5. Kain und Abel

Bruderzwist

Das Nebelloch war also endlich durchquert, die Regen- und Gewitterwolken hielten sich zwar, es regnete nur noch hier und dort. Erfreut packte Carlo die Regenjacke wieder ein. „In dem feinen Nieselregen braucht man nicht einmal das Regenzeugs.“ Der Pfad war von Weiden und friedlich grasenden Schafsherden gesäumt.

Während die Sonne immer öfter lachte und die alten Hirten gemütlich bei ihren Autos am Wegrand standen und palaverten, streunte Tasko wie gewohnt in den Wiesen umher und rannte von einem Rinnsal zum nächsten. Ein Hirte ermahnte Carlo freundlich, dem Hund die Leine anzulegen, was er für kurze Zeit, solange die schwätzenden Hirten noch in Sicht waren, auch gern tat. Dann geschah, die Leine war soeben erst wieder abgenommen, was geschehen musste, um die Dringlichkeit der Mahnung des besorgten Hirten zu unterstreichen.

Tasko sah eine kleine Horde Schafe an einem Wiesenvorsprung über einem Felsgrat. Bevor er seinen Labrador zurück pfeifen konnte, gingen die Instinkte des Schäferhundmischlings mit ihm durch. Er suchte sich ein Tier aus und hetzte es den Abhang hinab. Kein Pfeifen und Rufen nutzte, er reagierte nicht mehr, war schon zu weit vorgeprescht um sein Herrchen hören zu können. Den Rucksack im Lauf abwerfend, rannte Carlo den Hang hinunter, dem gejagten Schaf und dessen Jäger hinterher.

Aber der ließ nicht ab, schubste und prellte das Tier in seine gewollte Richtung, spielte mit seinem ängstlichen Opfer. Dann, nach fünfhundert Metern war die Hetzjagd plötzlich zu Ende. Keuchend kam Carlo über einen Hügel, sah wie Tasko über dem reglos daliegenden Tier stand, das von einem Felsvorsprung einige Meter tief gesprungen sein musste.

Der große, schwarze Hund stand über dem verendenden Tier und leckte das aus der zerborstenen Brust des Schafes rinnende Blut. Das Schaf war kurz vorm Verenden, lag röchelnd, strampelnd und mit gebrochenen Beinen unter seinem Peiniger.

Carlo war wie gesteinigt, konnte nicht fassen, was sein treuer Freund angerichtet hatte. Ihm blieb keine Wahl. Zuerst war das Tier von seinen Qualen zu erlösen, dann musste eine Strafe folgen, um dem Tier solchen Unfug ein für alle mal auszutreiben. Er kletterte den steilen Hang wieder hinauf um sein Jagdmesser aus dem Rucksack zu holen, dass sich eigentlich zum Zweck des Brot- und Käseschneidens im Rucksack befand.

Zurück bei dem Mutterschaf, Carlo sah erst jetzt, dass das Tier tragend war, schnitt er dem leidenden Opfer die Kehle durch, durchtrennte die Halsschlagader, ließ das Tier entschlafen. Danach, Tasko saß mit Unschuldsmine neben seiner Bluttat, ging es an eine Bestrafung. „Ein Hund der einmal reißt, wird es immer wieder tun“, hatte ihm ein Jäger einst gesagt. Mit dem blutigen Messer in der blutüberströmten Hand kam ihm der Gedanke, den er sich zu Grunde legte, als er Tasko damals, vor zwei Jahren, von seinem Neffen übernahm: „Wenn dieser Hund irgendwann ein Kind, einen Menschen beißt, oder ein Tier reißt, wird er durch meine eigene Hand sterben.“

Carlo war, wie schon so oft in seinem Leben nicht konsequent genug, brachte es nicht übers Herz, dem treuen Freund, der hier einen einmaligen Fehler beging, schwerwiegend aber bislang einmalig, das Leben zu nehmen. Er selbst war doch zu Carlo gekommen, um ihm sein Leben wiederzugeben, sich an Carlo zu binden. Musste nicht schon einmal ein Mensch so sehr darunter leiden, dass Tasko nun Carlos Weg begleitete?

„Nein, töten kann und darf ich ihn nicht. Ich bin kein Richter“ ging es ihm durch den Kopf. Schmerzerfüllt erinnerte er sich an die Schamanin Josephine und deren Worte, warum Tasko in Carlos Leben gekommen war.

Schnell verwischte er den Gedanken wieder und konzentrierte sich auf den Moment. Mit einem Knüppel bekam der Hund eine Abreibung, die er nie und nimmer vergessen sollte. Die Schnauze Taskos drückte Carlo tief in das Blut des toten Tieres, das aus dem Hals ausgetreten war und durch die Mischung mit der zuletzt aus der Luftröhre geströmten Luft einen rosaroten Schaum bildete. Das Blut, leuchtend rot in der Abendsonne, triefte ihm in breiten Rinnsalen aus der Schnauze.

Er schüttelte sich, winselte, wendete sich von Carlo und dem Schaf ab, wollte fort rennen.

„Nein, noch nicht genug. Du musst selbst spüren, was du angerichtet hast.“ Carlo band die Leine um den Hals des toten Tieres, befestige dann den Hund am anderen Ende. Kurz angebunden an den Leichnam des Opfers, getränkt in dessen Blut, fast erstickt am Leiden des Anderen, winselte und jammerte der Hund, dass es Carlo selbst fast das Herz brach. Er harrte aus, litt höllisch unter diesem Anblick, wusste aber, dass es nur so möglich war, seinen schwarzen Freund von weiteren solcher Untaten abzubringen.

So zumindest war er unterrichtet worden. War das auch richtig? Würde es funktionieren? „Egal, wenn nicht kann ich es auch nicht ändern, wenn doch, dann hat es genutzt.“

Gedanken rasten durch seinen Kopf. „Was nun? Das Schaf musste zum Weg gebracht werden, sodass die Schäfer es finden, die Überreste nutzen konnten. Gedanken quälten ihn. „In dieser Bergregion sind die Menschen von den Tieren und deren Wohl abhängig, ihr eigenes Leben hängt von diesen Schafen ab, du verdammter Köter“ fluchte er und zerrte das tote Tier mit allen Kräften aus der Talmulde, schleppte es bis zum Hochpfad.

Tasko, noch immer an den Kadaver gefesselt, winselnd und jammernd ob der Ungerechtigkeit, zerrte er dabei mit. Konnte das Tier wissen, was es anstellte? Konnte der Hund denn einschätzen, wo die Grenzen waren oder war es nur der Missmut seines Herrn, der den Hund strafen wollte für etwas, das er eigentlich selbst zu verbüßen hatte? War nicht Carlo selbst schuldig am Unfall, am Tod des Schafes und dessen Jungtieren?

Carlos Gedanken zerfetzten seine Sinne, er schrie seinen inneren Schmerz immer wieder unter heftigem Erschauern und wild rennenden Tränen in die Auen der Pyrenäen. „Warum nur, Gott verdammt. Warum? Warum?“

Wieder war sie da, die Grenze zum Irrsinn, die Borderline zwischen sonnigem Alltag und völlig nackter Verzweiflung, im Sekundenbruchteil erreicht durch einen minutiösen Augenblick, herbeigerufen aus der natürlichen Umgebung, aus instinktivem Verhalten seines treuen Freundes. Herbeigeeilt um ihn, Carlo, in unsagbare Qualen der geistigen Selbstverstümmlung zu stürzen.

Was er angestellt hatte in seinem Leben, was er jemals verbrochen, spielte keine Rolle. Die Frage seiner Depressionen konzentrierte sich nicht auf ein Was und Warum im Leben, sondern allein auf das Ergebnis. Denn so sah Carlo seine Schuld früherer Taten und kleiner Gaunereien an sich gerächt, verfiel erneut in die tiefen, bodenlosen Abgründe des Suizids, nur und allein durch die Gedanken, die ihn an die Wegescheiden seines Verstandes führten.

Depressionen waren sein Gefängnis, seine Strafe, sein Zerfall in der Gesellschaft.

An der Straße angekommen, traf er prompt auf den Hirten, dem das Tier gehörte. Es war der Mann, der ihn zuvor ermahnte, den Hund anzuleinen. „Es gibt also doch keine Zufälle“, gestand er sich ein, war sich noch mehr seiner ganzen Schuld bewusst. Er konnte nicht umher, sich unzählige Male bei dem Hirten zu entschuldigen, wusste keinen anderen Rat, als diesem Entschädigung durch Geld anzubieten, für das durch den Hund und seine eigene Unachtsamkeit angerichtete Malheur.

Der Hirt allerdings winkte ab. Er ging um das Auto herum, öffnete die Beifahrertür und nahm etwas heraus, das er anschließend Carlo reichte. Dieser wusste nicht wie ihm geschah, konnte nichts mit dem Artefakt anfangen, was war das nun schon wieder?

Der Hirte zeigte mit dem Finger auf die Jakobsmuschel in Carlos Hand, nehm diese erneut auf und hielt sie an Carlos Rucksack. „Du musst eine Muschel tragen“, sagte er in gebrochenem Englisch. „Du bist auf dem Jakobsweg um zu lernen. Lerne durch die Zeichen die dir gegeben werden.“

Er ging erneut zu dem alten, klapprigen Citroen, holte ein großes Messer und einen alten Sack aus dem Kofferraum und begann, das Tier zu zerlegen. Dann winkte er Carlo fort, bedeutete so dem sprachlosen, von Tränen und Unsicherheit gebeutelten Mann, er solle weiter gehen, lächelte ihn an und wünschte ihm ein „Bon Vojage, Pelerino.“

Tasko an der Leine, eng gehalten, machte er sich auf den mühsamen und schon am ersten Tag mit so schweren Ereignissen bestückten Weiterweg.

Der Rucksack wurde plötzlich unendlich schwer, die Füße brannten, jeder Knochen schmerzte ihn. Er weinte. Lange heulte er Rotz und Wasser, konnte sich kaum fortbewegen nach allem was an diesem unheilvollen Tag schon geschehen war. Er fragte sich, und über die riesige Distanz hinweg seinen alten Schamanen Kundjana, warum dies passieren musste, verfluchte seinen Hund und den Tag. Er verfluchte sich. Insbesondere sich.

Immer wieder schaute er Tasko an, der jetzt mit angelegten Ohren und eingezogenem Schwanz neben seinem Herrn her trottete. „Hätte ich dich nur gelassen wo du warst, Mistviech“ obgleich er wusste dass dies gar nicht möglich war, sein Herrchen konnte ihn damals nicht behalten und außerdem konnte man die Zeit nicht zurück drehen. Und es war auch nicht so gewollt gewesen, denn Carlo sollte Tasko bekommen und er wollte ihn auch.

Heute, im Hier und Jetzt hatte es ihm nur so sehr wehgetan, was der Freund angerichtet hatte, aber im Großen und Ganzen war er doch unsagbar froh, diesen einzig wahren Freund gefunden zu haben.

Nach einigen hundert Metern beruhigten sich die wild umherirrenden Gedanken etwas, er kam ein wenig zur Ruhe, verlangsamte seinen Schritt und stoppte an einem seicht abfallenden Abhang. Er setzte sich ins Gras, Tasko hielt er weiterhin an der Leine, trank einen Schluck Wasser und ließ die Gedanken gleiten.

Schnell war er wieder in der unendlichen Steppe Australiens angelangt, saß in seinem Landcruiser, durchfuhr die unendlichen, kargen Steppen am Carpentarischen Golf im Nordwesten Queenslands.  Schon Stunden waren sie unterwegs gewesen, die Musik dröhnte laut aus den Lautsprechern, seine englische Freundin und Begleiterin Gail sang dazu.

Sie genossen die Zeit, tranken Bier und ließen sich die Sonne durch die herunter gekurbelten Seitenfenster auf die schon dunkelbraun gebrannten Körper scheinen. Sie war soeben dabei, sich seiner anzunehmen, beugte sich mit blitzenden Augen zu ihm herüber um ihn während der Fahrt zu verführen. Langsam zog sie ihr einerlei zu knappes Top aus, ließ ihre vollen, runden Brüste in der Sonne und zum rhythmisch-monotonen Vibrieren der endlosen Schotterpiste tanzen. Carlo war hin und hergerissen, anzuhalten und diesen Moment auszukosten oder weiter zu fahren um das lang ersehnte Camp im Lawn Hill Nationalpark noch heute zu erreichen.

Gail wies ihn an, weiter zu fahren, während sie sich auf seine Hose konzentrierte. Da geschah es. Carlo hatte während der Fahrt eine Herde Rinder einer der riesigen Rinderfarmen übersehen und nicht gemerkt, dass einige auf der Schotterpiste standen. Er konnte gerade noch rechtzeitig bremsen, um nicht den ganzen Geländewagen in das Tier zu verbohren, dennoch reichte die Zeit nicht aus, einer Kollision zu entgehen. Es knallte, Knochen brachen, ein gequältes Brüllen des Jungtieres ließ die Stille der endlosen Steppen zerbersten.

Knirschend rieben Knochen des Tieres und das Metall des Bullenfängers, einer robusten Stoßstange genau für diese Art von Kollision an den größeren Fahrzeugen angebracht, aufeinander.

Gail schrie auf, Carlo fluchte. Da war nichts mehr zu retten, das Tier röchelte, war bereits am verenden. Auch damals musste er die Kehle des Tieres durchschneiden, ließ das junge Tier entschlafen. Hier allerdings war kein Hirt, kein Farmer in Sicht, keiner da um zu helfen, zu entscheiden, keiner zugegen um Verständnis auszusprechen. Sie brachten es nicht übers Herz, das Tier zu zerlegen, ließen es inmitten der jetzt wieder zusammenstrebenden, riesigen Herde liegen, inspizierten das Fahrzeug nur kurz und fuhren schweigend, betrübt und sich schuldig fühlend weiter. Vergessen war für den Moment die erotisch prickelnde Spannung von vorher, beiseite gelegt das intime, persönliche und in der Wildnis so aufregend Auszulebende.

Im Camp angekommen befragten sie den Ranger wegen des Rindes, obwohl sie die Antwort kannten. Es war in Ordnung, so viele Tiere verendeten tagtäglich dort draußen in den Steppen, da kam es auf eines mehr oder weniger nicht an. Adler und Dingos würden sich darum kümmern.

Sie beide lernten ihre Lektion daraus und in dieser Nacht besuchte Kundjana, sein alter urstämmiger Freund, ihn wieder einmal im Traum. Beide saßen lange am Lagerfeuer und sprachen von der Ungerechtigkeit des Moments, doch Kundjana sagte ihm Mut zu und ermahnte ihn, nicht zu viel zu trauern, sondern froh zu sein, dass nicht mehr geschehen war. Er habe umkommen, und seine Freundin hätte großen Schaden davontragen können.

Carlo solle das Gute im Unglück sehen, ermahnte ihn sein Freund im Traum, an die Natur, die Instinkte und den Austausch der Seelen zu denken. „Es war gewollt“, endete der alte Krieger seine klugen Worte.

Carlo erwachte aus seinem Tagtraum, schleppte sich und seine Last weiter der mittlerweile erreichten Hochebene entlang. Erneut blieb er stehen. Lange schaute er Tasko an und sprach ihm zu. Nein, es war nicht Taskos Schuld, auch nicht seine eigene. Es sollte sein und sicher war der Schafhirte nicht vom Bankrott bedroht, denn so selbstsicher und fast automatisch, wie er das Schaf zerteilte, kamen solche Unfälle sicher des Öfteren vor. „Sicher“ sagte Carlo laut. „Sicher fallen die Schafe mal von einer Klippe, das passiert in den Alpen mit den Ziegen auch“.

Er lachte, war sich nicht der erneuten Wechselstimmung bewusst. Hin und her schwankend zwischen depressivem Gau mit Suizidgedanken und Hochstimmung in purer Lebensfreude war er diesem Wechsel ausgesetzt. Und er nahm es nicht einmal wahr. Carlo und Tasko liefen Gedankenversunken und Tagträumend weiter.

Er war gedanklich abwesend und im Geiste bei der damaligen Familientragödie. Der Unfall war letztes Jahr geschehen. Sein Neffe Carsten war gerade ein Jahr lang verheiratet. Das junge Paar hatte Tasko als Welpen aus einem stinkigen Tierzüchterschuppen geholt. Als ihr eigenes Hochzeitsgeschenk. Doch der kleine Welpe hatte es auch in seinem neuen Zuhause nicht sonderlich gut, musste meist an der Leine liegen, kam selten mit Frauchen oder Herrchen in Feld und Wald, wurde mehr und mehr zum Hofhund. Eine glücklich scheinende junge Familie mit schickem Haus, versprechender Zukunft und Kettenhund.

Das Drama spielte sich in der Nacht nach einer Feier im Nachbarort ab. Carsten selbst war nicht gefahren, hatte sich abends abholen und nachts nach Hause bringen lassen. Dann kamen, wie immer, die ewigen Diskussionen auf. Genau wie Jahre zuvor bei Carlos Brüdern und ihm. Vielleicht, dachte Carlo, wie bei so vielen anderen Brüdern, Schwestern und Eltern. Das andauernde Hin und Her zum Thema Familie, Alkohol, Geschwister, Verantwortung und Courage.

Was genau geschehen war, wusste wohl keiner mehr genau, aber wie schon in Carlos eigener Jugend, war der Fall Carstens ähnlich, leider mit unterschiedlichem Ausgang.

Nach dem üblichen, wochenendnächtlichen Zechen wurde diskutiert und gepeinigt. Mental, manchmal auch physisch. Die älteren waren meist die, die am besten sticheln konnten. Mutter wie Vater der oft zerrütteten Familien waren gleichermaßen an der nächtlichen Folter im Rausch der Sinne durch Drogen oder Alkohol beteiligt.

Einer der Unterdrückten, meist war es wohl der Jüngere der Geschwister, sprang irgendwann verzweifelt und betrunken ins Auto und fuhr einfach drauf los. Carlo wusste nicht, wie oft er selbst dieses böse Spiel mitgemacht hatte. Wie oft war er heulend und verzweifelt aus dem Haus seiner Eltern gerannt, weil seine Brüder ihn malträtierten. „Weil ich nicht so war wie ihr?“ schrie er hier in der Hochebene der Pyrenäen in die Nachmittagssonne hinaus.

Er besann sich zurück. Auch diesmal war es so gewesen. Der jüngere Bruder Carstens drehte irgendwann durch, lief aus dem Haus und verschwand zu Fuß in die Nacht. Nur, weil er noch kein Auto besaß? Der um einiges ältere Carsten rief seinen Welpen Tasko, setzte sich ans Steuer, wollte den jungen Bruder einholen, zur ‚Vernunft’ bringen.

Schon nach einem Kilometer raste er frontal gegen einen Baum, das Fahrzeug überschlug sich mehrmals. Carsten flog, da nicht angeschnallt, aus der Windschutzscheibe und landete unter dem sich noch immer überrollenden Wagen. Tasko wurde aus der zerborstenen Heckscheibe des Wagens geschleudert.

Der Helikopter kam erst, nachdem der junge Mann eine ganze Stunde später und bereits im Koma gefunden wurde. Die Familie lag währenddessen seelenruhig im Bett und schlief ihren Rausch aus. Der Weckruf an diesem Morgen war allerdings kein normaler.

Die Sirenen der Rettungswagen durchschnitten die Ruhe der Nacht. „Die dunkelste Stunde der Nacht ist immer kurz vor der Dämmerung“, waren Carlos schmerzverzerrte Gedanken im Rückblick auf die Tragödie. Die folgenden Monate der Ungewissheit über Leben und Tod, und in Anbetracht des zerstörten jungen Lebens aufgrund einer Lappalie machten nicht nur Carlo schwer zu schaffen.

Was musste noch geschehen, wer musste noch zu Schaden kommen, bis die Menschen in seiner Familie, bis alle Menschen endlich begriffen, dass mentale Folter im Suff nichts bringt. „Komm weiter Tasko“.

Den Hund Tasko fand man damals erst Tage später, völlig verängstigt in einem Holzschuppen verkrochen, nahezu zehn Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Der Förster brachte den Gutmut, der nun noch verstörter war, zu seinem im Halsband notierten Zuhause. Nach dreimonatigem Koma war Carsten aus der Rehaklinik entlassen worden. Dessen Frau hatte mittlerweile einen anderen Partner, Hund Tasko war im Weg, musste weg.

Carlo nahm ihn zu sich in Pflege, konnte den Gedanken an ein Tierheim für dieses wunderbare Tier nicht ertragen. Er verbrachte jede Minute mit dem neuen Freund, um diesem Vertrauen zu geben, spürte die Verlorenheit in dessen ängstlichen Verhalten und fühlte sich schon damals irgendwie an sich und seine Jugend erinnert.

Er schaute Tasko direkt an, hier in dieser unwirtlichen Gegend der französischen Bergkette, hier wo beide ihre Aufgabe erfüllen, ihren Weg gehen mussten. „Eigentlich war es wohl schon Fügung, dass wir beide uns finden, was?“ Tasko blickte sein Herrchen an, hob die Lefze und schmiegte sich ganz nah an Carlos Bein.

„Alkohol und Autofahren verträgt sich nun mal nicht“, waren Carstens Vaters, also Carlos Bruders Worte, als der vom schweren Unfall seines Sohnes erfuhr. Die Familie war bald zersplittert, die kleine Schwester bekam schwerste Depressionen, der jüngere Bruder machte sich Vorwürfe zu dem Unfall, war bald ein psychisches Wrack.

„Nein, es gibt keine Zufälle. Und du hast einen guten Grund hier zu sein, Tasko.“

Nach einer weiteren Stunde war er endlich über den höchsten Punkt des Tagesmarsches gekommen, hatte die tausendvierhundert Meter Höhe erreicht und alsbald überquert. Während des Abstiegs durch den Waldweg bis in den spanischen Klosterort direkt hinter der spanischen Grenze, der eigentlich schnell erreicht sein sollte, machten Carlos Füße und Gelenke ihm nun extrem zu schaffen.

Die Last des Gepäcks war bergab noch peinigender als bergan. Doch auch wenn der Abstieg ins Tal ihn noch so anstrengte, verlief er dennoch ohne nennenswerte Zwischenfälle. „Die Erlebnisse dieses ersten Tages allein reichen aus, um einen Film darüber zu drehen, was mein Freund?“ rief er dem schwarzen Racker nach, der wieder weit voraus gelaufen war um den Weg zu erkunden.

Unten vorm Klosterdorf angekommen, es war mittlerweile halb neun Uhr Abends, zogen schwarze Gewitterwolken auf. Carlos geplagte Füße kühlten in dem frischen Bergbach, Tasko lag komplett darin, spielte mit einem Stock und genoss die Ankunft. Auch er wusste, dass es für heute genug sein sollte.

Die hundert Meter zum Kloster wollte Carlo einfach nicht mehr schaffen, er wusste, dass er dort einerlei kein Bett bekommen würde. Sein Zelt schlug er direkt am rauschenden Bergbach auf, aß die Reste des mitgeschleppten Proviants und trank in einer nahezu stoischen Ruhe den guten Rotwein aus seiner, beim Nachmittags-Dämonen-Intermezzo verbeulten Blechtasse.

Während er noch am Bach auf der einfachen Holzbank saß und die Ereignisse des Tages Revue passieren ließ, kam entlang des Schotterweges, den er soeben noch begangen war, ein Mann aus dem Wald. Bekleidet nur mit einer gammeligen und von Flicken und Löchern übersäten Mönchskutte, trug dieser einen modernen, aber völlig zerschlissenen und voll beladenen Rucksack.

Ein Wanderstab in der Rechten des Mannes ließ Carlo neugierig werden. Der Stab war fein geschnitzt und in gedrehter Form, inmitten des Stabes war ein farbiges Band in das Holzwerk integriert, wand sich um den Stecken wie die Fahne eines Klosterordens. Tasko schlug kurz an, der Mönch grüßte freundlich ein „Buen Camino“ wie es hier im Spanischen hieß und durchwatete den Bach. Er lief barfuß, hatte, soweit Carlo erkennen konnte, keine Schuhe dabei.

„Läufst du den ganzen Weg barfuß, fragte der erschöpfte Carlo, auf die blanken Füße weisend. „Ich laufe ohne Schuhe, um die Füße mit dem Boden, der heiligen Erde des Camino, des Weges in Einklang zu bringen“, erwiderte der Mönch in schottisch akzentuiertem Englisch, der sich als ‚Bruder des heiligen Wegs‘ vorstellte.

Sie sprachen nur kurz, der Mönch wollte schnell weiter, um noch ein Bett in der Klosterherberge zu ergattern. „Wir werden uns wieder sehen, da gibt es noch viel Zeit zum Reden“ sprach er und ging schnurstracks mit seinen baren Füssen über den Schotterplatz auf das im Abendlicht bedrohlich wirkende, von riesigen, in den schieren Fels gehauenen Mauern getragene Kloster zu. Carlo beendete seine abendliche Andacht und ging zum Zelt.

Als er gerade im Schlafsack lag, Tasko war draußen an einer Bachweide angeleint, begann das Gewitter. Der Wind blies erst hart, dann zerrte ein wahrer Sturm an seinem wackeligen Bau. Wasser rann über den Innenboden, seine Sachen waren allesamt in Minutenschnelle durchweicht, er schaffte es gerade noch rechtzeitig, Papiere, Buch und Unterlagen in Mülltüten zu stopfen, als das Zelt unter einem starken Bö kollabierte.

Um die Hilfe der Erzengel, die Nadja immer als Zuflucht nannte, rief er nun, schrie seine Wut, seine Angst, seine Demut heraus, versuchte seine wenigen Habseligkeiten in der Dunkelheit zusammen zu halten, wollte wenigstens die Schuhe in Tüten stecken, um sie einigermaßen trocken zu bewahren.

„Wenn die Wanderstiefel erst nass sind, dann kann ich verdammt noch mal auch gleich Barfuß gehen“ schrie er sich selbst unter dem Grollen des unbarmherzigen Gewitters und dem trommelnden Regen zu.

„Zur Hölle mit Euch, ihr Mächte des Bösen“ brüllte er in die stockfinstere Dunkelheit, die nur vom jähen und unbarmherzigen Blitzen des Unwetters durchbrochen wurde. Verzweifelt, dem Wahnsinn fühlte er sich nahe. Das Zelt war mittlerweile nur noch ein Haufen Folie, zwei der Hauptstangen waren zerbrochen, die Sachen allesamt durch und durch nass.

Tasko riss sich, vielleicht in Erinnerung an die damalige Nacht als Welpe im Unfallwagen, los und machte sich aus dem Staub. Rufe nutzten nichts, er konnte Carlo im Grollen des Donners sowieso nicht hören. „Ich hoffe nur, dass er zurückkommt, sonst dreh ich durch“ resignierte Carlo.

Nach Stunden legte sich der Sturm etwas, die Wolken verzogen sich, es war bereits fünf Uhr morgens. Carlo fror, die Temperatur musste bei nur fünf Grad über Null liegen. Er konnte sich nicht wärmen, keinen klaren Gedanken fassen. Alles brach nun über ihm zusammen, die Strapazen der vergangenen Tage und Wochen, die Torturen und Erlebnisse des ersten Tages auf dem Jakobsweg.

Ein einziger Tag! Die Mächte, die Ängste, die Energien, die Begegnungen mit fremden Menschen und das gestern Erlebte korrespondierten mit seinen zerfetzten Nerven, bedeuteten ihm, aufzugeben, verwünschten ihn und schienen den letzten Atemzug aus seinen Lungen stehlen zu wollen. Im plötzlichen, festen Willen, allen Naturgewalten zu trotzen, rief er es in den nasskalten Morgen hinaus. „Ich habe Angst, unendliche Angst. Aber ich werde weiter gehen.“

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