6. Kraft der Langsamkeit

Blasen an den Füßen

Rasende Kopfschmerzen, gnadenlos stechender Muskelkater, durchweichte Klamotten. Alles war nass, jeder Knochen schmerzte. Es war gerade mal sieben Uhr morgens. Er hatte das Zelt während der letzten paar Stunden wieder notdürftig zusammen gebastelt, als der Sturm endlich nach lies und schließlich gänzlich vorbei war.

Tasko war zurückgekommen, war sofort wieder da, als der Regen aufhörte. Carlo umarmte ihn, freute sich so sehr, redete gutmütig auf ihn ein. Die triefend nassen Sachen verstaute er in den für eventuelle Restmüllentsorgung mitgebrachten Müllbeuteln, und diese wiederum im ebenso durch und durch nassen Rucksack.

„Es macht keinen Sinn, hier zu bleiben, da die Sonne nun mal im Osten aufgeht. Jenseits des Waldes, Tasko. Kann sein, dass hier noch um zehn kein Sonnenstrahl hin blinzelt. Wir werden weiterlaufen, zu einer Lichtung oder Wiese und dort die Sachen trocknen.  Da bringen wir alles wieder in die Reihe, was, Kumpel?“

Ohne Frühstück gingen die beiden los. Frierend, ängstlich, ob die Strapazen des gestrigen Tages so vehement weiter gehen sollten. „Ganz schön kalt heut morgen, wohl um die acht Grad.“ Carlo marschierte bis zum Kloster, warf einen Blick durch einen Ritz in den schweren Holzpforten hinter die dicken Mauern.

Am gestrigen Abend, wie jeden Abend laut angeschlagener Kunststofftafel am Tor, fand im Kloster eine Pilgerandacht statt, zu der er einerlei zu spät gekommen wäre. An diesem Morgen verwehrte sich das Klosterinnere gleichermaßen, denn die Mönche waren bereits eifrig beim Singen und Beten, die schweren, holzbeschlagenen Türen blieben den Pilgern Carlo und Tasko verschlossen. Gegenüber dem Kloster befand sich eine Herberge, ein Hotel und Restaurant, sogar eine Touristeninformation war vorhanden. Carlo ließ sich einen Stempel in das ‚Carnet de Pelerin’, das Buch der Pilger geben.

Auf Hinweis der dicken, freundlichen Senora, die überraschend gut Deutsch sprach, nahm er den richtigen Pfad, da die Pfeile hier etwas verwirrend angeordnet schienen. Grund dafür sei der Tourismus, „die Pilger fahren sogar mit ihren Autos die Strecke ab, und meinen, sie haben den ‘Camino de Santiago’ begangen. Welche Schande.“ „Camino de Santiago?“ fragte Carlo überrascht, worauf sie nicht minder erstaunt antwortete, „das ist der Name. Der Weg nach Santiago de Compostella. Camino bedeutet Weg, wussten sie das nicht?“

„Nein, aber es ist gut, dazu zu lernen“ war seine freundliche Antwort und ihre herzliche Umarmung mit den Worten „Buen Camino, einen guten Weg“ ließ Carlo die Leine Taskos aufnehmen, die ersten Schritte am zweiten Tag zu gehen, seinem Weg weiter zu folgen. Den Jakobsweg nach ‚Santiago de Compostella’, den Weg der einfachen Menschen, den ‚Camino de Santiago’.

Nachdem die Flaschen am Brunnen mit Wasser gefüllt waren, liefen sie die dreihundert Meter entlang der Bundesstraße, bis zur Abzweigung wie von der Senora geschildert, kamen alsbald an ein seicht abfallendes Waldstück.

Die Sonne kletterte soeben über die Pyrenäen, streichelte mit ihren ersten frischen Strahlen den Tau in den Wiesen der Kordilleren, die mit rotbunten, noch ruhenden Kühen übersät waren. Nach weiteren fünfhundert Metern kreuzte die Straße erneut den Weg, ein großes Schild mit der Aufschrift ‚Camino de Santiago’ wies nach rechts, wieder in den Wald hinein.

Etwas verwirrt, aber zu sehr mit den Gedanken um die gestrigen Erlebnisse beschäftigt, bog Carlo nach rechts ab, lief einen knappen Kilometer durch den Wald und stand wieder vor dem Kloster und der korpulenten, freundlichen Auskunft.

„Verdammt, wenn das so weitergeht, komme ich heute nirgends mehr an, sondern kann mich hier einweisen lassen, vielleicht gibt’s eine Irrenanstalt hier, bin fast soweit“ war sein wütender Fluch. Er drehte sich um, lief den Pfad zurück bis zur Straße und sah schon bald den eigentlichen Wegweiser, einen dicken, gelben Pfeil auf einem blauen Blechschild, der entlang der Straße in die wohl richtigere Richtung wies.

Durch den Fehlweg waren zwanzig Minuten vergeudet, somit war er nicht erstaunt über den Pilger, der sich schnell von hinten näherte und dann für etliche Minuten in dreißig Metern Abstand hinter ihm lief, ohne zu überholen, ohne zurück zu fallen, ohne ein Wort zu reden.

Carlo wurde das Ganze langsam zu bunt. Er war sowieso schon zur Genüge gereizt, blieb abrupt stehen, fummelte irgendwas an seinem tonnenschweren, platschnassen Rucksack, trank einen Schluck Wasser. Der Mann kam näher, grüßte freundlich ein „Buenos Dias“ und blieb neben Carlo stehen. In Spanisch sprach er auf ihn ein, Carlo  hingegen verstand kein Wort. Etwas zu unfreundlich entgegnete Carlo, dass er kein Spanisch spreche, der Wanderer entgegnete nur knapp in Englisch „Ein wenig Englisch spreche ich.“

Er war Mitte fünfzig, trug alle sportlichen Feinheiten, die besten Schuhe, einen teuren Rucksack, war gut frisiert, glatt rasiert, die braungebrannte Haut hatte eine distinktiv spanischen Akzent, an den Händen trug er edle Ringe. „Gar nicht der Typ Mensch, den man hier erwartet“ murmelte Carlo leise zu Tasko gewandt, als der Fremde einen Moment mit seinem teuren Rucksack beschäftigt war.

Sie fingen eine lapidare Unterhaltung an, gingen einige Zeit gemeinsam in gemütlichem Tempo. Die Unterhaltung wuchs, wobei sich die Thematik vorerst auf seine Herkunft, eine Stadt mit dem interessanten und schönen Namen ‚La Fuente de San Esteban’ beschränkte.

Im Laufe des Marsches gingen die Wanderer auf die verschiedensten Gepflogenheiten und Sitten Spaniens ein, besprachen ihre jeweiligen Gründe, diesen Weg zu gehen, den er selbst mit dem einfachen Interesse an den verschiedenen Regionen des Landes beschrieb; bis hin zu einfachen spanischen Worten und Begriffen, die Carlo sicher noch nützlich sein würden. Seine Familie, aber auch er selbst, sei äußerst gläubig, die drei Söhne studierten in Madrid.

Er stellte sich mit dem Namen Pablo vor, ein herzliches Händeschütteln bekräftigte die neue Bekanntschaft der Pilger. Carlo erwähnte kurz, dass ihm Pablos Herkunftsstadt, deren Name soviel bedeutete wie ‚die Quelle des heiligen Stefan’ gefiel, und dem Namen seines Neffen und Patensohnes Stefan ähnelte, der kommenden Monat vor den Traualtar treten werde. Weiter gingen sie weder auf Carlos Familie, noch auf ihn persönlich ein, was Carlo nur Recht sein konnte.

Das Tempo nahm stetig zu, die Wegabschnitte allerdings waren um einiges einfacher zu bewältigen als der gestrige Teil. Die Region war eben bis leicht hügelig und an diesem sonnigen Tag waren keine großen Steigungen oder Gefälle zu erwarten. „Ich habe heute morgen erst den Camino begonnen“, sprach Pablo. „Wie alle Spanier. Wir schenken uns den französischen Teil durch die Pyrenäen meistens, das ist zu anstrengend.“

„Ja“, erwiderte Carlo, „das kann ich verstehen. Das hätte ich auch tun sollen, hätte mir einige Anstrengungen erspart.“

Er ging nicht auf Details ein, hielt gut mit Pablo mit, fragte ihn nach weiteren Beweggründen der Reise. Das Laufen ging gut einher mit der Unterhaltung, das Tempo wurde immer strammer und er kam kaum noch mit dem Schritt des sportlichen Spaniers mit. Schon bald erklärte er diesem, dass er etwas langsamer gehen werde, um die gestrigen Strapazen zu verarbeiten, den Muskelkater zu überwinden.

Pablo willigte schnell ein, betonte aber gleich, dass er heute noch bis zur nächsten Stadt gehen werde, um dort in der Herberge zu übernachten. Den Vorschlag, das Tempo zu halten, solange er könne, und sich dann von ihm zu trennen, wenn es ihm zu heftig würde, nahm Pablo an. „OK, es macht Spaß mit dir zu laufen, wenn du nicht mehr kannst, warte ich gern ein Weilchen.“

Das sagte Carlo und sicher auch Tasko zu, und die drei marschierten weiter, durch kleine Dörfer, entlang der Wiesen und Weiden, durch Wälder und entlang der Straßen, die den Camino regelmäßig kreuzten. In weiteren drei Stunden marsch machten sie kurze Siesta, aßen Baguette mit Schinken, tranken einen guten Tafelwein und füllten die Wasserflaschen wieder auf. Dann ging es in extremem Stechschritt weiter, Carlo war weiterhin dabei, obwohl ihn die Schwere des nassen Rucksacks fast umbrachte, zudem seine Füße in den durchfeuchten Stiefeln langsam Blasen entwickelten.

Pablo hatte das Mittagessen bezahlt, ihn und auch Tasko eingeladen. Die Unterhaltung war fast verstummt, der Marsch kostete zu viel Kraft.

„Mein Rucksack ist heute um einiges schwerer als gestern. Die Sachen sind vom Unwetter noch nicht getrocknet. Ich schleppe Unmengen an Wasser mit mir herum“, war Carlos knappe Entschuldigung, als er erneut zurück fiel und Pablo erneut auf ihn warten musste.

Es war bereits vier Uhr Nachmittags, als die drei in einem kleinen Städtchen ankamen, der Weg zur Stadt führte nach rechts, sollte eigentlich Carlos Tagesziel werden. Pablo lief ungerührt weiter, registrierte den Pfeil mit der Ortsbezeichnung nicht einmal, sondern folgte dem nächsten in die entgegengesetzte Richtung, weiter entlang des Pfades.

Carlo reichte es, er lief noch einige hundert Meter, dann kollabierte er an der nächsten Straßenkreuzung. „Ich kann nicht mehr, bin völlig am Ende“ entwich es ihm, „werde hier, genau hier und jetzt eine Rast einlegen, keinen Meter mehr laufen“. Sprach es und warf seinen Rucksack über den Stacheldrahtzaun einer Kuhweide, an der ein Fluss entlang lief. Pablo stoppte kurz, verabschiedete sich freundlich von den beiden und ging zielstrebig und immer noch schnellen Schrittes auf das nächste Kleinstädtchen zu, das er als heutiges Etappenziel bereits angekündigt hatte.

Carlo hingegen brach in der Wiese regelrecht zusammen. Das Entfalten der immer noch triefend nassen Isomatte weckte Taskos Instinkt für Ablegen und sofortiges Einschlafen. Carlo selbst legte sich ins Gras, machte sich nicht einmal die Mühe, die nassen Sachen aus dem Rucksack zu packen und zum trocknen in die brennend heiße Sonne zu legen. Als er so dalag, dachte er noch, wie schnell die Klamotten nun trocknen könnten, im gleichen Moment entschwanden seine Sinne auch schon ins Reich der Träume. Er wollte nur noch ruhen, seine mittlerweile von noch recht kleinen Blasen heimgesuchten Füße ein wenig rasten und ruhen, sich strecken, den Rucksack einen Moment lang nicht spüren.

Fast zwei Stunden lagen die beiden schon im Gras, Carlo ärgerte sich nur beiläufig über die unzähligen Ameisen, die ihn bekrabbelten, ihn nervten, genoss dennoch die wohl verdiente, innerlich wiederkehrende Ruhe, obwohl ein geschäftiges Steinwerk nur einige hundert Meter weiter flussabwärts einen höllischen Lärm produzierte.

Mit dem bevorstehenden Sonnenuntergang aktivierte sich Carlos Lebensmut wieder. „Wir müssen entweder zurück zum letzten Städtchen, oder weiter zum nächsten, können hier nicht bleiben. Tasko, auf, wir brauchen ein trockenes Plätzchen für heut Nacht, müssen das Zelt und meine Sachen trocknen, sonst hol ich mir den Tod.“

Seine eigenen Muskeln schmerzten, die nassen Sachen im Rucksack waren schwerer als zuvor. Tasko lag so lange erschöpft im Gras, bis Carlo endlich über den Stacheldrahtzaun kletterte und der Begleiter somit wusste, dass die Wanderung, die der Vierbeiner sich noch immer nicht wirklich erklären konnte, nun weiter ging. Er hatte seinen Hund nie zuvor so fertig, so ausgelaugt gesehen. Nur widerwillig rührte der sich vom Fleck, obwohl er bislang gut mitgehalten hatte.

Carlo bewegte sich langsam. Unendlich langsam kam ihm jeder Schritt vor, jede Bewegung zerrte an jedem Glied im Körper, alles schmerzte, alle Sehnen, alle Muskeln waren angespannt, die Füße brannten, die Blase unter dem Linken, bereits offen, machte ihm Sorgen.

Nachdem ein langer Wald durchquert war, ging er bedacht langsam die letzte Etappe des Tages an. Unlängst las er in einem Buch über eine ‚Übung der Langsamkeit’, wobei es darum ging, jede Bewegung möglichst bedacht zu begehen, verrinnende Zeit möglichst intensiv zu erleben. Die Schnelllebigkeit der Moderne ein wenig zu unterbinden war Sinn der Lektüre.

Bei Carlo war es indes anders. Er war dazu gezwungen, die Zeitlupe zu erleben, konnte einfach nicht mehr zügig laufen, die Langsamkeit präsentiert sich Carlo als Heilmittel, als Güte aus dem Herzen der Natur, als Weg zum Ziel, wobei es nicht mehr auf den Zeitpunkt des Zielerreichens ankam, sondern um den Weg dorthin, den Weg zu schaffen, einfach nur um die Bewegung daselbst.

„Wie damals“, dachte er, während er einen Fuß vor den anderen schob, „es kommt überhaupt nicht drauf an, wann du ankommst.“

Die Sekunden, die ein Schritt zum nächsten benötigte, verrannen endlos langsam.  Er entspannte den Bauchgurt des Rucksacks, ließ die Schulterriemen möglichst lose über die Außenschulterknochen laufen, setzte einen Fuß in unendlicher Ruhe vor den anderen und bewegte sich vorwärts. Er bewegte sich seinem Ziel entgegen, ging in stoischer Ruhe, die Schmerzen ließen nach, auch die psychische Anspannung verging langsam; unendlich langsam, aber sie verging. Nerven beruhigten sich in schierer Endlosigkeit in dem wie Geigensaiten angespannten Geflecht innerer Unruhe.

„Mein Leben ist eine einzige Hetzjagd gewesen, immer schon, immer auf der Suche nach Neuem, nach mir selbst, immer auf der Flucht vor Altem, auf der Flucht vor der Vergangenheit, ohne Pausen ohne Rast, immer nur in Bewegung“ sinnierte er in einem Anflug von tausendjähriger Sehnsucht nach unendlicher, ewiger, innerer Ruhe. Seine Gedanken bewegten sich um ihn, um seine Gestalt, um sein Innerstes, seine selbst gestellten Aufgaben wie auch die fremd auferlegten, um seine Person wie andere sie sahen, sehen mussten, sehen sollten.

„Selbst in Australien, in all den Jahren die ich in dem Land verbrachte, habe ich immer nur die Bewegung gesucht, bin immer nur gereist, gerast, gelaufen, habe mich selbst von einem Fleck zum nächsten gejagt, ohne Pause, ohne Ruhe, ohne Rast“.

Der Gedanke daran erdrückte ihn. „Warum eigentlich?“ fragte er laut in die menschenleere Einöde durch die der schmale Weg verlief. Er konnte es sich nicht erklären, bekam keine Antwort.

Immer wollte Carlo so sein wie seine Familie, immer eiferte er dem Streben nach Vollkommenheit nach, wollte etwas Besonderes darstellen, immer von Allem und Jedem unterschieden dastehen, wollte jemand Anderes, nicht unbedingt besser, aber eben anders sein. Dabei war ihm der Durchschnittsjob nicht gut genug, es mussten Positionen im Management sein, Manager in einem großen Unternehmen war seine Traumwelt, sein nie erreichtes Ziel. Denn eigentlich war es gar nicht seine Welt. Er konnte sie nie leiden, diese in Schlips und Kragen ausstaffierten Lackaffen mit ihrem aufgesetzten Lächeln, ihrer vorgespielten Freundlichkeit, die nur um des Geldes willen, nur um der Geschäfte bestand. Er konnte nicht mit ihnen auskommen, denn für ihn besaßen diese Menschen keinerlei Eigenwertigkeit. Puppen in der Augsburger Puppenkiste waren diese Menschen für ihn, dirigiert und kontrolliert in ihrer Welt aus Glanz und Edelmut; vorgetäuscht und mit dem Preis des eigenen Lebens erkauft.

So war er nicht, wer also waren seine Vorbilder wirklich? Und warum konnte er keinen Einklang mit der Welt dieser Menschen finden? Er wusste es nicht, konnte es nicht wissen. Die auferlegten Zwänge aus seiner Umwelt gaben ihm das Gefühl des Nichtbestehens, des Versagens und ebneten immer mehr den Weg zur Depression. In Carlo brannte das Feuer des Versagens weil er in einer Welt nicht sein wollte, in einer anderen nicht mehr sein durfte. So dachte er zumindest.

Keiner wies ihn je darauf hin, dass alles in seinen eigenen Vorstellungen gewachsen, entstanden war. Vorstellungen von einer heilen Welt in die er, der Träumer nicht mehr hineinpasste. Carlo war die Welt der normalen Menschen, in die er glaubte, nicht mehr hinein zu gehören, viel lieber. Über Jahre hinweg war er letztendlich festgefressen in dem fanatischen Geltungsbedürfnis seiner Familie und insbesondere dem Bruder gegenüber, konnte nicht über sich bringen, anzunehmen, was so einfach und erfüllend gewesen wäre.

„Das einfache Leben mit einfachen Mitteln in einfacher Umgebung und in einfacher Erfüllung einfacher Grundsätze zu leben“, platzte es laut aus ihm hervor. Tränen füllten seine Augen. Er hielt sie nicht auf, wollte sie fließen lassen, doch auch sie liefen nur langsam, rannen in Zeitlupe über seine Wangen, kamen nicht am Kinn an, siedeten in der Langsamkeit, wurden von den unbarmherzigen Sonnenstrahlen aufgesaugt.

„Das einfache Leben, unmöglich geworden durch die Angst, als Versager, als Träumer und Spinner zu enden“, wie ihn seine Familie einst bezeichnet hatte, „als ewiger Verlierer dazustehen.“

Er musste es allen, insbesondere Vater und Brüdern doch beweisen, dass er mehr konnte, als Handwerker zu sein. Er war stolz darauf ein Handwerker zu sein, war stolz auf seine Familie, eine Handwerksfamilie nach alter deutscher Tradition. Aber er musste sich doch selbst beweisen, dass ein Studium zu schaffen war, dass er den Schritt in die Chefetagen packen konnte. Und er erreichte es immer wieder. Immer wieder jedoch ging er unbefriedigt aus der glänzenden Umgebung zurück in seine eigene kleine Welt der Einfachheit.

Dort drinnen wollte er nicht sein. Nicht in diesen Glaskästen, der Neumoderne, in der schnelllebigen Welt der Mikrotechnik, in dem Wust aus Computern, Krawatten und Nadelstreifen. Voller Kraft brüllte er sein Leid hinaus in die abendliche Dämmerung. „Ich will doch nur mein Leben.“

Es ging nicht darum, irgendetwas zu tun, sondern etwas Neues, jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr etwas Neues zu schaffen, neue Wege zu finden, neue Rätsel zu lösen. Er war bislang nicht an einen Punkt gekommen, wo er aufgeben musste, er hatte nie die Grenzen seiner Fähigkeiten erreicht. Es gab immer noch dazu zu lernen, mehr zu finden und sich selbst, sein Wissen, seine Fähigkeiten herauszufordern.

Die beste Möglichkeit dazu gab ihm das Selbstmitleid, denn ohne diese Versagerstrukturen wäre er in seinem Job geblieben, wäre nicht in die Welt hinausgegangen, wäre in seinem Dörfchen alt, ein Familienvater nach Tradition und Sitte geworden und hätte tatsächlich einen Baum gepflanzt, ein Kind gezeugt und ein Haus gebaut. „Hätte und wäre ich nur, was Tasko?“

Er ging weiter. Sein größter Wunsch versiegte in der Beantwortung des ‚Warum’. Seine Suche hatte vor zwanzig Jahren angefangen, als er gleichzeitig begann, seinen Beruf auszuüben und Europa zu bereisen. Seine Suche war nicht die nach neuen Ländern oder nach anderen Menschen, sondern nach der Lösung der Frage der Menschheit und deren Verbindung untereinander.

„Was war, was ist und was wird sein?“

Er wollte damals schon wissen, warum er Träume träumte die einige Tage, Wochen, manchmal Monate später Realität wurden. Er wollte die Büchse der Pandora öffnen, wollte wissen, ob es einen Gott gibt und er wollte endlich wissen, warum es einen Carlo gab. Wieder sinnierte er den Träumen und Gesprächen mit Kundjana nach.

Erneut besuchte ihn der alte Schamane in einem altbekannten Traum, der ihm auch in dieser Nacht bedeutete, dass er auf einem Berg stehen würde um eine wichtige Botschaft zu empfangen. Welche, wollte er noch nicht herausgeben, aber diese Botschaft würde er erkennen, wenn sie zu ihm käme.

Kundjana erzählte ihm von den Spirits, von Geisterwesen, die die Welt, das Leben, Erde, Stein, Mensch und Tiere erschufen. Die Aborigine glaubten nicht an einen Gott sondern an die Seelenwiederkehr. Sie glaubten an etwas, das ihm plausibel erschien. Nicht die Evolution und das ganze Gehabe um Gott und Engel, um die Erschaffung der Welt, sie glaubten schlicht und einfach an die Natur.

 Sie glaubten in ihrem Hunderttausendjährigen Dasein an die einfachste Lösung. Das alles aus sich selbst hervorkam und wieder in sich zurückkehrte. Kundjana erzählte ihm die Geschichte der Ancient Spirits, der alten Seelen, die die Träume regierten, die Songlines bewachten und den Bestand und Untergang der Welt, der Seelen, der Menschen und Tiere regelten. Kundjana sagte zu ihm als sie zusammen am Feuer saßen: „Wie kann euer Gott alles machen, alles kontrollieren? Mein Volk weiß aus uralten Berichten, dass es viele Seelen gibt, nicht nur einen Gott. Die Songlines erzählen uns die wahre Geschichte“.

Carlo schüttelte sich. Ein kalter Schauer war über seinen Rücken gehuscht, für einen Moment kehrte er zurück in die Realität. Ein Pfeil wies ihm die Richtung aus dem mittlerweile trockenen Nadelwald, der Pfad ging hinunter zum Fluss. Wie eine Endlosigkeit erschien es ihm, den Schotterweg herab zu laufen. Fußgänger überholten ihn oder kamen entgegen, für ihn geschah alles in Zeitlupe. Selbst die Stimmen, die freundlich, fast mitleidig grüßten, waren in Zeitlosigkeit.

Unendlich langsam verrann der Moment, Carlo verstand kaum der freundlichen Wanderer Worte, und schon gar nicht deren Bedeutung.

Die Gedanken schweiften wieder, hinein ins Nirwana der Unsicherheit seines Selbst, das sich aus den vielen Fragen des Daseins strukturierte. Das Studium hatte er nebenher bestritten, selbst finanziert und mit sehr gut bestanden, auch die anderen Prüfungen zum Dolmetscher und Programmierer. Das alles waren Beweise, um Anderen zu zeigen, was er konnte, was in ihm steckte.

Die einzelnen Jahre liefen in rasender Geschwindigkeit vor seinem inneren Auge ab, doch die Bilder stockten immer wieder, erschienen teils in Zeitlupe, dann rasten sie wieder durch die Zeit, passten nicht ineinander, zerrissen das Gefüge, schwankten zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen guten und schlechten Tagen. Bilder beschrieben ihn aus Sicht der Anderen, waren dennoch die einfachsten Reflektionen seiner persönlichen Vergangenheit.

Er dachte nach. „Bin ich auch eine Seele? Bin ich ein Werk Gottes oder ein Bestandteil der Evolution? Lag Darwin richtig in seinen Theorien? Wo sind die fehlenden Verbindungen zwischen Tieren und Menschen?“ Keiner schien erklären zu können, wo das Leben wirklich her kam, dennoch wäre es für ihn zu einfach gewesen, zu sagen dass es einen Schöpfer gab. Gab es einen? Warum war er nach Australien gegangen, in das älteste aller Länder? War dort die Antwort auf die Fragen zu finden? Warum traf er den weisen alten Kundjana, der ihm so vieles mitteilte, Antworten und weitere Fragen mitgab auf seine Suche?

Wer war er und was brachte ihn an den Rand des Verstandes? Warum konnte er nicht wie die anderen sein, die tagtäglich ihr Brot verdienten, als normal galten? Waren sie normal? Warum war er allein, hier und so oft, vielleicht zu oft in seinen wirren Träumen unterwegs?

Unter der hölzernen Brücke rauschte der Fluss hindurch, milchig trüb durch die Einwirkungen des von Carlo und Tasko vor Jahren durchquerten Steinbruches. „Vor Jahren? Das war doch erst vor ein paar Minuten in dem Wald dort.“ Bei dem Gedanken wurde ihm übel. Er hielt an und lehnte sich an das hölzerne Brückengeländer, sein Magen verkrampfte sich. Er beugte sich über das Geländer und spie all die alten Strukturen, die Ängste und die Ohnmacht in hohem Bogen heraus, gab die Uneinigkeit seiner Person, seiner Seele in die Fluten dieses verdreckten Gewässers, auf das sie für immer aus seinem Leben verschwinden sollten, sich in den Ozeanen bis ans Ende aller Zeit, bis ans Ende der Welt verteilen mochten.

„Ich will frei sein“ brüllte er in den Abend, „will endlich ich selbst sein, will mich verwirklichen, nicht im Käfig der Schuld stecken bleiben und darin verrecken. Mit hoch erhobenen Händen schrie er zum Himmel. „Ihr Seelen, lasst mich endlich gehen, lasst mich endlich meinen eigenen Weg finden, mich selbst finden und verwirklichen.“

Während er so auf der alten Holzbrücke stand und sein vollgekotztes, durchschwitztes T-Shirt begutachtete, sich mit dem Handrücken über die Lippen wischte und ungeschickt ein Taschentuch aus dem Rucksack holte, entstand das alte Bild seines kleinen Cafe vor seinem Inneren. Hier präsentierte es sich mit all den Details, die er in den vergangenen zwanzig Jahren in den Traum seiner so gewünschten  Selbstverwirklichung eingebaut hatte, in das, was er eigentlich verkörpern wollte.

Selbst die Gäste saßen wie schon so oft verbildlicht auf den gemütlichen alten Stühlen in dem kleinen Fachwerkhaus, erfreuten sich einer Lesung eines mäßig bekannten Autors oder lauschten dem Violinspiel einer jungen Musikerin.

„Das ist meine Welt, meine wirkliche Welt. Und sie wird nicht länger nur Traumwelt sein.“

Die spielenden Kinder an der gegenüber liegenden Brückenseite schauten ihn etwas verschreckt an, suchten alsbald das Weite, liefen zum Städtchen. Carlo kam erst langsam wieder zu sich, Tasko saß treu an seiner Seite, obwohl er nicht angeleint war. „Sicher hattest du Angst um dein durch geknalltes Herrchen, was Tasko?“, dachte Carlo, schulterte seinen Rucksack neu und machte sich auf den Weg, die letzten hundert Meter in das schläfrige Städtchen zu überwinden.

Kurz vor dem Ort kamen ihn kläffende Hunde entgegen, begrüßten Tasko aggressiv. Der allerdings ließ sich nicht beirren, knurrte und bellte kurz und heftig, wurde als der Ranghöhere akzeptiert. Sie passierten die Kontrolle der bellenden Stadtwächter ungeschoren. Im Ort saßen alte Männer in einfachen Leinenhosen und Jacken auf schweren, handgehauenen Holzbänken vor den steingrauen Häusern, palaverten, rauchten und begrüßten freundlich den ‚Peregrino con Perro’, den Pilger mit dem Hund.

„Die Herberge liegt in der Stadtmitte, nicht zu verfehlen“ sagte ein Jüngerer, Ende Vierzig. „Komm, Tasko, das schaffen wir auch noch“. Der hatte mittlerweile Interesse an den streunenden Katzen gefunden. Scharf zog Carlo ihn an der Leine zurück, marschierte weiter. Ohne Hoffnung ein Bett ergattern zu können, band er Tasko am Brunnen an, trank ausgiebig und ging die zehn Stufen des Amtshauses, in das die Herberge integriert war, hinauf.

Der Herbergsvater stellte sich höchstpersönlich als Bürgermeister des Städtchens vor. Sogleich war Carlo die Einfachheit des Daseins wieder gegenwärtig. Er zeigte offen seine Freude und wurde herzlich empfangen. „Man kann auch ein einfacher Herbergsvater sein und doch ein ehrenwertes Amt bekleiden“ flüsterte er seinem treuen Freund Tasko zu.

Der dicke Bürgermeister bat ihn in sein kleines Büro. Ohrenbetäubende Blechmusik dröhnte aus einem batteriebetriebenen Miniradio am Fenster. Nach dem ruhigen Tag in Wald und Feld war die kreischende  Blasmusik nervenaufreibend, er hütete sich aber, etwas zu sagen. Der Major der Stadt setzte sich hinter seinen edlen Schreibtisch, der nahezu den gesamten Raum einnahm und kritzelte in stoischer Ruhe die Namen der Ankömmlinge in das ledergebundene Buch, berechnete pro Bett drei Euro und ließ alle Besucher einen Dreizeiler in ein Gästebuch schreiben.

„Nein, der Hund muss leider draußen bleiben, aber wenn du ein Zelt hast, kannst du unten am Fluss campieren. Dort ist eine schöne Wiese, da seid ihr beiden ungestört, kannst solange bleiben wie du magst.“ Carlo zückte seine Geldbörse aus dem Rucksack, wollte bezahlen, der dicke Bürgermeister winkte ab: „Wer nicht hier drinnen schläft, zahlt auch nicht, die Duschen und Toiletten kannst du benutzen. Wäsche waschen bitte in den Becken unten im Garten, nicht in den Duschen, wir haben zu viel Betrieb um die Duschen zu blockieren. Gegen eine Spende haben wir aber auch nichts.“ Er grinste breit, denn er wusste, dass Carlo mehr spenden würde als er ansonsten für ein Bett bezahlt hätte.

Der Fünfeuroschein glitt in die aus einer Nescafedose umfunktionierte Spendenbüchse.

Erfreut über das Angebot, einen Dreizeiler über sich und Tasko zu schreiben, blätterte er eine Weile in den dreißig Büchern mit je zirka fünfhundert Seiten. Ihm fielen keine rechten Worte ein, auf den Stutz hier in solch wertvolle, von enormer Kraft und Energie aus all den Jahren der Pilgerreisen geladene Bücher zu schreiben. Alle waren bis zum Rand voll mit Eintragungen der Pilger, die dieses freundliche Haus besuchten.

So viele Menschen hatte Carlo nicht erwartet. Er unterhielt sich mit einem Brasilianer, der lässig und mit einer Kaffeetasse bestückt an der Bürotür zum Bürgermeister- und Pilgerbüro lehnte.

„Du scheinst erstaunt über die vielen Namen? Es waren im letzten Jahr zwanzigtausend Pilger, die von der französischen Seite aus losgelaufen sind, zuzüglich derer, die erst hier in Spanien gestartet sind.“

„Zwanzigtausend? Das sind ja mehr als fünfzehnhundert im Monat“ entgegnete Carlo erstaunt. „Nein, denn die meisten gehen in den Saisonmonaten von Juni bis September, also weit über viertausend pro Monat“, war die Antwort.

„Rico ist mein Name, ich bin hier als ‚Peregrino presentar’ beschäftigt, bleibe noch drei Monate und arbeite in der Herberge des alten Major. Putzen,  saubermachen und so, du weißt schon.“

„Ich bin Carlo. An so viele Menschen hätte ich nie gedacht. Werde mal mein Zelt aufstellen gehen. Wäsche waschen und so, wir sehen uns vielleicht später noch?“ entgegnete Carlo und freute sich über ein „Ja, gern, ab Sieben wird in der Bar am Ortsende ein Menü angeboten. Für Pilger günstig und sehr gut, vielleicht magst du mitgehen?“ Erfreut sagte Carlo zu.

Die achtundzwanzig Kilometer inklusive des immensen Höhenunterschieds am vorherigen Tag, zusammen mit den heutigen knapp dreißig, waren eine echte psychische Herausforderung, fast schon eine Tortur. Zudem kam die mentale Belastung, die sicher intensiver an seiner Substanz zehrte als die eigentliche Anstrengung. Doch jetzt und hier, in dieser Gemeinschaft von netten Menschen, die strahlend fröhlich, meist auf blasengepeinigten Füßen in Badelatschen humpelnd und vom Muskelkater malträtiertem Gang die Treppen hinauf und herab stiegen, war er schnell wieder guter Dinge.

„Peregrino con Perro. Wir freuen uns über die unsagbare Freundlichkeit der Menschen entlang des Weges, des Camino. Tasko und Carlo, Peregrino con Perro widmen den Weg unserem Freund Carsten, der durch einen schweren Unfall seine Gesundheit für immer verlor. Mögen sich durch diesen Weg die Begebenheiten bessern. Wir gehen den Weg der einfachen Menschen“, waren Carlos Zeilen in dem dicken Buch des Bürgermeisters.

Rico wies ihm den Weg zum Fluss. Die Wiese lag dreißig Meter von der Herberge entfernt, ein Pfad führte durch einen verwucherten Garten bis hinunter zum rauschenden Wasser. Dort saß eine Frau mit einem Buch allein an einen Baum gelehnt, schaute kurz auf, als Carlo sich näherte. Er begrüßte sie mit einem „Buen Camino“, sie erwiderte in Deutsch: „Hallo, ich bin Lena. Ich hab dich schon erwartet.“

„Langsam wird mir das hier alles etwas unheimlich“, gestand er und antwortete auf ihr Lachen. „Hallo, ich bin Carlo, aber das weißt du ja dann sicher auch schon.“ „Nein“ lachte sie zurück, deinen Namen kenne ich nicht, aber irgendetwas hat mir mitgeteilt, dass du heute hier eintriffst. Wir werden uns noch oft begegnen.“

Nun wurde es ihm Zuviel des Spirituellen, er entschuldigte sich bei ihr, befestigte Taskos Laufleine an einem Baum und begann, sein immer noch triefend nasses Zelt aufzustellen. Nachdem alles stand, die Sachen in den Bäumen und über einen Zaun gehängt waren, der Hund gefüttert und er selbst heiß geduscht war, setzte er sich zu Lena, die immer noch in ihrem Buch las.

„Wie kommst du darauf, dass ich kommen würde, warum ich?“ fragte er.

„Weil ich gestern, während einer Meditation in einer Bergwiese einen großen Mann mit einem schwarzen Hund vorhersah, dem ich an einem trüben Fluss begegnen werde. Als dein Tasko vorhin an mir vorbei zum Ufer lief, wusste ich, dass der Zeitpunkt gekommen ist. Ich wusste, dass du folgen wirst. Als du dann deinen Hund auch noch in Deutsch anriefst, war es klar, ich spreche nämlich keine einzige andere Sprache.“

„In einer Meditation? Meditationen sind doch keine Botschaftsmittler?“ „Doch, sicher“, sagte Lena. „Das Gespräch mit meinem Inneren hat mir die Botschaft übermittelt.“ Carlo lief es wieder einmal kalt den Rücken herunter. Noch immer konnte er mit Begegnungen spiritueller Menschen nicht viel anfangen, akzeptierte aber die Aussage Lenas. Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile über Transformationen,  unausgesprochene, telepathische Botschaften, über Esoterik und Spiritualismus.

Auf seine Frage, wann sie sich wieder sehen würden, sagte sie lachend: „Bald schon, spätestens wenn du meine Hilfe benötigst, werde ich da sein.“ „Ich deine Hilfe benötigen? Warum sollte ich?“ „Bedenke, wir gehen den gleichen Weg, nicht gemeinsam, aber dieselbe Richtung, mit dem einigen Ziel und jeder von uns, jeder hier auf dem Weg zu seinem Inneren braucht irgendwann Hilfe durch Gespräche, durch Zuwendung, durch Antworten auf entstehende Fragen. Lass dich überraschen.“

„Wie lautet denn dein Ziel“ fragte er und ihre Antwort kam unerwartet.

„Ich plane seit zehn Jahren, den Jakobsweg zu gehen, habe mich in all den Jahren ausführlich damit beschäftigt, aber bislang nicht getraut, ihn anzugehen, denn die Offenbarungen sind immens.“

Sie legte ihr Buch zur Seite. „Ich habe in Deutschland Klöster und Kathedralen besucht und deren Wirkung auf mich zu definieren versucht. Ich bin nicht tiefgläubig, aber schon vor einigen Jahren hat sich meine Welt aufgrund der Erlebnisse mit dem Weg, dem Camino verändert. Ich bin den spirituellen Kräften durch lange Unterredungen, durch Seminare und Kurse, durch Energiearbeit näher gekommen.“

Sie blickte Carlo an, als ob um zu fragen, ob er ihr folgen konnte. Dann sprach sie weiter. „Ich bin Heilpädagogin und Physiotherapeutin, interessiere mich also schon von Berufswegen her für das Spirituelle, aber schon mein Weg zum Weg hat alles Erlernte in den Schatten gestellt. Allein in der Vorbereitung bin ich immer wieder erschrocken, wusste nicht weiter. Und für einen spirituell offenen Menschen wie mich kann der Camino zum Wahnsinn führen, die Sinne entgleisen lassen.“

Carlo schluckte. „Wie meinst du das denn.“ „Die Energien dieses Weges sind so immens stark, wenn man sich ihnen eröffnet, dass sie ein Leben, feste Grundsätze, eingefahrene Strukturen binnen weniger Tage verwerfen, ganze Menschenleben verändern, sogar zerstören können. Hier, am Anfang des spanischen Abschnittes ist die Energie noch recht gering, obwohl du sie schon gespürt haben wirst, wenn du offen bist für die Spiritualität. Und das bist du ja.“ „Woher glaubst du das denn zu wissen?“ stichelte Carlo.

„Du bist es. Sonst wärst du nicht hier. Bald kommen die ganzheitlichen Energien zur vollen Wirkung. Dann ist es an der Zeit, zu entscheiden, ob man weitergeht und seine Sinne riskiert, oder innehält, pausiert und vielleicht erst in einer Woche, einem Monat, einem Jahr oder so weitermacht. Du wirst für dich entscheiden müssen.“

Sie beendeten ihr interessantes Gespräch, nicht zuletzt weil ihm das Ganze etwas zu mulmig wurde. Insbesondere nach den Erlebnissen der letzten Tage war er momentan nicht gut auf Thesen und Voraussagungen zu sprechen. Außerdem wollte er in jedem Fall noch mit Rico in die Bar zum Essen und endlich mal wieder ein paar Bier zischen.

Die Bar, er hatte sich über den Begriff einer solchen in diesem Städtchen gewundert, entpuppte sich als kleines Kneipenrestaurant, der Wirt war freundlich, das simple Dreigangmenü vorzüglich und für sieben Euro durchaus erschwinglich. Zum Abschied packte ihm der Wirt noch eine Plastiktüte voller Essensreste für Tasko ein. Die Unterhaltung mit Rico war angenehm oberflächlich, beide mochten an diesem Abend keine tiefgründigen Gespräche führen.

Die Abendmesse für Pilger begann um Neun und dauerte nur eine halbe Stunde. Carlo verstand kein Wort, fühlte sich aber dennoch von der Einigkeit der Menschen auf dem gemeinsamen und doch durch die unterschiedlichen Interessen und Strukturen getrennt verlaufenden Weg beeindruckt, ja fasziniert. Da saßen jugendliche Männer mit Rastalocken aus Norwegen, eine achtzigjährige Frau aus Italien mit ihrem portugiesischen gleichaltrigen Mann. Lena saß in der ersten Reihe. Daneben Carlos weibliche ‚Dämonen’ vom gestrigen Tag, die allerdings auch jetzt keinerlei Anstalten machten, ihn zu überfallen und in Stücke zu reißen.

Sie alle schienen in stille Gebete vertieft und die Männer des zwölfköpfigen Mountainbike-Club aus der Schweiz waren entgegen der am Nachmittag an ihm vorbeirauschenden lautstarken Unterhaltung tief in sich gekehrt und in Andacht. Nach der Messe fiel Carlo in sein Zeltbett. Der Major hatte ihm eine Wolldecke und ein Kopfkissen gegeben, da sein Schlafsack noch immer nass war. Er durfte dennoch nichts bezahlen, bestand aber darauf, etwas in die Spendenkasse der örtlichen Kirche zu geben.

Noch eine Weile glitten seine Gedanken durch den heutigen Tag, er kritzelte einige Notizen in sein kleines Tagebuch und fragte sich, wo Pablo, sein spanischer Begleiter wohl abgeblieben war, denn er war weder in der Herberge, noch in der Bar oder der Kirche zugegen.

„Vielleicht war Pablo der zweite meiner Dämonen auf der Reise?“ Tasko antwortete nicht, Carlo rechnete auch nicht damit, sondern fuhr fort in seinem Selbstgespräch: „Der Dämon, der mich an meine ewige Eile erinnern sollte. Er sollte mich zum Ruhen, zur Langsamkeit ermahnen.“ Er schloss die Augen und fiel in einen weit entfernten Traum.

Sie waren im Lawn Hill Nationalpark an der Grenze zum Northern Territory und mit dem Errichten des Camps beschäftigt, als Gail ihn auf den Unfall ansprach. Es tue ihr furchtbar leid, dass nun die Stoßstange des Wagens verbeult sei und das junge Tier sterben musste, sagte sie und fing an zu weinen. Ihre Tränen kamen Carlo ungelegen, er war selbst gerade in Gedanken bei dem Unfall und verfluchte sich innerlich immer noch für diesen Zwischenfall, den er hätte vermeiden können, wenn er ein wenig achtsamer auf Straße und Umgebung geschaut hätte, anstatt sich dem Spiel mit Gail hinzugeben.

„Du hättest ein wenig langsamer an die Sache herangehen sollen, dann wäre nichts geschehen“, sagte er und ärgerte sich im gleichen Moment über diesen dummen Spruch. Es war nicht ihre Schuld, sondern meine eigene, dachte er und nahm sie in die Arme. „Ist schon gut, Liebes, weine nicht. Es war mein Fehler, hätte besser aufpassen, den Spaß auf später verschieben sollen. Zu spät.“

„Es ist nie zu spät, Carlo“, antwortete Gail, die ihre Tränen mittlerweile fortgewischt hatte. „Es ist nie zu spät, alles was man getan hat zu bereuen und einen Neuanfang zu starten.“ „Wie meinst du das denn“, wollte Carlo wissen und die Erklärung kam anders als erwartet.

Langsam, unendlich langsam zog sie ihn zu sich heran, legte seine Arme um ihren Nacken, küsste ihn mit einer tiefen innigen Zärtlichkeit, dass sofort alles um ihn herum vergessen war. Der Unfall von vorhin einfach nur noch Schall und Rauch, die Strapazen des Tages, der vergangenen Wochen lösten sich auf in ihrem Zungenspiel, die Wärme ihres Körpers im Schatten der riesigen Eukalypten des Camps brachte seine Haut zum glühen.

Sie wollte ihn. Jetzt und sofort und er hatte nicht die geringste Absicht, sich dagegen zu sträuben. Nichts war einzuwenden gegen das hier und jetzt. Hier konnte nichts passieren.

Sie waren nahezu allein im Camp, die nächsten Nachbarn knappe hundert Meter entfernt, deren Fahrzeug stand verschlossen, die Campingutensilien zusammen geklappt. „Unsere Nachbarn sind auf Wanderung. Beste Zeit für ein wenig Ablenkung“, sagte Gail und zog ihr Oberteil aus.

Ihre braungebrannten prallen Brüste reckte sie ihm entgegen, auf dass er mit den Lippen ihre Nippel umspiele. Doch sie entzog sich ihm umgehend, wandte sich ab, stellte sich rücklings an einen schlanken Eukalyptusbaum, ließ ihre verbleibenden Hüllen fallen.

Nackt, erotisch wie die pure Lust, stand sie vor ihm, spreizte die Schenkel leicht, hielt sich in Hüfthöhe rücklings um den Baum geschlungen fest, stellte die Füße nach hinten. Ihr schwarzes, langes, im Sonnenlicht bläulich reflektierendes Haar wand sich um ihre grazilen Schultern. Was für ein himmlisches Geschenk sie doch für ihn war.

„Fessel mich“ sagte sie so leise, dass er es kaum  hören konnte. Er traute seinen Ohren kaum, folgte aber zu gern ihrem Kommando, ihrem Wunsch und holte ein starkes Seil aus der Werkzeugkiste des Landcruisers, band Ihre Arm- und Fußgelenke unter leichtem Druck hinter dem schlanken Baum zusammen und wurde sich ganz plötzlich der Macht über sein hübsches, erotisches Opfer bewusst.

 Langsam, sehr langsam kniete er sich vor ihr in den heißen Sand und konzentrierte sich und sein Liebesspiel auf die feuchte, heiße, leicht hervorstehende und nun völlig entblößte Venus zwischen ihren schlanken, braungebrannten und mit leichten Schweißperlen übersäten Schenkel.

Wie sie es genoss, ihn zu verführen, ihn zum Wahnsinn zu treiben, ihn an die Grenze des Verstandes zu bringen. Ihre Bauchdecke hob und senkte sich, ein langsames, tiefes Stöhnen entwich ihren Lippen, sie ließ sich ganz und gar fallen unter seiner Liebkosung, genoss das Spiel mit dem Feuer,  genoss den Moment wie eine große Königin ihren besten Schachzug.

Sie gehörte ihm, konnte sich in der Unendlichkeit des Moments vollkommen hingeben, wollte sich von ihm besitzen lassen, wusste, er würde ihr nicht wehtun, wusste, er würde alles für sie geben.

Doch hier und jetzt hatte er sie für sich, konnte mit ihr anstellen, was er wollte. Er aber ließ sie nur durch die Berührung seiner Zunge in einem unendlich sinnlichen Tanz der Sinne immer wilder werden. Immer intensiver ging sie aus sich heraus, ließ sich fallen und wand sich unter dem leichten Schmerz der Ekstase, beruhigte sich nur kurz als er für einen Moment von ihr abließ und genoss erneut den Schwall der heißen Ströme durch ihren Körper, den er ihr so intensiv allein mit seinem Mund zu geben vermochte.

 Anschließend liebten sie sich im heißen Wüstensand im frischen Wind unter den Ghostgums und Paperbarks, genossen danach ein kühles Bad im Wasserfall der Schlucht und ließen den Abend bei Lagerfeuerromantik und Rotwein unter glasklarem Sternenhimmel zu einem wohligen Ende gehen.

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