte. Er würde daran arbeiten müssen, die Schönheiten des einfachen Lebens wieder genießen zu können.

„Der Camino eröffnet mir schon jetzt so viele der einfachen Strukturen, die sich mir längst entzogen haben. Es kann noch soviel Gutes kommen.“

Sie waren bereits wieder einige hundert Meter gegangen. Langsam und bedacht setzte er einen Fuß vor den anderen, konzentrierte sich auf den Moment, verfolgte Taskos Lauf in die Weinhänge und Olivenhaine, erfreute sich an Sonne, Natur und der idyllischen Stille. Dann verfiel er wieder in die Vergangenheit. Das Erlebnis mit den Delfinen war bei Weitem nicht das einzige in Australien, blieb aber sicher das ergreifendste in seinem Leben.

Er adoptierte damals den jungen Delfin Snoopy, weil der so keck mit seiner Schnauze war. Adoption war nur der Begriff für finanzielle Förderung des Delfinprojekts der Studenten, aber es war ok, gab Carlo das Gefühl etwas für die Tiere getan zu haben. Sie hatten schließlich auch etwas für ihn getan.

Drei Jahre später war er noch einmal nach Bunbury gereist, bestürzt, dass die Industrie, wie so oft im Leben, den Freiraum für die Säuger allmählich verdrängte; die Delfine kamen nur noch selten und die Studenten waren den Touristenbussen gewichen. Grund genug für Carlo, die Adoption aufzugeben.

Gedanken an die schöne Zeit und das Aufleben lassen des ‚Damals’ schmerzten ihn und wieder konnte er seine Tränen nicht einhalten. Er hatte mittlerweile gelernt, sie einfach laufen zu lassen. „Das ist das Beste, es reinigt deine Seele. Ängste werden durch gute, positive Energie ersetzt“, war Nadjas Kommentar immer, wenn er an Depressionen litt.

Als er abends endlich in der nächsten Kleinstadt ankam, begrüßten die Herbergsbetreuer, zwei liebenswerte Holländer, die beiden herzlich. „Hinter der Kirche ist ein schöner Garten, dort könnt ihr campieren.“ „Danke, schön, willkommen zu sein“, erwiderte Carlo und stellte sich und seinen Begleiter vor.  „Das ist Pater Jan, ich bin Marcel, der Koch. Wir haben schon auf euch gewartet, man spricht vom Peregrino con Perro weit im Voraus“, erwiderte er.

Das Abendbrot, zu dem der Pater die Pilger aus allen Teilen der Erde einlud, wurde in der kleinen Herberge gemeinsam eingenommen. Als alle zu Tisch saßen, unterhielt Carlo sich mit Marcel. „Der Pater ist von einer solchen Herzlichkeit, seine Aura leuchtet wie ein Lichtermeer.“ „Du kannst die Aura sehen?“ Erstaunt blickte er Marcel an. „Ja, es dauerte allerdings sehr lange, bis ich es erlernte. Ich wollte nie daran glauben, aber als ich in Indien eine Lichtarbeiterin kennen lernte, zeigte die alte weise Dame mir so einiges aus dem Bereich der Übersinnlichkeit. Carlo zog die Stirn kraus und erwiderte „In Indien? Du hast schon viel gesehen, was?“

„Na ja, ich glaube, ich bin schon einiges herumgekommen. Die universellen Energien anzunehmen und zu erkennen eröffnet uns so ungeahnt viele Türen. Ich habe es von einem Priester gelernt.“ „Von Jan?“ Carlo wurde neugierig. „Ja, er weiß vieles, was man ihm gar nicht zumuten mag.“

Der Pater schaute mit krauser Stirn zu ihnen herüber und ermahnte, Stille zu bewahren. Er betete ein einfaches Gebet, dann pries er den Camino mit einfachen Worten und sprach im Einklang mit seinen Gesten über den Glauben an die Erschaffung des Lebens. Carlo, wie auch anderen Pilgern, begegnete dieser Glaube erst hier auf dem Camino wieder. Manche fanden zurück zu Gott, andere begannen, an die Schöpfung zu glauben, manche lernten erst davon, wieder andere sahen sich mit ganz neuen Erfahrungen konfrontiert.

Die unterschiedlichsten Menschen trafen sich in den Pilgerstätten, gläubig oder nicht, schwarz oder weiß, zum Zeitvertreib als Tourist oder mit einem von ‚ganz oben’ oder von innen kommenden Auftrag. Sie alle folgten dem Weg, um etwas Besonderes zu finden. Abwechslung, Freiheit, sich selbst, Antworten, Vertrauen.

Die Menschen, das Miteinander, gemeinsames Speisen, alles war etwas Besonderes für die Gemeinschaft der modernen Pilger in der Abgeschiedenheit dieser kleinen Kirche. Selbst die einfachsten Worte bei der abendlichen Diskussion über Gott und die Welt waren von solch immenser Ausstrahlung, dass selbst Carlos Zweifel ein für alle Mal erloschen. Es gab sie also doch. Glaube, Zuversicht und Güte waren die Zauberworte, denen er bislang, nicht zuletzt durch seine negative Grundeinstellung, ob in Beruf oder Beziehung, in Freundschaft oder Familie, kein Vertrauen mehr zuwandte.

„Das Vertrauen in die Kraft Gottes ist etwas, das man erlernen kann“, antwortete der Pater auf eine Frage zu Jans unabdingbaren Glauben und Vertrauen. „Wieder finden kann sich jeder in dem Glauben an die Güte Gottes, die Zuversicht der Engel und die grenzenlose Liebe im Menschen, wenn er zulässt, dass diese Dinge auch zu ihm kommen. Du brauchst gar nicht zu suchen. Es kommt ganz von allein zu dir, wenn du es nur lässt“, waren seine liebevollen Worte, die er leise in die Gruppe sprach.

Noch Stunden saßen die jungen Menschen zusammen, Marcel eröffnete ihnen erst spät, dass er in dieser Nacht seinen dreißigsten Geburtstag feierte. Alle gratulierten ihm herzlich und keiner wunderte sich über das eher unspektakuläre Fest, mit Wasser statt Wein, einer Scheibe Brot statt feudalem Festgelage, Mundharmonikaspiel statt Hightech Musik oder gar einer Band. Dennoch wurde gefeiert und Live Musik gab es schließlich doch noch. Marcel spielte die Mundharmonika, der Pater selbst holte die Gitarre aus dem Schrank und der Happy Birthday Gesang der zwölf Pilger aus Japan, Amerika, England, Spanien, Finnland, Afrika und Deutschland machte den Abend zu einem Besonderen.

Alle freuten sich wie Kinder, als Marcel anbot, die Jakobsmuschel mit Wasserfarben auf ihre Schultern zu malen. In Amsterdam studierte der junge Mann Kunstmalerei, wonach er eine dreijährige Ausbildung zum Koch absolvierte. „Der Jakobsweg war eine zufällige Begegnung“, sagte er und der Pater lächelte wohl wissend. Beide gingen allerdings nicht weiter darauf ein. „Marcel ist den Jakobsweg gelaufen. Von Anfang bis zum Ende und dann bis hierher zurück. Er hat sich hier bei uns verpflichtet und wird für zwei Jahre in der Herberge arbeiten, kochen und putzen.

„Warum machst du das“ fragte Jasmin, die Engländerin, die selbst mit dem Fahrrad unterwegs, den Camino als günstige Urlaubsmöglichkeit nutzte. „Weil es nur einen einzigen, richtigen Weg gibt, zu sich selbst und den wirklichen, wahren Qualitäten in sich zu finden“, war Marcels Antwort. „Ich habe den Jakobsweg einfach verlängert um weiter zu lernen“

„Und warum kann man sich nirgendwo anders finden?“ “Weil der Jakobsweg die Energien freisetzt, die dich wieder in deine Ursprünglichkeit zurück versetzen. Du kannst wieder Kind sein, kannst Lasten ablegen, kannst dich von den Strukturen, die dir auferlegt worden sind, erlösen, darfst dich wieder neu entdecken.“ Marcel strahlte.

„Aber das machen andere Menschen in der Meditation, dort ist man viel in sich gekehrter als hier mit den vielen Touristen“, gab Carlo zu bedenken.

„Nur für kurze Zeit, dann hat dich der Alltag, das normale Leben wieder. Meditation ist gut, auch ein Besuch in einem Kloster ist hilfreich und lässt dich ein Stück näher zu dir selbst gelangen, aber den Camino, oder auch einen anderen Pilgerweg zu gehen, ist etwas anderes, etwas, das mit unerklärlichen Energien beladen ist.“  

Jan bestätigte die Aussagen Marcels mit einem Nicken. „Allerdings bedarf es danach auch einer gewissen Zeit der Nacharbeit, um das Erlebte, die energetischen Erfahrungen und Inspirationen zu verarbeiten“, schloss er das nächtliche Gespräch.

Er erklärte die Verbindungen der Klöster und Kirchen des Camino zueinander. „Lay Linien ist das Zauberwort. Die energetischen Kräfte sind hier um vieles höher als anderswo auf der Welt. Die Ballung der Energien durch die lineare Verbindung der Energiezentren, der Kirchen und Klöster, Monarchien und Kathedralen kann den Wanderer zu seinem Innersten, seinem Selbst, ja zu seiner höheren Bestimmung führen, kann ihm die Türen zu Gott öffnen. Es kann aber auch sehr gefährlich sein, denn wenn man sich zu sehr auf diesen Energieaustausch konzentriert, besteht durchaus die Möglichkeit, die Sinne zu verlieren“ Er grinste breit. „Da ihr alle ungläubig seid, kann euch ja nichts geschehen, wie?“

Carlo blickte sich in der Runde um und sah wie einige der Gesichter nachdenklich wurden. Er selbst hörte schon vor Jahren von diesen Lay Linien und verglich sie innerlich mit den Songlines der Bama. Kundjana erzählte ihm so vieles von diesen spirituellen Verbindungen, er würde sich noch näher damit befassen müssen.

Sie philosophierten in der Nacht noch lange über den Camino, redeten über die Kräfte der Energiefelder, unterhielten sich über die Milchstraße und ihre Sternbilder, lernten viel um die Bedeutung des Himmelszeltes auf ihrer langen Wanderung.

Carlo berichtete von seinen spirituellen Erfahrungen mit den Ureinwohnern Australiens, Erik sprach von seiner afrikanischer Mentalität und Miki, die Japanerin erzählte aus ihrer Welt im schnelllebigen Tokio.

Als Carlo sich verabschiedete, um zu Bett zu gehen, lag Tasko längst schlafend unter dem hölzernen Gartentisch an dem alle saßen. Auf dem Weg zum Zelt überdachte er die Gedanken und ob es richtig gewesen war, seinem Instinkt oder siebten Sinn zu folgen und trotz der Widrigkeiten weiterzumarschieren. Hier in der kleinen Gemeinde war er sich sicher, dass Richtige getan zu haben. Nicht nur in Bezug auf die Begegnungen mit den anderen freundlichen Menschen, sondern hauptsächlich, weil es immer neue Erfahrungen gab und man einmal Gelerntes nicht ungelernt sein lassen konnte.

„Man kann nichts ungeschehen machen, Tasko. Jede Entscheidung ist richtig. Und wenn der Pater, Nadja und Kundjana recht haben, dann sind alle Entscheidungen ja sowieso vorbestimmt“.

Als Carlo endlich übermüdet in seinen Schlafsack kletterte, begann wie jeden Abend ein Gewitter. Er schlief dennoch gleich im ramponierten und schon mehrfach notdürftig geflickten Zelt ein, Tasko neben ihm liegend, die Pfoten auf Carlos Beinen. Es dauerte nicht lange, bis er im Hundetraum Hasen durch Wiesen und Wälder jagte.

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