7. Alte Mauern, feste Strukturen

Die Menschheit retten?

Am nächsten Morgen erwachte er erst gegen Zehn. Tasko lag draußen vor dem Zelt und ließ sich die längst aufgegangene Sonne auf das schöne, pechschwarze Fell scheinen. Er dachte noch einmal an den Traum mit Gail. Wie er sie geliebt hatte, wie er sich jetzt, hier und in diesem Traum, am anderen Ende der Welt nach ihr, nach seiner Gail sehnte.

 Die Sachen waren allesamt trocken, es hatte in der letzten Nacht nicht geregnet. Alles zusammen packend, freute Carlo sich über den nachgelassenen Muskelkater und begab sich auf den kurzen Weg zur Herberge um zu schauen, ob Pablo der spanische Pilger sich in das Gästebuch des Major eingetragen hatte.

Er nahm sich die Zeit für eine Dusche, unterhielt sich noch ein Weilchen mit Rico und dem Major, den er dann auch nach dem Spanier befragte. „No Senor, da war kein solcher Spanier, der wäre mir bestimmt aufgefallen.“ Carlo stutze, bedankte sich, blätterte noch kurz im Gästebuch und fand wie erwartet keinen Eintrag. Zur Kontrolle sah er noch in sein Tagebuch, aus welcher Stadt der Spanier gekommen war. Carlo verabschiedete sich von Rico und dem alten Bürgermeister, die ihm und Tasko wie üblich ein „Buen Camino“ wünschten und machte sich auf seinen Weg.

Im Verlauf der folgenden Tage seiner Wanderung schaute er sich immer wieder die Gastbücher der verschiedensten Herbergen an, ohne Erfolg. Es gab nirgendwo einen Eintrag von einem Pablo aus ‚La Fuente de San Esteban’.

„Da ist er wieder, dieser sonderbare Name der Stadt, der mich so stark an meine Familie erinnert“ sprach er zu Tasko, der neben ihm her trottete. „Esteban, ein Synonym für meine Verbindungen zu Stefan?“ Ausgerechnet Stefan, der Zwillingsbruder seines eigentlichen Patensohnes Sven. Sven war vor sechsundzwanzig Jahren, zwei Monate nach der Geburt der Zwillinge an Kindstod gestorben. Carlo übernahm eine Patenschaft für Stefan und träumte oft vom Tod des Säuglings.

Schon in der Nacht vor dem Unglück war der Traum zu Carlo gekommen. Er konnte sich nie einen Reim darauf machen, warum er, auch wenn er Pate sein sollte, den Tod des geistig behinderten Kindes vorhersagen konnte. Die Gedanken an den Traum malträtierten ihn, fügten weitere Schläge zu seinen Depressionen hinzu, verfolgten ihn in vielen Nächten. Wäre der Tod verhindert worden, wenn er diesen als reell angesehen hätte? Wäre Sven noch am Leben, wenn er damals seinem Bruder und dessen Frau von diesem sonderbaren Traum und dem bevorstehenden Tod des Kindes erzählt hätte? „War es am Ende meine Mitschuld, dass Sven starb, wenn ich doch darum wusste?“

Er zwang sich, den Gedanken zu verdrängen, da der Traum ihm schon seit einiger Zeit nicht mehr begegnet war und er die Begebenheit nicht herauf beschwören wollte. Er konnten diesen Horror nicht erneut durchleben.

Die Begegnung mit seinem persönlichen Dämon durchlief ihn und ließ ihn erschauern. Er würde sich den Dingen stellen, würde sich mit seinen Problemen auseinandersetzen müssen. Diese Begegnungen, die wirklich stattfanden, aber nur einen einzigen Zweck erfüllten, um ihn, Carlo den Pilger zu eigenen Erkenntnissen zu eröffnen, waren schon unheimlich genug. Der Gedanke daran, dass es hierbei einzig und allein um ihn selbst zu gehen schien, ließ ihm zudem die Haare zu Berge stehen.

Die Gedanken an Stefan, Sven und die Familien-internen Verbindungen untereinander ließen ihn nicht mehr los. Pandoras Box kam näher und er hatte große Angst davor.

War es, wie schon die alte Schamanin Josephine an der Ostsee vor Monaten erzählte, das Karma aller Menschen, das alle und alles miteinander verbunden ist? Waren es die ungeschriebenen Gesetze der Vergangenheit, der vorherigen Leben, die die Wege der Menschen zusammenführten, Lose und Schicksale bestimmten, Seelen zusammen brachten ohne dass die Menschen, also wir selbst davon erfuhren? Waren es die Spirits, die uralten Seelen der Songlines also, von denen Kundjana so tief ergreifend erzählte, die diese Bindungen bewahrheiteten? Carlo wusste es nicht, konnte sich die Fragen nach dem ‚Warum’ längst noch nicht beantworten.

Der Weg führte die Pilger weiter in Richtung Westen in die Berge, entlang der Wälder über Wiesen und Weiden. Während Carlo lief, dachte er laut über die Energiesysteme des Universums nach. „Da bewahrheitet sich die ganze Struktur dessen, was ich hier und in meiner Familie erlebt habe.“

Er war mit den Begegnungen der Spirits beschäftigt, dachte an die Schamanin Josephine, dachte an Kundjana. Er dachte auch an das Universum, die universellen Energien, wie Nadja immer das allgegenwärtige nannte, und ging einen langsamen Gang. Erinnerungen an ein Buch, das er vor zwei, oder waren es schon drei, Jahren las, kamen zurück. In dem Roman ging es um die Einheit der Menschheit, es ging um die nächste Generation der Menschen nach den bisherigen, bekannten Strukturen dieser Welt. Es ging um den Quantensprung aus der schnelllebigen Welt in eine andere, spirituelle, transzendentale.

Laut des Autors werde sich die Menschheit umorientieren, die universellen Energien als das wichtigste und zudem als ein allumfassendes Werkzeug anerkennen. Es werde eine weitere, schon heute nicht mehr ganz unbekannte Energie aufkommen, durch die die Menschheit letztendlich auf einen gemeinsamen Nenner kommen werde.

„Wieder einmal die Rettung der Menschheit?“ unterhielt sich Carlo mit seinem vierbeinigen Freund. „Entgegen der Aussagen der heiligen Schriften sind es dann nicht mehr Gottes oder Allahs Schöpfungen, die nach eigenem Maßstab die Erde bevölkern, auch nicht das rein technische Voranstreben der Menschheit was uns am Leben hält. Es werden dann wohl die sogenannten energetischen Schwingungen der Lebewesen sein. Von der letztentwickelten Pflanze über das gemeine Säugetier, da gehörst du auch dazu, Kollege, bis hin zu den Menschen, die das Universum, unsere Welt und uns alle verändern werden“.

Er musste grinsen. „Eine überwältigende Vorstellung, nicht ganz einfach zu verstehen, was Tasko? Aber der Logik der neuen Evolutionstheorien entsprechend. Da kommt der alte Darwin nicht mehr mit. Und was wird dann aus Kundjanas Spirits?“

Tasko ignorierte ihn völlig, war an einer Kuh interessiert, mit der er gerade schnuppernd Nase an Nase stand. Ihr Weg führte sie durch verschiedene Dörfer und in eine Kleinstadt in der Carlo umgehend die Richtungsweisenden gelben Pfeile verpasste und sich verlief. Tasko trottete unzufrieden neben ihm auf heißem Beton und Asphalt. Carlo machte sich Sorgen um dessen Pfoten, die die Hitze, diese Torturen nicht gewohnt waren. Die Zunge hing ihm aus der Schnauze, er zeigte ein Mitleiderweckendes Bild. In den größeren Städten drängte er sich immer ganz nah an seines Herrchens Beine, wich keinen Schritt von dessen Seite. Endlich in der Altstadt angekommen, gab es durch die hohen Häuser in den schmalen Gassen und Straßen genügend Schatten, um einigermaßen weiterlaufen zu können. Auch Tasko wurde wieder etwas munterer.

Sie besuchten eine mächtige Kathedrale, die Carlo nicht sonderlich gefiel. Dicke Steinmauern, ein gewaltiger Altar, alles war irgendwie bedrückend.

Neben der Kathedrale fand er eine kleine Pilgerherberge, in der er sich eine kurze Pause gönnte, sich einen Stempel des Herbergsvaters in das ‚Carnet de Pelerin’ geben ließ und ein bescheidenes Mahl einnahm. Nach langem Nachdenken in der kleinen Kapelle ging die Wanderung weiter.

Es war heiß geworden, die Sonne stand am Zenit. Bei achtunddreißig Grad im Schatten waren dies nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen langen Marsch. Dennoch beschloss Carlo, wie den ganzen Morgen schon, in der gestern erst erlernten, wunderbaren Langsamkeit weiterzulaufen. Die Hände in Mönchsart vor seinem Bauch gefaltet, sprach er immer wieder den Singsang eines Mantras aus einer Meditation, die er sich selbst im Takttempo seiner Schritte ausdachte.

„Energien, die Ihr diese Welt behütet, zeigt mir meinen Weg“ waren die Worte, die permanent, leise und im Einklang mit seinen Schritten über seine Lippen liefen, ihn in eine Art Trance versetzten, die Türen der Meditation in der Bewegung öffneten.

„Das ist wirklich zu komisch“, lachte er als er sich das Bild von sich und seinem Hund auf dem Pfad vorstellte. Rucksack geschultert, braun gebrannt, unrasiert und so ganz und gar nicht der Typ, den seine Bekannten, Kumpels, Freundinnen und Familie kannten. Hier war er jemand völlig anderes, hier war er vielleicht sogar zum ersten Mal er selbst.

Auf dem Weg durch die Monotonie der hässlichen Trabantenstädte einer Großstadt und bei den Begegnungen mit den vielen, ungläubig auf ihn und seinen Hund starrenden Menschen war der selbsterlernte Singsang eine große Hilfe, weiter zu laufen, diesen Weg weiter zu gehen. Er rief sich hiermit das Erlebte der vergangenen Monate zurück ins Gedächtnis, ließ Verknüpfungen korrespondieren mit der Vergangenheit, bildete sich eine Meditation. Die brachte ihn an die Grenzen seines Inneren. Vor seinem geistigen Auge zeichnete sich allmählich die Begegnung mit der Schamanin Josephine ab, ließ die Erlebnisse, die er im März mit Nadja an der Ostsee erlebte, wie in einem Film ablaufen. Tasko trottete freudlos neben ihm her. „Das war eine Begegnung, was?“, sagte Carlo zu dem Schwarzhaar. „Da sträuben sich mir jetzt noch die Nackenhaare“.

Auf ein Angebot eines Bekannten, der am Ostseestrand ein Wochenendhaus besaß, kam Nadjas Einladung, einmal aus dem Frust der momentan schier ausweglos scheinenden Situation heraus zu kommen, wie ein Lottogewinn. Er folgte ihr an die See.

„Ich gehe mit den Hunden zum Strand“ sagte sie am Morgen nach der Ankunft, „komm doch nach.“ „Nein, danke.“ Hatte er sich nicht endlich, wenn auch auf ihr Drängen hin, entschieden, seine Erlebnisse in Australien aufzuschreiben? Er konnte sich einfach nicht zu einem Strandspaziergang aufraffen, war indes froh, ein wenig Ruhe zu finden, schreiben zu können.

Als sie am Nachmittag zurückkehrte, war sie aschfahl, weiß wie eine Geisha erschien ihr sonst so frisches Gesicht.

„Ich habe eine Schamanin getroffen“, sagte sie aufgeregt. „Die kommt einfach auf mich zu und erzählt mir ungefragt Dinge aus meinem Leben, zeigt auf Tasko und sagt, dass das nicht meiner, sondern der Hund sei, dessen Herrchen unentwegt in der Welt herum reise, um zu sich und seiner Aufgabe zu finden, erzählt sie mir. Und dass erst durch den Hund deine Reise, deine Sucherei ein Ende haben werde. Sie sagte auch, dass ein anderer Mensch einen schweren Schicksalsschlag erleiden musste, damit du den Hund bekommen konntest, Carlo.“

Carlo hatte es damals fast vom Stuhl gehauen. Doch genau diese Worte hatte er schon einmal gehört.

„Wie kann die denn wissen, woher ich den Hund hab?“ hatte er Nadja ungläubig, fast ärgerlich gefragt. Diese war bereits den Tränen nahe. „Sie weiß es halt, ist eine Seherin“, entgegnete sie ihm scharf.

„Ich habe sie für morgen zum Kaffee eingeladen. Ich will mehr von ihr und ihrem Wissen lernen.“

„Dann werdet ihr schön allein Kaffee trinken“, entgegnete Carlo gereizt und wendete sich ab, zornig über ihre Unvernunft, an solchen Unfug, reine Scharlatanerie zu glauben.

„Wahrscheinlich hast du ihr meine Geschichte zuerst erzählt, und sie hat sie umgesetzt und dich nun verrückt gemacht“ war seine genervte Antwort. Doch sobald er diesen Satz ausgesprochen hatte, war er sich auch sicher, dass dies wieder einmal nur seine Flucht vor den Kräften des Universums war. Er wusste, dass Nadja Recht hatte.

Beide erwarteten den nächsten Tag mit Unbehagen. „Josephine kann gar nicht kommen, ich habe ihr nicht gesagt wo wir wohnen.“ Nadja bestand darauf, ihr nicht geschildert zu haben, wo das Ferienhaus denn überhaupt sei. „Gut so“ entgegnete er, „dann kommt die Hexe erst gar nicht her.“ Der Gong um Punkt drei ermahnte ihn allerdings abermals, endlich an das Übersinnliche zu glauben. Sie war um die Siebzig, hatte schneeweißes Haar. Ihre Gesichtszüge, ihr Auftreten, Ihre Mimik kamen Carlo irgendwie bekannt vor, er wusste die Begegnung allerdings nicht so recht zuzuordnen.

Eine freundliche Begrüßung wurde begleitet von seinem skeptischen Hinterfragen der gestrigen Begegnung und des Wissens um die Ortslage des Wochenendhauses, von dem sie angeblich nicht wissen konnte wo es stand. Mit der relativ simpel anmutenden, ja selbsterklärenden Antwort ihrerseits, hatten beide nicht gerechnet. „Sie wissen doch selbst wie es ist, wenn man eine Nase für einfache Dinge hat. Ich habe es gespürt, wo dieses schöne Häuschen steht. Und die Begegnung mit Nadja gestern war eine Fügung. Wir sollten uns treffen, ich konnte mir allerdings nach der Begegnung nicht recht erklären, warum, denn Nadja scheint selbstsicher, gesund, quietsch fidel.“ Sie musterte ihn. „Aber nun weiß ich es. Es geht um sie, Carlo!“ Er schluckte, murmelte etwas, einen Tee bereiten zu wollen, verschwand in der Küche.

Nadja und Josephine standen im Flur, berieten, wo die beste Gelegenheit zu sitzen sei. Der Nachmittag war bewölkt, also entschieden sie sich für den Wintergarten. Carlo war derweil in der Küche und hatte zwei Kaffee mit Milch, davon einen mit zwei Löffeln Zucker und zudem einen Kräutertee angerichtet, trug das Tablett mit den Tassen hinaus. „Danke, schön dass sie wussten, dass ich Milchkaffee mit Zucker trinke, keinen Tee. So ist es recht“, sagte Josephine. Carlo hingegen verschluckte sich derweil an dem Keks, den er gerade im Mund hatte und Nadja, die ja offen für Eingebungen aller spiritueller Art, aber hiermit doch überfordert war, stand der Mund weit offen, während sie in ihrem Kräutertee rührte.

Die drei führten ein sechsstündiges Gespräch über Dinge, von denen Carlo bislang immer vorgegeben hatte, keinerlei Ahnung zu haben, dass diese überhaupt existierten. Die Diskussion erstreckte sich von allgemeinen Aussagen der Bibel über Weisheiten des Korans und auf andere, wissenschaftlich belegte, allgegenwärtige Fakten bis hin zu spirituellen Begegnungen, Meditation, Chanelling und transzendentalen Grundsätzen. Im Laufe des Gesprächs einigten die drei sich auf das umgänglichere Du.

„Ich wusste es, du bist auch ein Bote“, sagte Josephine plötzlich zu Carlo gewandt. Nadja hatte sich seit Anbeginn der Diskussion vermehrt aus dieser fern gehalten. Sie gestand zwischendrin, dass sie kaum ein Wort dessen verstehe, was Carlo und Josephine beredeten. Er selbst war sich des Inhalts seiner Sprache manchmal nicht bewusst, gab Worte, Sätze, Thesen von sich, von denen er nie zuvor auch nur gehört, geschweige denn referiert oder geschrieben hatte. Später, Josephine war längst gegangen, sagte Nadja, die die beiden in ihren Unterhaltungen beobachtet hatte, sie glaube, bei beiden eine Art Trancezustand wahrgenommen zu haben.

Die Nacht war ruhig, Carlos Schlaf hingegen keineswegs. Er konnte einfach nicht zur Ruhe kommen, fragte immer wieder in die Dunkelheit, was es mit dem Sehen auf sich hatte. Er fand keine Antwort, war noch unsicherer als zuvor, erwartete den Morgen um Josephine endlich anrufen und ein weiteres Gespräch führen zu können.

Der Morgen begann mit dem üblichen Gassi gehen. Er versuchte, seine Australien-Erlebnisse weiter zu schreiben, gab schon nach kurzer Weile frustriert auf. Die Gedanken verstrickten sich immer mehr in die Aussagen, die Diskussionen des gestern Erlebten. Er rief Josephine bald an und verabredete sich mit ihr. Gegen Mittag kam sie dann auf einen weiteren Besuch zum Wochenendhaus. In den weiteren Gesprächen eröffnete sie Carlo einiges über seine Zukunft, stellte ihn vor vollendete Tatsachen. „Nein, du wirst noch lange nicht nach Australien zurück kehren, sondern eine schwere Aufgabe lösen müssen, die dich in den Süden Frankreichs bringt.“

„Aber ich bin absolut sicher, wieder nach Australien zu gehen. Ich habe schon alles organisiert, selbst für Tasko eine Bleibe gefunden, bis ich zurück bin. Meine Recherchen für …“ „Du wirst schon sehen, mach dich nicht verrückt, dein Weg ist geschrieben, du wirst ihn gehen.“ Sie lachte. „Du trägst einen großen Vorteil mit dir. Du wirst nie in wirkliche finanzielle Schwierigkeiten geraten, denn du benötigst kaum Geld. Aber das weißt du ja bereits, du wirst auch nie ernsthaft erkranken und das ist sicher eine Neuigkeit? Das Schönste und Größte allerdings, was dir gegeben ist, ist die Aufgabe und die Kunst, zu lehren. Du wirst noch eine ganze Zeit lang benötigen, bis du soweit bist, aber dann wird dein Herz endlich das erreichen, was du dir schon so lange ersehnst. Die Gabe zu lehren, Menschen glücklich zu machen, ihnen ihren Weg zu weisen.“

Er traute seinen Ohren nicht, wollte nichts mehr von diesem Gerede hören und ahnte doch, dass etwas an dieser Weisung wahr erschien. „Ich werde nach Australien fliegen, für mich und mein Buch in Erfahrung bringen, was ich benötige, entscheiden, ob ich bleibe oder hierher zurück komme und dann das Buch über meine Abenteuer heraus bringen“, sagte er gereizt.

Sie redeten noch eine Weile, verabschiedeten sich schließlich freundlich voneinander, Josephine wünschte den beiden viel Erfolg auf allen Wegen und mit einem Augenzwinkern sagte sie zu Carlo gewandt „Dein Buch wird erscheinen, aber Australien wird nicht das Thema sein.“

Carlo war den ganzen Tag stramm gewandert, hatte kaum Pausen eingelegt, wollte weiter, wollte Dinge, Gedanken und Sorgen, Begegnungen und Erfahrungen der vergangenen Wandertage schnell und unkompliziert hinter sich lassen. Gleich am Ortsrand einer Kleinstadt fand er ein Kloster auf einem Berg und daneben die Herberge eines Ordens in der er für diese Nacht bleiben wollte.

Eine herzliche Begrüßung von der freundlichen, Herbergsmutter erfolgte mit dem bereits erwarteten Hinweis, dass Hunde nicht gestattet seien. Er könne aber gern mit Tasko im Turm des Klosters übernachten. Zur Nutzung der Dusche, Toilette und Küche berechnete sie ihm drei Euro die er dankend zahlte. Die vergangenen Nächte waren sie mal unter einer Brücke, dann im Stall eines freundlichen Bauern und danach auf einem Waldstück mitten in der Natur geblieben. Waschen ging dabei nur im Bach und kochen war seit Tagen nicht möglich gewesen.

Die Herbergsmutter begleitete ihn zum Kloster, gab ihm eine der Matratzen, die die Pilger nutzten um im Kloster zu schlafen, sollte die Herberge einmal überfüllt sein, „was in der Hauptpilgerzeit beinahe jeden Tag der Fall ist“ ergänzte sie lachend.

Der Einkauf im nahegelegenen Städtchen der Großgemeinde würde Carlo noch einmal insgesamt sechs Kilometer Fußmarsch abringen und da beide außer einem halben Baguette, einer Dose Thunfisch und einem Stückchen Käse schon seit gestern Morgen nichts mehr gegessen hatten, war der Weg unumgänglich. Aufgrund des im Kloster zurück gelassenen Rucksacks allerdings ein leichterer Gang als gewöhnlich. „Er muss mal wieder echtes Hundefutter bekommen“, dachte Carlo und nahm den Marsch zum Supermarkt in Kauf.

Als die Vorräte wieder aktualisiert waren, genügend Hundefutter, Wein, Baguette, Käse und Wurst, Oliven und Thunfisch sich im Rucksack befanden, ging es zurück zum Nachtlager. Ein üppiges Mahl zierte danach den Abendtisch der beiden Pilgerfreunde. Im Kloster lief bei ihrer Rückkehr schon die abendliche Pilgermesse, von der Carlo leider nur die letzten Minuten mitbekam. Danach genoss er einen wunderbaren Abend unter klarem Sternenhimmel. Im Schutz des steinernen Turmes des Klosters trank er eine ganze Flasche guten Rotwein aus der Region. Tasko schlief auf der angrenzenden Wiese im Gras, leckte sich lange die geschundenen Pfoten und knabberte zufrieden an einem im Fleischerladen erstandenen Knochen.

Auch in dieser Nacht führten Carlos Gedanken und Träume ihn zurück an die Ostsee. Die Aussage der Schamanin Josephine, dass er Tasko bekommen habe, um sesshaft zu werden und die Verbindung zu dem schweren Unfall des Neffen Carsten war Teil des Traumes, der ihn noch lange Zeit beschäftigen sollte.

Durch Tasko wurde er tatsächlich endlich bodenständiger, beschränkte seine Reiserei und auch die abendlichen Kneipengänge auf das Notwendigste. Ja, er verzichtete sogar auf einige Reisen, um den Hund nicht in fremde Hände geben zu müssen. Die Begegnung mit der spirituellen Nadja und der Schamanin Josephine, die beide sein Leben so verändern sollten, waren einzig durch seinen persönlichen Boten Tasko, wie er ihn ab und an zu nennen pflegte, zustande gekommen.

„Schicksal? Vielleicht“, dachte er oft, „sicher aber kein Zufall“. Die unterschiedlichen Konstellationen der bedrückenden Angst vor der Mitschuld an Svens Tod, die Verbindung der Stadt ‚La Fuente de San Esteban’ mit seinem im kommenden Monat vor den Traualtar tretenden Patensohn Stefan, bescherten ihm belastende Gedanken. Gedanken die ihn in dieser und vielen noch folgenden Nächten quälten und ermahnten, die Kraft der Energien von denen seine Lehrer Kundjana, Josephine und Nadja immer wieder berichteten, endgültig anzuerkennen.

Taskos Kläffen riss ihn aus dem unruhigen Schlaf. Er rief ihm in der Dunkelheit zu, still zu sein, schaute auf die Uhr. „Vier Uhr morgens! .Verdammt, was ist denn los?“ Hinter dem Kloster bewegte sich eine Gestalt schemenhaft am zweiten Klosterturm und der Schatten kam geradewegs auf Carlo zu.

Carlo konnte nicht erkennen, ob es Mann oder Frau war. Tasko bellte und zerrte an der Leine, wollte auf die fremde Person losgehen. Aus dem Schlafsack stürzend, sprang Carlo nur in Unterhose und T-Shirt bekleidet zu Tasko. „Wer ist da“ forderte er lautstark zu wissen, während eine dunkle Stimme in Englisch entgegnete, auf der Suche nach einem Platz für die Nacht zu sein.

„Du kommst sehr spät hier an“ rief er dem schlanken Mann zu. Der reflektierte in einer Stimme, die Carlo bekannt vorkam: „Ich laufe oft nachts, um die Sterne zu beobachten, wollte aber nicht mehr weiter gehen.“ Er legte seinen Rucksack ab. „Ich raste oft draußen, so wie hier, weil ich mir die teuren Herbergen meist nicht leisten kann.“ Nun kam er näher. Tasko beschnupperte ihn, schloss Frieden mit dem Fremden, nachdem der seine Hand zum schnüffeln reichte und stillhielt, bis der Vierbeiner beruhigt zurück wich und wieder auf seinen Platz ging.

Der Fremde gab Carlo die Hand, der hingegen zögerte zuerst einen Augenblick, sie zu schütteln, dann schlug er ein. „Mein Name ist John, ich kenne dich, du warst abends an dem Bach als ich aus dem Wald kam.“ Jetzt erst erkannte Carlo das Gesicht des Mönchs wieder. „Ich pendele seit drei Jahren auf dem Camino hin und her“, sagte er mit schönem, schottischem Akzent. Carlo stellte sich und Tasko vor, lud John ein, mit in dem Klosterturm zu ruhen.

„Seit drei Jahren?“, hakte Carlo nach. „Ja, der Camino hat mich in seinen Bann gezogen, ich komme hier nicht mehr weg. Die Herbergsleute kennen mich, manchmal laufe ich nur von einem Ort zum nächsten, dann zieht es mich wieder über hundert Kilometer durch die Gegend, ich habe keine Heimat mehr, bin Vagabund des Weges nach Santiago geworden.“ Die beiden Pilger redeten noch bis in die frühen Morgenstunden, danach legten sie sich noch kurz zur Ruhe.

Gegen acht war die Nacht endgültig vorüber, die letzten Pilger marschierten an ihnen vorbei, einige waren schon gegen Fünf losgegangen. Meist, um die frischen Morgenstunden zum Laufen zu nutzen, hauptsächlich jedoch, um am Nachmittag überhaupt noch ein Bett in den Herbergen zu ergattern, bei zunehmendem Betrieb auf der Strecke eine Herausforderung. „Je näher du nach ‚Santiago de Compostella’ kommst, desto größer werden die Menschenscharen, die du auf dem Camino antriffst“, antwortete John auf Carlos Frage zur Hetzjagd der Pilger.

„Kaum jemand trägt ein Zelt mit oder ist überhaupt bereit, draußen unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Die meisten der heutigen Wanderer sind keine echten Pilger mehr. Der Tourismus hat Überhand genommen, die Menschen strömen aus allen Himmelsrichtungen herbei, um den Pilgerweg als billige Wandertour zu nutzen. Die Herbergen sind günstig hier in Spanien, anders als in Frankreich oder Resteuropa. Und das Zertifikat, den Camino de Santiago gelaufen oder gefahren zu sein, reizt viele.

Die mit dem Auto unterwegs sind, haben keinen Anspruch auf das Zertifikat, das hat die spanische Kirche beschlossen. Richtig so.“ Er streckte sich. „Aber die Fahrradfahrer schon, und dazu kommen noch tausende Japaner und andere Nationalitäten, die nur die letzten einhundert Kilometer nach ‚Santiago’ laufen, denn nur diese letzten Kilometer sind nötig um das ‚Zeugnis des Camino’ zu erhalten.“

Carlo seufzte. „Du hast wohl Recht“. „Ja, sicher“, sagte John. „Wir dagegen, die richtigen Pilger, die die Sterne anschauen, die Kraft des Universums erleben; wir, die nicht in überfüllten Schlafsälen mit anderen zusammen schnarchen, sondern die Nacht in der freien Natur vorziehen, die ihr Proviant mit anderen teilen und ihre persönliche Last mitschleppen, wir sind die wahren Pilger!“ „Dann hoffen ich und Tasko auch, zu den richtigen Pilgern dazugehören zu dürfen, denn ich weiß noch nicht, ob wir den Weg bis zum Ende schaffen werden.“

„Naja, man muss es für sich selbst entscheiden, aber auch wenn du abbrichst, brichst du nur ein Stück des gesamten Weges, nicht deinen eigenen Weg. Du läufst den Weg, schläfst unter den Sternen, lebst die Energien, du bist ein Pilger. Und Tasko? Der macht das gleiche, obwohl er ja keinen Rucksack tragen muss, hat seinen Transport organisiert, ist auch ein Pilger“. Sie lachten beide über den Gedanken, dass Tasko seinen Marsch von vornherein gut durchgeplante.

„Taskos Gepäckträger ist sein Herrchen“ „Ja“, gab Carlo zurück „er hat seinen privaten Koch und eine Hausdame“.

Nach dem guten Frühstück aus dem für den heutigen Tag gedachten Proviant, zu dem er John eingeladen hatte, packte er langsam zusammen und bereitete sich auf den Weg des Tages vor. John würde die gleiche Richtung einschlagen, sie einigten sich aber darauf, getrennten Weges zu gehen, da Carlo noch vieles mit sich, seinem Inneren klären wollte. John bedankte sich für die Einladung, verabschiedete sich bald und ging barfuß und schnellen Schrittes davon.

Carlo rief ihm nach, dass er noch eine Frage habe. John blieb stehen. „Frage.“ „Deine Kleidung ist ungewaschen, du hast kein Geld, wie kommt es, dass deine Frisur so akkurat geschnitten ist, dein Bart so exakt gestutzt?“ „Die Haare sind das Merkmal eines Menschen und besonders eines Mönchs, auf Kleidung kannst du verzichten, daher nur die Mönchskutten. Wir sind vor dem Herrn alle gleich. Das Haar spiegelt deine Würde wieder.“ Er grinste. „Ich geh regelmäßig in die Klöster um die Haare zu stutzen.“ Die Mönche bezahlen mich gut und ich bekomme ein kostenloses Bett und was zu essen. Buen Camino“

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