4. Begegnung

Der alte Mann

Früh morgens spielte der Wecker seines Handys. Genervt beschloss er, es für die kommenden Wochen der Wanderung komplett abzuschalten. Tasko war umgehend fit, wartete auf Futter, begleitete Carlo zur Dusche. Er merkte, dass sein Herrchen irgendetwas Besonderes plante, wusste es schon seit einiger Zeit.

Das Zelt noch im Auto verstauen, den Rucksack fertig packen, die letzten Gedanken zusammen raffen, was fehlen könnte, was alles noch mit musste. Die Verwalterin des Campingplatzes erklärte sich bereit, sein Auto in ihrem Schuppen unterzustellen. Gegen eine Gebühr von drei Euro pro Nacht. Unverschämt fand er es schon, andererseits blieb ihm keine andere Wahl, somit sagte er zu.

Die Garage entpuppte sich als verfallener Viehstall, das Tor als eine verrottete Sammlung alter, gammeliger Holzlatten, die bei einem Fußtritt das Weite suchen würde. Ein Schloss existierte nicht einmal, würde aber, so Frau Verwalterin, angebracht, sobald er unterwegs sei.

Er parkte den Wagen mit allem was er noch besaß in dem Verfall, gab ihr vertrauensvoll seine Autoschlüssel und die Papiere, die im Haus im Tresor aufbewahrt werden würden, nahm seinen Rucksack und die Hundeleine, an der sich Tasko widerwillig fixieren ließ und marschierte los.

Der Rucksack war voll gepackt, die rund sechzehn Kilo machten sich zuerst kaum bemerkbar, nahmen allerdings an Last zu, je weiter er die erste Steigung im Städtchen anging. Zelt, Isomatte, Regenjacke, Schlafsack. Das Hundefutter, sechs Liter Wasser, Hundenapf und Leine. T-Shirts, Pullover, Socken und Unterwäsche, zudem Pfeife und Tabak, Buch und Taschenlampe, Toilettenpapier und eine Tagesration an Proviant für sich, dazu ein französisches Baguette und natürlich eine Flasche Wein.

Der stabile Rucksack mit fünfzig Litern Fassungsvolumen entpuppte sich als erstklassige Wahl, die Seitentaschen nahmen die Plastikflaschen mit Wasser gut auf, sodass er sich lästiges Ein- und Auspacken um Wasser zu trinken sparen konnte.

In der Wegbeschreibung, die er im Pilgerbüro erhalten hatte, ein tausendfach kopierter einfacher Zettel, standen die wichtigsten Punkte der ersten Route. Achtundzwanzig Kilometer mit einer zu bewältigenden Höhe von zwölfhundert Metern lagen für heute vor dem frischen Pilger mit Hund. Die Wasserstellen begrenzten sich auf zwei definitive, die anderen könnten ausgetrocknet sein, hieß es nicht gerade ermutigend.

Zeit zum Aufbruch sei spätestens sechs Uhr früh, da man sonst den An- und Abstieg nicht zu schaffen vermochte. Nicht zu vergessen die begrenzte Zahl der Betten in den Klosterherbergen. Diese interessierten Carlo allerdings wenig, denn er durfte sie ja sowieso nicht nutzen. Das kleine Zelt würde den beiden Pilgern als Herberge, Küche, Lager und Zuhause dienen.

Carlo war um halb elf losgegangen, bereute diese Verzögerung mit jedem Schritt bergan, dachte mit Grauen an die erste Nacht in den Bergen bei tausendvierhundert Metern über dem Meeresspiegel, erinnere sich an die Dämonen, die Boten und die Erscheinungen, die in dem kleinen Buch erwähnt waren und denen der Autor begegnet sein wollte.

„Mulmiges Gefühl“ sagte er zu Tasko, der ihn nicht hören konnte. Der war nämlich wie immer schon weit voraus gerannt, erkundete die Gegend. Verkehr gab es auf dem Pilgerpfad kaum, Autos fuhren selten und die Pilger des heutigen Tages waren schon längst unterwegs.

Nach zwei Stunden anstrengendem Marsch, er hatte sich ziemlich rangehalten, die Stunden des vertrödelten Morgens wieder aufzuholen, überholte er die ersten Pilger, die auch zu spät losgegangen zu sein schienen. Allerdings waren die zwei, ein Mann Mitte Vierzig, die Frau um die Sechzig, ohne schweres Gepäck unterwegs. Mit leichten Rucksäcken beladen, gingen sie in Turnschuhen.

„Na wenn das so ist“, dachte Carlo, „werd ich’s wohl auch schaffen“. Er grüßte freundlich ein „Bon jour“ und marschierte weiterhin frohen Mutes den Berg hinan. Nach weiteren zwei Stunden strengem Marsch beschloss er, eine Pause einzulegen, Picknick zu machen, etwas zu trinken. Er suchte sich ein Plätzchen im Grün der Schafswiesen, Tasko fand einen sprudelnden Bach, die Sorge um Wasser war vorerst gebändigt. Regenwolken zogen bald schon auf, es wurde kühler. „Kein Problem“ dachte er sich, „ich habe ja alles dabei.“

Die Beschäftigung hüllte ihn in Lebenslust, vergessen waren plötzlich die Depressionen, die Nichtsnutzigkeit. Einige Stunden später überholte er weitere Wanderer, einige kamen ihm entgegen. Sie hielten an, tranken gemeinsam mit Carlo einen Schluck Wasser. „Nein wir sind keine Pilger, haben nur einen Zweitagesausflug gemacht“, berichteten die im kurzen Gespräch. „Gestern über die Grenze nach Spanien gewandert, übernachtet und heut zurück.“

Eine etwas andere Begegnung einige Zeit später allerdings, ließ ihn stutzen. Zwei Frauen saßen am Wegesrand, beide um die Vierzig. Sie unterhielten sich, aßen Weißbrot und Oliven, tranken aus blechernen Tassen. Tasko lief völlig desinteressiert an ihnen vorbei. Da sein Hund sie überhaupt nicht beachtete, was für Tasko eine echte Leistung war, da der jedem grundsätzlich zuerst ‚begegnete’, beschloss Carlo, die Beiden anzusprechen.

Er staunte nicht schlecht, als eine der beiden Frauen auf Deutsch zugab, Hunde grundsätzlich nicht leiden zu mögen und froh sei, dass dieser, offensichtlich wohlerzogen, sie in Ruhe ließe. Die Andere verdrehte ihre Augen als wolle sie ihm bedeuten, dass ihr diese Anmerkung unendlich lästig, ja zuwider sei.

Sich selbst bereits unwohl fühlend, wünschte Carlo guten Appetit und verabschiedete sich mit einem „bon Vojage“. Er ging schnell weiter und setzte sich bei der nächstbesten Gelegenheit ins Gras, um diese Begegnung zu überdenken.

In der Wanderung durch seine Gedanken und Überlegungen verzögert, überholten ihn die Frauen alsbald wieder. Erneut war Tasko nicht zu ihnen gelaufen, ignorierte sie. „Was ist mit den beiden, Tasko?“, entfuhr es ihm. Seine Gedanken kreisten um die sonderbare Begegnung. Beide hatten Kopftücher um ihre Köpfe gebunden, so dass er Farbe und Länge ihrer Haare nicht erkennen konnte.

„Seltsam. Mich interessiert doch immer, welche Haarfarbe eine Frau hat.“ Er trank einen Schluck Wasser, wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Auch mit Kopftuch. Haarfarbe und Frisur spielen für mich doch immer die entscheidende Rolle bei der Sympathie.“ Er schüttelte den Kopf. „Ein komischer Splin“, dachte er noch, „konnte mich dem nie erwehren.“

„Wirklich komisch“, entfuhr es ihm, während er in seinen Abenteuern vergangener Jahre in fernen Ländern umherschweifte. Die Papua Neu Guinesen trugen ihre Haare in stolzer Pracht, genau wie die Aborigine. Sie stellten Stolz und Würde der Person dar, reflektieren das Ansehen der Stämme. In anderen Kulturen, erinnerte er sich, war dies genauso. In Afrika oder bei den japanischen Geishas.“

Er wunderte sich über die verstreuten Gedanken und beschloss weiter zu gehen. Dann grinste er Tasko an. „Der Rucksack ist jetzt bedeutend schwerer als heut morgen, sollte er nicht langsam leichter werden weil ich Wasser daraus getrunken habe?“

Der schwarze Freund blickte ihn nur schräg an, zog wie immer seine linke Lefze hoch, wenn Carlo ihn direkt ansprach, stellte den Kopf quer als wollte er sagen „das hab ich jetzt nicht ganz kapiert.“

Carlo lachte. Wieder musste er an Frauenhaare denken. „Christin hat die wundervollsten Haare, die ich je sah.“ Für eine Weile lief ihre Beziehung vor seinem inneren Auge ab. Durch Haarspray und das  perfekte Styling waren Christins Haare jedoch so aus ihrer natürlichen Form und Fülle abgewandelt, dass es ihm oft wehtat, diese Haarpracht so verunstaltet zu sehen. Einzig wenn Christin aus der Dusche oder im Schwimmbad aus dem Wasser kam, war ihre endlos schöne Mähne in voller Natur, in ganzer Pracht zu erkennen.

Er liebte ihre Haare, die Farbe, die sanften Strähnen. „Die beiden Frauen da sind ohne Haare, also ohne Persönlichkeit“, führte er sein einsames Gespräch mit seinem Freund Tasko weiter. Carlo fröstelte es. „Weißt du Tasko, ein Mensch wird erst zu einer reellen Persönlichkeit durch die Haare. Schon immer waren Haare die Standespracht der Menschen. Die Mönche wählten die Glatze, um emotionslos zu sein, die Nonnen verdecken die Haare, um dem Laster zu entsagen. Hexen machte man an ihren Haaren aus, verbrannte sie sogar nach den Farben ihrer Haare. Rot war teuflisch“.

Tasko hörte nicht zu, war längst wieder in den saftigen Weiden der Pyrenäen unterwegs. Carlo beschleunigte seinen Schritt, war nun fast auf gleicher Höhe der Frauen, schaute erneut nach Ansatz von Haar und Strähne und erstarrte für einen Augenblick.

Da waren keine Gesichter. Nur die Regenjacken und die darüber fallenden Kopftücher. Keine Haut, keine Nase, die hervorstand, kein Mund der lächeln konnte, keine Augenbraue, nichts. Keine Miene, keine Mimik. Schwarze Leere unter den Kopftüchern, dunkle Löcher in Frauengestalt „Geister, Dämonen“ überkam es ihn mit einem tiefen Schauer.

Er bekam es mit der Angst zu tun, schaute sofort nach Tasko in der Hoffnung, dass dieser ihn beschützen werde, sollten die beiden ihn angreifen. Die Frauen aber gingen einfach weiter, drehten sich nicht einmal um, reagierten nicht auf sein Rufen nach dem Hund. Tasko kam gelaufen und rannte direkt zwischen beiden hindurch.

„Für ihn existieren die beiden überhaupt nicht“, rief Carlo. „Das ist der Grund warum er nicht auf die Frauen reagiert“ schoss es ihm durch den Kopf. „Sie sind nicht wirklich“.

Er blieb stehen und wollte fortlaufen, eine fremde Kraft band ihn an seinen Standort, er konnte sich nicht mehr rühren, war erstarrt in seiner Angst.

„Was geschieht hier? Was erwartet mich jetzt.“ Kein Mensch war weit und breit zu sehen, kein Haus, kein Auto in Sicht. Carlo hatte Angst, furchtbare Angst und wusste doch nicht wovor. Das sind nur zwei Weiber, du spinnst, Mann, jetzt geh weiter“ sagte er sich laut und brachte es schließlich fertig ein paar Schritte voran zu gehen.

 Tasko stand plötzlich neben ihm und blickte erwartungsvoll drein. „Was soll ich denn?“ wollte sein Hundeblick ausdrücken, er wartete auf einen Befehl. Carlo riss sich zusammen und sagte, nur um irgendetwas zu sagen, „bei Fuß.“

„Der hört aber wirklich gut“, sagte plötzlich eine der Frauen, indem sie sich zu Carlo zurückwendete und ihm ein freundliches Lächeln präsentierte. „Meine Freundin ist einmal vom Schäferhund ihres damaligen Freundes gebissen worden, daher hat sie eine solche Abneigung vor Hunden. Übrigens auch vor Männern.“ Sie lachte. „Macht sich in die Hosen, wenn ein Rehpinscher auf sie zukommt“, sie lachte erneut, diesmal lauter. Zu laut für den Augenblick.

Carlo stand der Schweiß auf der Stirn, seine Gedanken überschlugen sich, die Angst war noch nicht überwunden. Unsicherheit überfiel ihn, ließ ihn erneut erschauern. Eine braune Locke zwinkerte unter dem Kopftuch des nun lächelnden Gesichts hervor. Mit einem freundlichen Augenblinzeln und einem Wink ihrer Hand strich sie die Haarsträhne aus dem Antlitz.

Im Anblick dessen wollte Carlo soeben aufatmen, als sich plötzlich dieses Gesicht mit der Bewegung ihrer Hand zu einer Fratze verzog. Wie in einem Horrorfilm verbog, verzerrte, verformte sich dieses hübsche Gesicht unter der Bewegung ihrer Hand, nahm eine grauselige Form an, die Carlo abermals erschauern ließ. Messerscharfe, nadelspitze Zähne bleckten unter den jetzt schrumpeligen, geradezu schwarzen Lippen hervor. Die Augen in ihren tiefen, schwarzen Höhlen strahlten jetzt eisige Kälte, Hass und Abneigung aus, die Farbe war aus dem lebendigen Gesicht gewichen, aschfahles Grau untermalte die grauenhaften Züge dieser Fratze.

Carlo blieb der Atem stehen, er schauderte erneut, wusste nicht was zu tun war. Er wich zurück, stolperte und fiel zu Boden, die am Rucksack befestigte Blechtasse schepperte auf einen Stein, Tasko kläffte erschreckt, wich ebenso zurück und starrte seinen Herrn an. Der wollte schreien, um Hilfe rufen aber er wusste, es war zwecklos.

Dieses Erlebnis konnte nicht echt, nicht real sein. Er rappelte sich auf, kam vom Rucksack frei und stand auf. In dem Moment war plötzlich alles wieder ganz normal. Die Andere spottete, ihre Freundin solle sie nicht immer bloßstellen, wendete sich zum Weg und ging schnellen Schrittes weiter. Carlo blieb stehen, murmelte irgendeine Entschuldigung, dass er einen Stein im Schuh habe, sammelte die hingefallene Blechtasse wieder ein und setzte sich auf einen Felsen am Straßenrand.

Er war fassungslos, hin und her gerissen zwischen dem Glauben an die Realität und der abgrundtiefen Dunkelheit seiner Phantasien. Waren das nur Phantasien oder war er wirklich seinem nächsten Dämon begegnet?

„Das war ein Dämon“, zerrte es an seinen Gedanken. „Und jetzt hab ich die beiden schon wieder vor mir, muss noch mal an ihnen vorbei, mich ihnen erneut stellen.“ Eine ganze Weile verbrachte er in Achtungsstellung, zum Sprung, zur Flucht bereit, den Rucksack ließ er abgeschnallt.

Er hätte ihn liegen lassen, wären die beiden zurückgekommen. Tasko lag an der soeben angelegten Leine neben Carlo in ‚Platz’. Er brauchte eine ganze Zeit lang um wieder einigermaßen zu sich zu kommen, redete weiter mit sich selbst um seine Angst, seine Unsicherheit zu beschwichtigen. „Du hast Angst, Angst vor zwei Frauen, die dir auf einem Wanderweg begegnen“ sagte er sich. „Stell dich nicht kindisch an, es gibt keine Dämonen.“

Er wollte der Stimme glauben, war im Versuch, das Erlebte abzutun mit einem „Scharlatanerie“ aber tief im Inneren wusste er, dass ihn solch wirre Erscheinungen so lange begleiten würden, bis er sich ihnen endgültig stellte. Solange, bis er sich seinen eigenen tief sitzenden Dämonen endlich zu stellen wagte.

Kundjana hatte ihn gewarnt, der alte Mann am See hatte ihn gewarnt und Erna Dora, Nadja und auch der Tempelmönch in Thailand hatten es ihm gesagt. Er musste den Kampf zwischen sich und seinen Dämonen, dem ganz persönlichen Feind ‚Frau’, ausfechten, seine Ängste überwinden und den Hass auf das weibliche Geschlecht endlich und ein für alle Mal bereinigen. Aber wie?

Seinen ganzen Mut zusammenraffend, ergriff er den Rucksack erneut und marschierte schnellen Schrittes weiter, dem Gipfel des Berges entgegen. Mittlerweile war es um fünf Uhr Nachmittags, die ersten, gelegentlichen, schweren Regentropfen eines aufziehenden Gewitters kündigten einen baldigen Schauer an, Nebel zog auf.

Tasko war schon seit einer Weile wieder von der Leine los, ging nun brav bei Fuß und entfernte sich nur, um hier und da ein Rinnsal in den noch saftigen Weiden aufzusuchen und zu trinken. Abermals hielt Carlo an, trank etwas Wasser und beschloss, Regenjacke und Pullover anzuziehen, um dem sich rasch nahenden Gewitter zu trotzen.

Immer noch war ihm mulmig, das grauenhaft verzerrte Gesicht ging ihm einfach nicht mehr aus den Augen, die Kraft des Bösen war allgegenwärtig, seine ureigenen Dämonen hatten ihre Tagespflicht erfüllt und ihm einen gewaltigen Schrecken eingejagt, den er während des Marsches und der unausweichlichen Konfrontation mit sich selbst nicht einfach beiseite wischen konnte. Er musste sich mit seinem Problem auseinandersetzen. Jetzt und hier.

Das war allerdings leichter gedacht und gesagt als unternommen. Seine Beziehung zum weiblichen Geschlecht war ja nicht immer negativ gewesen. Wo war also der Ansatz zu suchen, eine Lösung zu finden?

Die große Liebe mit Christin hatte begonnen, als sie achtzehn war und es war eine wunderbare Zeit. Auch die Beziehung später, nach all den Jahren, als sie plötzlich eines Tages vor seiner Tür stand und eine neue erotische, aufgewühlte und wilde Romanze entfachte, war guten Anfangs.

In seinen noch immer verschreckten Gedanken ging er zurück in die Zeit mit ihr. Er musste in dem Eichenholztürrahmen des Fachwerkhauses gestanden haben, wie Jemand der gerade seinem eigenen Geist begegnete. Christin krümmte sich vor Lachen und nahm ihn ohne Umschweife, nach all den Jahren einfach in den Arm und küsste ihn mit einem heißen, leidenschaftlichen Kuss.

„Hallo, lange nicht gesehen und doch wiedererkannt“ scherzte sie. „Darf ich reinkommen?“ fragte sie mit ihrem strahlenden Lächeln, den makellosen schneeweißen Zähnen und den göttlichen Lippen, von denen er so viele Nächte geträumt hatte. Ihre Löwenmähne strich sie betont sexy zur Seite. Der kurze Lederrock über ihren endlosen, braungebrannten Beinen war knapp genug um als Gürtel durchzugehen, die weiße Bluse die ihre straffen, wohlgeformten Brüste nicht wirklich verdeckte, betonte vorzüglich und mit einer Laszivität, dass sie nicht nur auf einen Kaffee vorbei gekommen war.

Sie wollte etwas und bekam immer, was sie sich in den Kopf setzte. Hier und heute wollte sie ihn zurück haben und es gelang ihr umgehend. Es war schon dreist, denn sie konnte nicht einmal wissen, ob er nach der langen Zeit nicht wieder leiert war. Aber es wäre ihr auch egal gewesen. Sie räumte sich die Macht über ihn ein und wusste, er gehörte ihr.

Die neue, schnell aus dem Schrank der Altlasten wieder hervorgeholte Beziehung ließ sich anfangs gut an, es war eine besondere Romanze mit wilden, verlangenden Nächten und einer einfach nicht enden wollenden Begierde.

Erst Monate später drehte sich alles wieder zum Negativen. Die sich gegenseitig abgerungenen Energien reichten nicht aus, um sie beide permanent hoch zu powern, einer von beiden übernahm das Zepter schon bald, während der andere, in diesem Fall Christin den physisch Kürzeren zog.

Er hatte sie mehrmals geschlagen in seinem Unvermögen, sich einerseits mit ihrer Bestimmtheit und andererseits der eigenen Realität auseinander zu setzen. Psychisch allerdings blieb Christin immer die Gewinnerin; er war meist so mit seiner destruktiven Opferphase beschäftigt, dass sie ihn jederzeit herunter buttern und zu einem Nichts degradieren konnte. Und das beherrschte sie vorzüglich.

Nicht nur bei Christin war es so. Diese Art Beziehung wiederholte sich. Immer fand er eine neue Partnerin, der er die Schuld an seinem eigenen Unvermögen zuschieben konnte. Diese nahm sich dann auch das ihr zugetragene Recht, ihm seine Gebrechen zuzugestehen und ihm seine Position als Verlierer, Versager, als Nichts zu gewähren.

Nichts war leichter als das und mit seinen Vorgaben der Eifersucht, der Opferstrategie hatte er sich immer schnell seine Position als der Betrogene gesichert und hoffte so ihre jeweilige Zuneigung zu ereifern. Leider oder dem Himmel sei Dank, funktionierte dies meist nur für kurze Zeit.

Danach trieben ihn die Partnerinnen meist mit seinen eigenen Waffen in die Enge, brachten ihn zum Verzweifeln, indem sie ihn ignorierten, seine Anrufe nicht mehr erwiderten, sich entfernten. Je mehr dies geschah, desto besitzergreifender wurde Carlo, das tägliche Verfolgen, die nächtlichen Fahrten zum Nachsehen was seine Freundin grad trieb wurden zum zerstörerischen Alltag.

Der Wahn, sich betrogen fühlen und hintergangen werden hatte eingesetzt und war nicht mehr zu stoppen. Selbstzerstörung stand auf dem Programm. Meist durch Alkohol, manchmal in verzweifelten Selbstmordversuchen, zu denen er innerlich zu feige war, sie auch greifend und mit Aussicht auf Erfolg auszuführen.

Selbstmord war wiederum seine Waffe der Energiebeschaffung. Für einen kurzen Moment hatte er die Aufmerksamkeit aller. Wie er das genoss. Dann wurde für eine Zeitlang alles wieder normal, wenn die anderen erkannten, dass er überleben würde. Der Alltag ging unbeirrt weiter und seine Energiequelle schrumpfte erneut.

Er hatte ein psychisches Problem und ertränkte es im Alkohol. Die Partnerinnen, die diese innere Störung registrierten, nutzten diese irgendwann bewusst oder unbewusst aus, die anderen hatten meist selbst ein Opferprogramm laufen, welches auf gegenseitiger Basis nur noch größeren Schaden anrichtete.

Heilung war nicht zu bekommen, denn Carlo selbst wusste nicht, was sein eigentliches Problem war, was es bedeutete, seelisch krank zu sein. Für ihn war es normal, dass alle Menschen, männlich oder weiblich, Freund oder Feind gegen ihn arbeiteten und als Versager verachteten, ihn betrogen und seine eigentliche, innere Seelenfreundlichkeit ausnutzten, wann immer dies möglich war.

Auch diejenigen, die ihm gut gesonnen waren, konnte er bald nicht mehr von anderen unterscheiden und somit war sein Weg automatisch der eines Einzelgängers, welches die Situation wiederum verschlimmerte. Catch 22. Eine endlose Schleife bis zur endgültigen Selbstvernichtung.

Er ging weiter, steifen Schrittes näherte er sich dem Höhepunkt des Berges, wusste selbst nichts von all den inneren Problemen, kannte nicht die Ursprünge, weniger noch die Lösungen dazu. Seine Schritte wurden schwerer und die Last nahm mit jeder Minute zu. Der Nebel wurde dichter und bedrückender. Auf dem Zettel des Pilgerbüros stand etwas von einer permanenten Nebelzone, die er hiermit wohl erreicht hatte.

Carlo konnte nicht die Hand vor Augen sehen, alles war grau in grau, feuchtklamm. Der Regen blieb noch aus, dennoch war jeder Schritt in dieser schwülen Luft anstrengender denn je zuvor, hinzu kam die mentale Belastung des zuvor Erlebten. Die Regenjacke beengte seine Bewegungen, der dicke Pullover brachte ihn zum Schwitzen.

Eigentlich würde er ihn gern ausgezogen haben, getraute sich aber nicht anzuhalten, die Angst der Widerbegegnung steckte noch zu tief in seinen Gliedern. „Sie könnten zurückkommen, mir auflauern“ sagte er mit leiser, erschöpfter Stimme.

Die Steigung war nun schier unbarmherzig, es ging den Berg so steil hinauf, dass selbst Fahrzeuge ein Ächzen haben mussten.

„Es kann aber nicht mehr weit sein, denn kurz nach der Nebelzone kommt der Gipfel. Danach geht’s erst mal wieder abwärts. Die Nebelzone ist auf drei bis vierhundert Meter Steigung ausgewiesen, die ich mittlerweile durchlaufen haben müsste.“

Er redete weiter mit sich selbst um seine Unruhe zu beschwichtigen. Eine ganze Zeit lang lief er noch in der trüben Milchsuppe, teils tastete er sich mit den Füßen entlang der Wegbegrenzung, teils musste er sich herabbeugen, um den Weg zu erkennen, um nicht im Gras, über Felsen zu straucheln und im Graben zu landen. Dieser verflixte Nebel war so unglaublich undurchsichtig, was hatte das nun wieder zu bedeuten?

Tasko hatte es leichter, lief zwar vorsichtig und war permanent am schnuppern, fand aber immer wieder das Vertrauen in den Tritt, verließ sich auf Jahrtausende alte Instinkte.

Carlo wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht, verfluchte den Moment. Er wollte nicht mehr weiter laufen, mochte einfach nur ausruhen, zur Ruhe kommen und seine Gedanken sortieren. Er wollte, musste verschnaufen, sich für einen Moment entspannen. Gequält beugte er sich nach vorn um den Druck des immer schwerer werdenden Rucksacks für einen Moment von seinen Schultern zu nehmen, die Last zu erleichtern. Gebeugt schüttelte er die erschöpften Arme, reckte und drehte sich, um sich im nächsten Augenblick wieder aufzurichten und weiter zu laufen. Er musste das Ziel für den heutigen Tag erreichen, welches noch mindestens drei Stunden Müßigganges entfernt lag.

Er ging erneut in die Knie, der Rucksack drückte ihn schwer nach unten, als habe jemand mit unglaublicher Kraft eine schwere Hand auf seinen Kopf gelegt und presse ihn herunter. So, als wolle ihn die Last der Zeit in die Gosse bringen kam es ihm vor. Ein eiskalter Schauer überlief ihn.

In dem Moment als er sich mit geballter Kraft wieder aufrichtete, blickte er direkt in eine Lichtöffnung im dichten Nebel, vielleicht dreißig Meter von seinem Standort entfernt. Ihm wurde erneut schwindelig, die Sinne schwankten, der Verstand begann zu schwinden.

Vor ihm stand die heilige Jungfrau Gottes. In leuchtenden Regenbogenfarben stand sie plötzlich da, lächelte auf ihn herab, ließ ihn die Wärme der Allmächtigkeit spüren, sprach ihm zu. Sein Herz blieb für einen Bruchteil einer Sekunde stehen, er bekam einen Moment lang keine Luft, dachte plötzlich, seinem Schicksal direkt ins Auge zu sehen. „Was geschieht hier?“

In der trüben Nebelsuppe und den umhüllenden Sonnenstrahlen wirkte die Jungfrau erhaben, geradezu göttlich, noch majestätischer und brachte eine Ausstrahlung göttlicher Güte, übersinnlicher Herzlichkeit hervor.

Er war nie gläubig gewesen, konnte nichts mit der Kirche in Verbindung bringen, nie an Jesus oder Gott glauben. Dennoch war das einzige Wort, welches ihm einfiel, „Gott im Himmel.“ Ein Ausspruch den er zuvor in dieser Form nie und nimmer benutzt hätte. Der Ausspruch seines Erschreckens oder doch seines ‚höheren Selbst’ wie es Nadja nennen würde? Der Schock saß tief, die Gedanken rasten wie wild durch seine Sinne. „Was ist das?“

Der Nebel lichtete sich plötzlich, gab die hölzerne Statue auf dem Felsen frei. Verwirrt in seiner andauernden Verzweiflung lachte er laut auf, erleichtert, dass ihn die Erscheinung nicht in den Wahnsinn treiben werde und er sich von einer Holzfigur hatte täuschen lassen. Dennoch riss er sich zusammen, schleppte sich mit mittlerweile völlig übermüdeten Knochen zur Statue, warf seinen Rucksack zu Boden.

Dort angekommen, zog er die quälenden, auf die Knöchel drückenden Wanderschuhe aus und kniete vor der Holzstatue nieder. Carlo bekreuzigte sich mit sehr gemischten Gefühlen. „Jungfrau Gottes. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich bekreuzige. Wahrscheinlich in der völlig falschen Reihenfolge und sicher mit den falschen Worten. Ich bin evangelisch und habe seit Jahren keine Kirche besucht, aber hier und jetzt muss ich beten“.

Er sprach ein kurzes, verworrenes Stoßgebet, dessen Inhalt er sich formlos zusammen reimte und blieb noch eine ganze Weile regungslos vor der Holzstatue sitzen. Die Begegnung, die erste wirkliche Konfrontation mit einem seiner Dämonen, seinem persönlichen Feind Frau und kurz darauf mit der beschützenden Kraft aus dem wahren Glauben, aus dem Universum, aus den Kräften und Mächten der Erzengel Nadjas hatte mehr als stattgefunden. Er glaubte für einen kurzen Augenblick an die  Allmächtigkeit Gottes.

Lange verweilte er noch auf der hölzernen Bank neben der Holzfigur, spann Gedanken über den Verlauf dieses sonderbaren Tages und ruhte seine gepeinigten Füße. Dann rieb er die Wanderstiefel mit Fett ein, dass er vor dem Loswandern noch erstanden hatte.

Fragen überrannten ihn. Warum schien plötzlich genau hinter der Statue die Sonne durch? Was war mit dem dichten Nebel geschehen? Als er die Jungfrau erblickte, ging alles rasend schnell, die Nebelschwaden verzogen sich in Blitzeseile, die Sonne schien wieder in gewohnter Kraft.

„Sonderbar.“ Er nickte der Statue zu, als ob er ihr zusagen wollte und schaute sich nach Tasko um. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass der treue Freund sich eine Zeit lang überhaupt nicht gegenwärtig zeigte. Jetzt kam Tasko zu ihm und legte sich graulend zu seinen Füßen. Die Welt hatte sich in Sekunden verändert, war wieder freundlich, lebensfroh und liebenswert geworden.

Über das Erscheinen der Statue aus dem scheinbaren Nichts, über sein plötzliches und so ungewohntes Gebet und insbesondere die Begegnung mit den Frauen, seinen Dämonen, wunderte er sich noch lange und versuchte, seine Gedanken hierzu in ein Schema, in eine Schublade zu bekommen. Ohne Erfolg. „Waren es wirkliche Dämonen oder nur Einbildungen im Stress des Marsches?“ fragte er sich wiederholt.

„Es gibt keine Dämonen, keine Engel und keine Teufel.“ Aber entgegen des Glaubens und der Einstellung aus früheren Tagen, revidierte er diese Meinung umgehend. Da war mehr als er zu glauben wagte, mehr als ihm vielleicht lieb sein konnte. Er hatte schon so viel von Übersinnlichem gehört, gelesen und selbst miterlebt. Ob bei den Aborigine in Australien, während der verschiedensten Gespräche mit Nadja oder der alten Schamanin Erna Dora, die sie beide erst letztes Jahr an der Ostsee kennen lernten, oder in seinen Träumen, die ihn immer wieder in die fernen Welten der spirituellen Wesen brachten, von denen Kundjana immer und auf so geheimnisvolle Weise erzählt hatte.

Er konnte, durfte es nicht mehr als Unsinn, als Aberglaube beiseite schieben. In der Unsicherheit, ob sie ihm wieder begegnen würden, ob er diese Begegnungen damals wie heute in Realität, im sogenannten Höheren Selbst oder in Tagträumen erlebte, drehten sich seine Gedanken, all seine Sinne immer wieder um die eine, sein Leben füllende Frage:

„Was war, was ist und was wird sein?“

Die Kräfte des Universums. Und er wusste, tief im Inneren, dass diese Kräfte immer zugegen waren. Wenn man sich öffnete, sie zu spüren, so wie er vor einigen Monaten durch die Arbeit mit Nadja erlernte, konnte man diese Energie erleben. Dann, wenn man sich öffnete, kamen sie auch. In geballter Form, wie er heute erfahren konnte.

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