3. Stopover am Atlantik

Traumpfade

Schon um Fünf in der Früh war das Aufgebot der Lastwagen entlang der Landstraße so hoch, dass schlafen oder ruhen einfach nicht mehr drin zu sein schien. Nach einem gemeinsamen Gassigang fuhren die beiden weiter Richtung Süden.

Carlos Gedanken waren schon bald wieder unterwegs, schweiften wieder einmal zu Nadja. „Es wird immer weitergehen“ sagte sie, als er vor einem Monat nach der Absage des letzten Projekts vor ihrer Tür stand, verzweifelt war. „Du bist ein guter Mensch und das Einzige was dir fehlt, ist die Erkenntnis dazu.“

„Weitergehen? Wohin denn, Nadja?“ Weiter wird es wohl immer gehen, da hatte sie Recht, aber womit? Mit diesem unreal wirkenden Leben im kleinen Städtchen der Einsamkeit? Weiterleben im Suff, im Büro der Erinnerungen, im Moloch der kalten Gefühle? Weiterleben? Was für ein schreckliches Wort im Zusammenhang mit dem bereits Erlebten, in Kombination der schmerzlichen Gefühle und der festgefahrenen Strukturen, die sein Leben, das weiter zu führen sich eigentlich nicht mehr lohnte, zerrissen hatten. Zerrissen in Minderwertigkeitsgefühle und Machtlosigkeit gegenüber der Familie, eingefahren in ihre festen, althergeleiteten Strukturen.

Tränen rollten. Tränen, weil er sich nicht als wertvoll bezeichnen konnte, aus Verzweiflung weil alle beruflichen Bestrebungen, alle Versuche, sich zu verwirklichen, immer wieder zerschmettert wurden. Momente der Bestätigung, wenn sie einmal kamen, wurden von Carlo zwar als normal bezeichnet, dann, kurz darauf jedoch immer wieder als unreal abgeschmettert.

Einen kurzzeitigen Erfolg konnte er nur als Zufallstreffer im Lebenslotto empfinden. Zu mehr war er einfach nicht mehr fähig. Weiterleben war an der Grenze der Realität, am Abgrund der Willenskraft. Da öffnete sich oft dieser Abgrund, wenn Alkohol und Drogen ansetzten um die Leitung der Sinne, des Geistes und der Fügung zu übernehmen.

„Wenn du dann Glück hast, kommt jemand und hält dir eine gute Hand hin“, sagte Nadja damals und bot ihm ihre Hand. Er nahm sie an, ließ sich ein wenig leiten und folgte ihrem Rat. Doch nun war er wieder unterwegs, wieder auf der Suche nach dem eigenen Weg, nach sich selbst. Weiter fahren war etwas anderes, denn da konzentrierten sich die Gedanken auf die Straße. Auf den langen Weg, der vor ihm lag.

„Der Weg, ich werde ihn gehen“ sprach er knapp zu Tasko, der ihn durch sein Grummeln wie so oft schon bestätigte. Die Fahrt ging über den ganzen sonnigen Tag durch die unterschiedlichsten Regionen Frankreichs, entlang der mit Maut beschlagenen Autobahnen und durch schön gelegene, freundlich anmutende Kleinstädte und Dörfer, kultivierte Felder und Wälder, unübersichtliche Städte und deren Industriezonen. Erst spät kamen die beiden Freunde in einem kleinen Ort an der französischen Atlantikküste an und checkten für zwei Tage in einem Campingplatz ein.

Den nächsten Tag verbrachten Tasko und er am See. „Ich will und muss einfach ruhen, um meine Gedanken zu sortieren. Was will ich hier? Wer hat mich herbestellt? Wen versuche ich zu finden?“ Selbstgestellte Fragen ohne Antworten, die Gedanken kreisten wieder einmal ohne Solution, ohne Auskommen.

Da schien es ihm kaum verwunderlich, dass, während er erneut im einen oder anderen Kapitel des kleinen Paperbacks las, ein Mann Mitte Siebzig zu ihm kam und freundlich aber direkt zuerst in Französisch, dann nach Carlos Ausdruck der Ratlosigkeit, in Englisch fragte, wann er seinen Weg beginnen würde.

Verblüfft und völlig überrollt antwortete Carlo,  den Geburtstag seines Vaters ausgewählt zu haben. „Am ersten Juni, in vier Tagen“. Woher er wisse und wie er darauf komme, dass er, Carlo den Weg gehen wolle, fragte er darauf den Alten und bekam die unerwartete Antwort: „Du bist ein Bote auf der Suche nach deiner eigenen Botschaft“.

Ein Schauern durchlief Carlo. Der Alte setzte sich zu ihm ins Gras. „Was erhoffst du zu finden?“ „Das weiß ich nicht“ entgegnete er wahrheitsgemäß und der Alte blickte lange über den See. „Die Botschaft liegt im Innern. Du wirst Deine Antworten erhalten, wenn Du den Weg gehst. Folge den Zeichen und achte auf die Omen.“ So plötzlich wie er gekommen war, stand der Mann auf und ging seines Weges.

„Guten Weg“ waren seine letzten Worte.

Carlo war viel zu verdutzt, ihm nachzugehen, ihn zu fragen, woher er komme, wer er sei. Im Innern wusste er aber, obwohl die Zweifel an solchen Erscheinungen noch längst nicht übertrumpft waren, dass er den Alten nie einholen konnte, denn dieser selbst war ein Bote, vielleicht in Form einer reellen Person, aber für Carlo längst nicht mehr zu erfassen.

Schwierig erschien ihm der Gedanke allein nachzuvollziehen, dass es solche Begegnungen mit Boten geben sollte, dass es Begegnungen mit Wesen, Mensch oder Tier, gibt, die der normale, menschliche Verstand nicht mehr zuzulassen gewillt war. War in dem kleinen Buch nicht auch von Boten, fremden Kräften und guten wie bösen Dämonen die Rede?

 Gab es diese wirklich oder waren es nur Kreaturen einer Autorenfantasie, animiert durch die Strapazen, die der Held und Verfasser der Geschichte bei seiner Wanderung durchlaufen hatte? Er, Carlo wusste es nicht, war sich aber gewiss, bald die Antworten auf seine Fragen zu bekommen.

Während er dort saß, noch immer an den Baum gelehnt und in Gedanken an den Boten verträumt über den See blickend, fielen ihm die Worte eines Mönchs, den er auf einer Wanderung zu einem Tempel Thailands traf, in Erinnerung.

„Die telepathischen Kräfte die in uns allen stecken, sind den Menschen im Westen verkommen. Die Kommunikation ohne Gespräch, ohne Bild und Ton ist der modernen Welt verloren gegangen. Das Wissen um die alten und weisen Begegnungen wird herunter gespielt und die Zeugen der Gespräche mit dem Übersinnlichen als verrückt, als wirr, als unzurechnungsfähig erklärt. Die Menschen sind zu sehr mit der Technik verwachsen. Die Wahrhaftigkeit des Daseins verliert sich in der Schnelllebigkeit der Moderne.“

Noch eine ganze Zeit lang verweilte Carlo am Wasser und tankte Energie in der strahlenden Sonne, sinnierte den Worten des Boten nach. Je mehr er darüber nachdachte, desto näher schien er an das Wissen zu gelangen, dass diese Art von Begegnungen keine Phantasie, keine Traumbilder waren, sondern Realität auf einer Ebene, die uns modernen Menschen längst verlernt wurde. „Da muss ich dem alten Mönch wieder einmal Recht zugestehen“, sagte er zu Tasko.

Wieder trugen ihn die Gedanken in die Ferne Australiens wo die Aborigine, seit Jahrtausenden die Fähigkeiten aufrecht hielten und weiterentwickelten, durch Telepathie und Gedankentransformation Dinge, Personen, Tiere zu kontaktieren und zu manipulieren.

Die Erfahrungen, die er selbst mit einigen Stämmen des Urvolkes Australiens machen konnte, sollten ihn vor Jahren schon überzeugt haben, dass es sie gibt, die Kommunikation auf höheren Ebenen. Durch die festgelegten Strukturen aber, durch den eingefleischten, fest eingeprägten Glauben hatte er diese Begegnungen immer wieder als Scharlatanerie abgetan, obwohl er bei einigen sogar persönlich zugegen war.

Noch einmal durchlebte er die Begegnung mit den Einwohnern Arnhemlands, dem Aborigineland im Norden Australiens. Am Grenzübergang des Gebiets des Gagadje Stammes wurde er von einem Ranger auf sein Zugangsvisa überprüft und erhielt nach einem interessanten und lehrreichen Gespräch über Region, Flora und Fauna und die Alkoholprobleme der Aborigine freie Fahrt.

Vorsichtig durchfuhr er den schlammigen Tropenfluss und war plötzlich in den unendlichen Weiten dieser riesigen, abgeschiedenen Region unterwegs. Von der Zivilisation getrennt durch einen gezeitenabhängigen Fluss, der von gefährlichen, bis zu sechs Meter langen Salzwasserkrokodilen nur so wimmelte und dessen Durchquerung zu Fuß den sicheren Tod bedeutete.

Hunderte Kilometer an Nerven und Ausrüstung  zerrender Sandpisten und Schotterstraßen in desolatem Zustand flossen nur mühselig unter dem Landcruiser dahin, die Hitze war schier unerträglich. Das eine oder andere Känguru im Schatten eines Paperbarktree oder Ghost Gums, ein Emu hie und da waren die einzigen Zeugen der Zeit im damaligen Jetzt und Hier der Endlosigkeit Arnhemlands. Nur durch die nach vierhundert Kilometern zerbrochene Kupplungsscheibe im Getriebe des Geländewagens kam Carlo zu einem längerfristigen Stehen, wartete ratlos auf Hilfe, die erst nach drei Tagen in Form eines ureinwohnerbeladenen Geländewagens erschien…

Eine ganze Weile schwelgte er die Gedanken in der Rettung durch die Aborigine, bis Tasko ihn mit seinem nassen Fell anrempelte und in die Gegenwart zurück brachte.

„Auf geht’s, wird Zeit was zu essen, Recht hast du, mein Freund“ begrüßte Carlo seinen treuen Begleiter, strich ihm liebevoll übers pechschwarze, vom Baden im See platschnasse Fell und packte Handtuch, Buch und Tasche zusammen. Sie wanderten gemütlich zum Campingplatz zurück.

Am Zelt angekommen, das sich wider Erwarten als durchaus noch gebräuchlich erwies, wusch er noch eine Handvoll Schmutzwäsche und legte sich nach einem leckeren französischen Baguette mit Schinken und Käse in den Schlafsack, den er vorm Zelt ausbreitete. Tasko lag ebenso vor dem Zelt und schlief schon. Es war eine laue Nacht und draußen unterm Firmament schlief es sich schon immer besser als in einem Plastikzelt.

„Er träumt wieder einmal. Immer wenn er träumt, jagt er irgendwelche Tiere“, dachte Carlo und schon begannen sich die Vorderläufe des vierbeinigen Freundes im Takt zu bewegen, spurteten, sprinteten über Wiesen und Felder, sein Atem wurde schneller, die Zunge hechelnd, als wäre er wach.

Tasko schlief unruhig, bremste seinen Lauf im Traum, reagierte auf irgendetwas und schon ging es weiter im Sprint dem Verfolgten hinterher. Seine Ohren stellten sich auf, als Carlo sich bewegte. Ein Auge war immer halb offen, die Pfoten ruhten jetzt.

Dann, als er wusste, dass sein Herrchen nichts ungeplantes wie Zelt verlassen oder Gassi gehen beabsichtigte, schweifte sein Hundegeist wieder in die ferne Traumwelt. „Vielleicht jagt er gerade Rehe oder Hasen? Vielleicht ist es sein instinktives Folgen der Spuren seiner Urahnen durch weite, wilde Wälder?“ Carlo wusste es nicht, würde es niemals herausfinden, denn es war Taskos Traum, ein Hundetraum. Er ließ ihm seine Träume, begegnete seinen eigenen…

Die Gedanken waren schnell wieder in Arnhemland. Die Aboriginee hatten ihn abgeschleppt und bei der Beschaffung einer neuen Kupplung geholfen. Nicht mit Buschtrommeln oder Rauchzeichen, sondern ganz neumodern per Funkgerät im Camp über die fliegenden Ärzte.

Der Jäger, der gutes Englisch sprach, war auf ihn zugekommen. Sein prächtiges Haar geschmückt mit Federn vom Scrubturkey, dem hier ansässigen Buschtruthahn, seine Narben im Gesicht und über den Oberkörper verteilt verrieten die verschiedenen schmerzlichen Prozesse der Initiierungen im Laufe seines Jägerlebens.

Er hockte sich neben Carlo, der unter seinem Landcruiser lag und schraubte. „Lieferung in zehn Tagen, du bist hier willkommen.“ Carlo hingegen fand sich nur schwer mit dem Gedanken ab, hier inmitten von Nirgendwo bei einem Haufen schwarzer Ureinwohner und inmitten deren Stamm ‚gefangen’ zu sein, obwohl er eigentlich immer auf solch eine Begegnung spekuliert hatte.

Nun war es soweit und entgegen aller früheren Sprüche und Hoffnungen wollte er jetzt nichts wie weg. Zehn Tage waren eine lange Zeit, wenn man allein mit fremden Menschen anderer Hautfarbe in ungewohnter Umgebung auf das Wohlwollen dieser angewiesen war. Zudem ohne rechte sprachliche Verständigung, außer dem beiderseits gebrochenem Englisch. Es sollten ihm die lehrreichsten Tage seiner langen Jahre in Australien werden.

Die anfängliche Scheu der Männer und Frauen, wie auch seine Angst wurde schnell durch die Aufgeschlossenheit der Kinder gebrochen. Die Kommunikation funktionierte wider Erwarten außerordentlich gut und das Erlebte eröffnete ihm erneut, neben den Erfahrungen mit Kundjana, die Welt der ‘Ancient Spirits’, der uralten Seelenwesen übernatürlicher Kräfte, zudem die erste Einsicht in die Telepathie und den erweiterten Kontakt mit den Songlines der Bama.

Er campierte abseits des Camps im Landcruiser, der ihn ja bereits in zweiter Runde kreuz und quer durch Australien gebracht hatte und beschäftigte sich intensiv mit dem Tun der Wüsten- und Steppenmenschen. Respektvoll beobachtete er ihre Riten und das ganz normale Alltagsleben dieser Menschen, wenn sie ihn ließen. Es gab Riten und Rituale, die den Weißen verborgen bleiben mussten, auch solche, die die Frauen oder nicht initiierten Jugendlichen und Kinder nicht sehen durften. Aber es gab auch Frauenrituale bei denen die Männerwelt nicht zugegen sein durfte.

Von alledem bekam er nur Stichproben mit und war doch durch diese uralten Traditionen und das Wissen dieser einfachen Menschen um so viele, bedeutende wie auch einfache Dinge im Alltag und in der spirituellen Transformation so beeindruckt, dass sich zwar langsam aber mit einer gewissen Beharrlichkeit seine Lebensanschauung veränderte. Er kam der Natur näher, fing an, Seelenkommunikation zu verstehen, glaubte an Dinge die ihm noch vor wenigen Monaten äußerst fremd und unglaublich erschienen waren und lernte viel.

Schon am dritten Tag seines Gastaufenthalts nahmen ihn die Männer mit zur Jagd. Erfreut über diese Ehre begleitete er die acht, in Naturfarben bemalten Jäger in gebührendem Abstand in die Steppe der ‚Coburg Peninsula’. Die Männer trugen Speer oder Bogen, zudem zwei Klapperstöcke, die sie die ganze Zeit über aneinander schlugen.

Respektvoll lief er ein Stück hinter der Gruppe, die ihm wie in einer Zeremonie erschien. Wie in Trance gingen die Männer auf eine Horde Kängurus zu, die auf einer Lichtung graste. Keines der Tiere ließ sich stören, keines schien nervös. Bis der älteste der Männer das hölzerne Klangrohr, das Didgeridoo blies, erschien alles wie ein Zauber. Dann stoben die Tiere auseinander, hüpften an den, die Horde umkreisenden Männern vorbei und flohen in den Wald.

Keiner der Männer beachtete die fortrennenden Tiere. Alle huschten sie in den umgebenden Busch, bis auf Eines. Carlo konnte sich das beim besten Willen nicht erklären. Er flüsterte in sich hinein: „Warum haust du denn nicht auch ab, du blödes Vieh?“

Das Tier war wohl durch eine Art Telepathie und das rhythmische Klappern der Clapsticks, dieser unscheinbaren Stöcke der Krieger in Trance verfallen und nahm bald sein Schicksal in Empfang.

Den tödlichen Stoß durch den Speer des ältesten Jägers erwartete das Tier reglos und ohne Ambition zur Flucht. Gänzlich ohne Angst und Scheu schien das Känguru im Steppengras zu verweilen, dem Tod gewidmet, das Ende erwartend. Gehorsam wartend auf seinen Tod, weil ausgewählt und zum Sterben bestimmt.

Seinen Augen wollte, ja konnte Carlo nicht trauen, er konnte nicht glauben was hier geschah. „Das kann nur Voodoo Zauber sein oder eine Art von Hypnose“ sagte er sich, an seinem Verstand zweifelnd. Als wollte er sich davon überzeugen, dass hier etwas geschehen war, was nicht der Realität entsprechen konnte, schüttelte er ungläubig den Kopf und gratulierte dennoch den Jägern zu ihrer Beute.

Später sprach er mit einem der Jäger, einem der Wenigen, die Englisch beherrschten. Allem Anschein nach war er der ‚Medizinmann’ im Clan. Carlo wollte wissen, wie die Jagd vonstatten gegangen war. Der Krieger erklärte die Methode mit der Übertragung seiner Gedanken auf das Tier. Durch das Klappern der Stöcke wurden die Tiere beruhigt. Dann der harmonische, hypnotisierende Klang des Didgeridoo. Das Tier wusste, dass es ausgewählt war. Der Schamane hatte es in Gedanken aufgesucht und ihm mitgeteilt, dass es sterben musste.

Carlo besann sich. „Für die Ureinwohner eine Selbstverständlichkeit, für mich ein Wunder. Damals zumindest, heute eröffnen sich Horizonte von denen ich vor Wochen noch nicht zu träumen gewagt hätte.“ Diese letzten Gedanken, die sich mit den Mühen des Tages und der Müdigkeit vereinten, begleiteten ihn in den Schlaf und ins Reich der Songlines, der spirituellen Lieder der Aborigine.

Am nächsten Morgen hatte die Landstrasse sie wieder, führte die Reisenden weiter gen Süden, in Richtung der französischen Pyrenäen. In der Europastraßenkarte waren die kleinen Orte nicht erwähnt, detaillierte Straßenverläufe gab es nicht. Er hätte eigentlich nach dem Weg fragen sollen, da weder die genaue Zugangsstraße noch die Lage der geheimnisvollen Ortschaft in seiner Europakarte verzeichnet war.

Carlo war frohen Mutes, die Beschäftigung Fahren war ausreichender Ersatz für depressive Gedanken, die Laune vorzüglich. Er überließ die Reise wie schon immer dem Zufall, den es bekanntlich ja nicht gab, und fuhr weiter.

Irgendwo in einem kleinen Bergdorf, er glaubte sich mittlerweile hoffnungslos verfranzt zu haben, hielt er an einem kleinen, unscheinbaren Restaurant, um nachzufragen. Der Wirt sprach weder Deutsch noch Englisch, Carlo indes kein Französisch.

Carlo fragte nach der Ortschaft zu der er unterwegs war, der Wirt stutzte kurz und lächelte dann erfreut. Er sprach irgendwas für Carlo unverständliches auf Französisch, rief der Frau in der Küche einige Sätze zu, ergriff sanft Carlos Unterarm und führte ihn zu einem Tisch. Nicht ganz sicher was nun geschehen mochte, folgte dieser und setzte sich, in Erwartung und aufgrund der freundlich-bestimmten Geste des Wirts.

Nach  wenigen Minuten brachte die mollige Frau aus der Küche ein Menü, gekrönt von einem vorzüglichen Rotwein und Eiscreme als Nachspeise. Carlo fragte sich ob er etwas falsch verstanden habe, ärgerte sich über seine Ohnmacht der Sprachlosigkeit und die sicher gleich anstehende geballte Rechnung über dieses Menu, langte aber dennoch kräftig zu.

Das letzte ordentliche Mahl war schließlich schon einige Tage her. Als er nach dem vorzüglichen Mittagsmahl bezahlen wollte, kam, was er im Unterbewusstsein erwartete, nicht aber glauben wollte. Der Wirt setzte sich zu ihm, schrieb auf einen Zettel die zu durchfahrenden Ortschaften, zeigte auf der Regionskarte den Straßenverlauf und winkte freundlich zur Geste des Bezahlens ab, kritzelte eine Art Sonne unter seine Notizen und sagte: „Pèlerin de Saint-Jaques, Buen Vojage.“

Carlo, verblüfft über diese Gestik und die dargebotene, herzergreifende Freundlichkeit, konnte nur ein brüchiges „Merci“ stammeln und schüttelte dem Wirt die Hände in Dankbarkeit und Anerkennung.

Draußen am Fahrzeug ankommend, staunte er erneut über einen großen Fressnapf mit allerlei Fleischstücken, Brot und Speck, an dem Tasko sich labte, schmatzend und vor Freude grunzend, dazu ein Topf mit frischem Wasser. Nachdem der schwarze Gutmut seine Mahlzeit aufgefressen hatte, brachte Carlo die Näpfe mit weiteren, ehrlich und herzlich gemeinten „Merci“ zurück zur Küche und verabschiedete sich freundlich bei den französischen Wirtsleuten.

Da war sie wieder, die Kraft, die er bei den Ureinwohnern kennen lernte. Diese Kraft zog ihn, bewog ihn zu mehr. Da war etwas, das ihm ungeheuer vorkam, ihn teils ängstlich, teils neugierig stimmte. Etwas, das sein Wesen in den Griff nahm, ihn steuerte, ihm seine eigenen Gedanken vorlebte, ihn, Carlo den Schwachen, stark machte und ihm Vertrauen gab. Vertrauen in sich? In Andere? Er konnte sich diese Frage nicht, noch nicht beantworten, wusste aber gleichermaßen, dass die Lösungen kommen würden.

Nach einer weiteren Fahrt von zwei Stunden auf einer schier unendlich langsam dahinfließenden,  kurvigen Strecke, war das Ziel erreicht. In dem Buch war von einem verschlafenen Kleinstädtchen die Rede, Carlo allerdings fuhr in eine belebte, von schrillen und bunten Touristen und einfach gekleideten Wanderern und freundlich gesinnten Einheimischen  überschäumende Stadt mit Boutiquen, Cafes und Restaurants. Busse mit Touristen fuhren ab oder kamen an, die Touristeninformation in der Stadtmitte an der Hauptstraße war genauso Menschenüberfüllt wie die Gassen dies- und jenseits der Durchgangsstraße.

Carlos erste Bemühung, einige Unterlagen und Informationen zu seinem Weg, dem Jakobsweg zu erhalten, wurden umgehend niedergeschmettert. „Da müssen sie zur ‚Rue de la Citadelle’ gehen“, sagte die Touristenberaterin in gutem Englisch.

„Dort ist das Pilgerbüro in dem sie sich anmelden können. Ist allerdings erst ab vier Uhr geöffnet.“

Schnell fasste Carlo den Beschluss: zuerst einen Campingplatz aufzusuchen, dann das Städtchen erkunden und gegen Vier ins Pilgerbüro gehen, um alle relevanten und notwendigen Informationen zu ergattern. Die Frage, auf was er sich hier eigentlich eingelassen hatte, was ihn erwartete, stand schließlich noch immer im Raum.

Der hübsch angelegte Caravanpark außerhalb der Stadt zeigte sich verhältnismäßig leer zum turbulenten Pilgerort. Carlo checkte für drei Nächte ein. Nach den üblichen Vorkehrungen lief er, Tasko an der Leine, die drei Kilometer zur Stadt. Entlang der reich befahrenen Hauptstraße machte das Laufen allerdings keinen rechten Spaß und somit sputeten sich die Beiden, das Städtchen mit seinen historischen Fußgängergassen schnell und ohne Zwischenfall zu erreichen.

 „Zu Fuß gehen. Welch ein Erlebnis, in dieser schnellen, materiellen Welt“, waren seine Gedanken, als er über den ausgeblichenen Zebrastreifen im Ort ging und beinahe von einem Reisebus angefahren wurde. Tasko zerrte an der Leine, knurrte und bellte den Bus an, erfolglos. Dessen Fahrer zeigt den beiden Neupilgern noch den unfreundlichen Finger, obwohl Carlo mit Tasko auf dem Fußgängerüberweg und somit im Recht war, kläffte etwas in Französisch aus dem schnell heruntergekurbelten Seitenfenster. Carlo hingegen ignorierte die Geste zu seinem eigenen Erstaunen. Hätte er nicht früher zurück gebrüllt, sein Recht verteidigt?

Die Altstadt war von faszinierendem Flair. Alte Festenmauern und schmale Gassen, Steinhäuser ohne Garten, Seite an Seite aus gebrochenem Schiefer oder Granit gemauert, eine altertümliche Steinbrücke über den ruhigen Fluss, alles erinnerte ans Mittelalter. Die Brunnen mit gutem, kühlem Trinkwasser erfreuten sein Gemüt. „Hier kann Jeder zu jeder Zeit Wasser trinken, sich an der Freundlichkeit der Gemeinde laben. In unserem modernen Deutschland“ so dachte er, während er sich das Gesicht mit beiden Händen befeuchte, „gar nicht denkbar“.

Sofort würde das Wasser auf Kolibakterien überprüft“. Er lachte. „Auflagen würden gestellt, die Städte könnten die Kosten nicht tragen, das Wasser würde schon im Brunnen, im ureigenen Versuch der Mitmenschlichkeit verdorren“. Tasko stellte den Kopf quer, schaute sein Herrchen unsicher an und trottete dann hinab zum Fluss um selbst ein kühles Bad zu nehmen. Im Nachhinein wusste Carlo, dass auch hier das Brunnenwasser auf Kolibakterien und andere Verunreinigungen geprüft wurde, dennoch war das Gefühl dieser Unbeschwertheit der Franzosen in ihm angekommen und bereitete ein wohliges Gefühl.

Danach der Besuch im Pilgerbüro. Tasko blieb draußen angeleint, während Carlo in den  halbhellen, freundlich aber karg eingerichteten Raum trat. Ein Mann Ende Fünfzig begrüßte ihn freundlich in einem Redeschwall Französisch. „No parlez francais“ gab Carlo ihm zu verstehen, aber dass Carlo kein Französisch sprach, schien den Franzosen nicht im Geringsten zu stören. Der redete mit Händen und Füßen, gab dem willkommenen deutschen Besucher ein Glas Wasser, ließ ihn Name und Anschrift in ein kleines Büchlein schreiben.

„Le Carnet de Pelerin, …Pilger…äh…Buch, mon Seniore.“ Diese Mischung aus Spanisch, Deutsch und Französisch brachte Carlo zum schmunzeln. „Danke… Merci… Gracias“ erwiderte der.

Der Franzose reichte Carlo ein paar Zettel, klopfte ihm freundlich auf die Schultern. „Sie habe’ eine lange Weg vor sich, meine Freunde, es wird das Herz für sie machen so leicht“.

Sein gestückeltes Deutsch kam überraschend. Er grinste breit und immer noch freundlich und fragte, ob Carlo noch heute losgehen wolle. Der antwortete, dass er übermorgen, am ersten Juni, zu Ehren seines Vaters Geburtstag losgehen werde und seinen Hund mitnehme.

„No Chien, die Hund mitnehmen ist nicht erlaubt“ erwiderte nun der Franzose mit einem gespielt traurigen Blick, die Hände ausbreitend wie um eine himmlischen Segen zu empfangen.

Carlo wurde schwindelig. “Kein Hund?“ fragte er. „Non, Monsieur, Hunde sind in die ‚Auberge’ nicht gestattet“ sagte der Mann, erweiterte aber gleich, dass Carlo, wenn er ein Zelt habe, ja auch draußen in der Natur übernachten könne. Duschen und Mahlzeiten einnehmen sei in den Herbergen sicher kein Problem, Hunde aber dürften nicht hinein.

Nachdem weitere Formalitäten erledigt waren, erhielt Carlo sein ‚Carnet de Pèlerin’ und begab sich alsbald auf den Rückweg zum Campingplatz, wo er die kommenden zwei Tage mit Probepacken und Einkaufen der letzten Utensilien für die lange Reise verbrachte. Noch immer hatte er keine genauen Informationen, wie der Weg eigentlich verlief, welche Bedingungen und Abenteuer ihn erwarteten.

Waren extreme Steigungen und Gefälle zu bewältigen? Reichte seine Ausrüstung aus? Wo gab es Wasser, Proviant? Wo konnte er die Nächte verbringen? Offene Fragen, die ihn nicht sonderlich bewegten. Er wusste, dass er den Weg gehen würde. Da war der Rest nur eine Formalität.

Den Nachmittag des letzten Tages verbrachten die beiden am Swimmingpool des Campingplatzes, genossen den Sonnenschein und das erfrischende Badewasser. Tasko lag meist in der Sonne und ließ sie sich aufs Fell scheinen, grunzte vor Bequemlichkeit, während Carlos Gedanken frei schweiften, in seiner Jugend umher schwelgten.

Er dachte an die vielen Touren mit seinen Motorrädern. Schon als Fünfzehnjähriger war sein Leben der Reise, dem Suchen, der Ferne gewidmet. Und immer war er ohne Karten, ohne Richtung, einfach drauf los gefahren. Nie wurde sich um das eigentliche Ziel gekümmert, er genoss immer nur den Weg. „Der Weg ist das Ziel, was Tasko?“ rief er dem Gutmut zu, der sich wieder einmal von links nach rechts und kurz drauf umgekehrt in der Sonne räkelte. Selten verfuhr sich Carlo der Biker, der Reisende. Und wenn, dann war schnell eine neue Strecke gefunden, dem eigentlichen Weg weiter zu folgen. Der Weg des Suchens.

Am Ziel angekommen hielt er sich meist nicht lang auf, die Ferne rief erneut, sobald er parkte. Auch die dreizehn Jahre Mitgliedschaft in einem nicht gerade wilden, aber von der Dorfbevölkerung durchaus respektierten Motorradclub waren von der Reise, der Fahrt, der Suche geprägt. Winter wie Sommer, bei schlechtem oder gutem Wetter, bei Regen, Schnee und Sonnenschein war das Motorradfahren, das pure Genießen von Motor, Straße, Wind und Wetter das Elixier seines Lebens. Nie das Ankommen.

Nie brachte Carlo etwas wirklich zu Ende, nie verspürte er das Bedürfnis, einen Weg zweimal zu gehen, oder an einen bereits gegangenen anzuknüpfen. Er dachte an seine Suche. Plötzlich verstand er, dass es nicht verwunderlich war, seine Lehre zwar abgeschlossen, nie aber die logische  Meisterprüfung angestrebt zu haben.

Verschiedenste Prüfungen die nachfolgten, waren immer nur Bestätigung, dass er etwas schaffen, etwas bestehen konnte. Keine Prüfung in seinem Leben war dazu da, einen Weg zu Ende zu gehen, der einer solchen Prüfung folgen sollte.

Seine Depressionen allerdings zeugten von diesen Vorgaben. Alle um ihn herum, alle Menschen denen er in seinem Leben begegnete, waren einen festen Weg gegangen, verfolgten ihre Ziele bis zum Ende, um dann, nach bestandener Prüfung, erneute Ziele anzustreben. Ziele die den vorgegebenen Weg ihres Daseins weiterhin ebneten.

Nicht Carlo. Er verbrachte die Lebensabschnitte im Trial und Error Verfahren; er war anders. Und dieses anders sein, obwohl von so vielen seiner Freunde beneidet, zerfraß ihn doch innerlich. Es machte ihn zum Eremiten, zu einem Flüchtenden vor sich selbst.

Er kehrte in die Gegenwart zurück. „Diese Prüfung wird anders sein“, sagte er und sprang in den Pool. Er spürte es. Ob in den Gesprächen mit den Menschen oder in den Begegnungen mit seiner Vergangenheit. Er wusste, dass hier etwas völlig aus der Norm springendes auf ihn zukam. Etwas, das die alten Strukturen, an die er so fest verankert war, zu sprengen vermochte.

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