2. Weg zum Weg

On the road to the road

Die Nacht im Wald war anfangs erholsam, später ernüchternd. Ein Wärmegewitter entlud sich gegen vier Uhr morgens und raubte ihm den Schlaf. Tasko grunzte und schnarchte im Heck, eingerollt wie ein Baby, seine Pfoten leicht angewinkelt, das linke Auge wie immer halb offen im Schlaf.

„Ob er wieder träumt?“ fragte sich Carlo, rollte den Schlafsack zusammen und verkroch sich in den unbequemen Beifahrersitz um der Regenschauer zu entgehen. Als es endlich Sieben wurde, raffte er sich auf, wusch seinen schmerzverdrehten Körper a la Katzenwäsche im Fischteich und fuhr alsbald zur Wohnung im dritten Mietshaus seines Bruders Franz, in der er während der vergangenen drei Jahre gewohnt hatte. Einige Möbel und Kartons voller privater Dinge standen seit dem Verlassen der Wohnung auf dem Dachboden; er hatte sich eine Kopie des Hausschlüssels einbehalten, um eventuell und jederzeit an seine Klamotten zu gelangen.

Die anderen Mieter waren bereits zur Arbeit gefahren und so gab es freien Zugang zu seinen paar Habseligkeiten, um sich die Ausrüstung für die lange Reise zusammen zu stellen. Angekommen, weigerte sich Tasko strikt, aus dem Heck des Wagens zu steigen, sträubte sich beharrlich und knurrte sogar sein Herrchen an. „Kollege, noch einmal knurrst du mich an, dann setzt es was“, entwich es Carlo. Der ließ seinem treuen Vierbeiner dann aber dennoch dessen Frieden. Tasko ging nicht mehr gern in dieses Haus, seit sie es vor drei Monaten endgültig verließen, obwohl er hier eine glückliche Zeit mit seinem Herrchen verbracht hatte.

Das war vor Carlos Depressionen. Seitdem sein Herrchen diese Wechsel von  Freude und Hass zeigte, war auch für Tasko das Leben unangenehm geworden. Er nutzte den Schlüssel um die eichene Haustür aufzuschließen, ging die Treppen zum Dachboden hinauf und schwelgte wieder einmal in Gedanken an alte Zeiten…

Das Bauernhaus im Fachwerkstil war um sechzehnhundertdreißig erstmals in den Stadtbüchern erwähnt. Eine interessante, geheimnisumwobene Vergangenheit umlagerte das alte Gärtneranwesen. Erst vor sechs Jahren, als Carlo aus Australien zu Besuch bei seiner Familie in Deutschland war, kaufte sein Bruder dieses uralte Gebrakel um weitere Mietwohnungen auszubauen. Carlo verspürte damals keine rechte Lust, nach Australien zurück zu kehren und einigte sich mit Franz, Umbau und Renovierung in dessen Auftrag vorzunehmen.

Es hatte Flair mit seinen schiefen Decken, den alten knirschenden Treppen aus Eichenholz und den in Öl gemalten Bildern in Holzwurmdurchfrästen Holzrahmen auf den verblichenen Tapeten, die wohl zuletzt in den siebziger Jahren gewechselt worden waren. Der alte Mann, dem das Haus zuletzt gehörte, war auf sonderliche Art verstorben. Nach dessen Tod entfernte die Familie nur die privatesten Dinge aus dem Altbau, bevor sie diesen zum Verkauf feilbot.

Die Brüder waren zur Stelle, als die öffentliche Besichtigung an stand und Franz bot auf Teufel komm raus um das alte Gemäuer. Als Sieger wurden sie sich erst später der anstehenden Kosten und Aufgaben bewusst, die Carlo in mühseliger Arbeit erfüllen würde. Die kommenden anderthalb Jahre verbrachte er damit, den Haufen Schutt aus Lehmwänden und Eichenholzbalken in ein wohnliches, gemütliches, zudem recht modern ausgestattetes Wohnhaus mit drei Parteien umzubauen.

Angefangen bei der Zuleitung von Telefon, Strom und Wasser bis hin zur Begradigung der verschiedensten Höhen in den insgesamt sechzehn kleineren bis mittelgroßen Zimmern, von denen jedes mit dem nächsten über eine kleine Treppenstufe oder durch ein hölzernes Podest verbunden war. Eine echte Herausforderung die er mit Enthusiasmus und Hingabe meisterte.

Er stand auf der Dachbodentreppe, sinnierte lange über die vergangene Zeit und bemerkte erstaunt, dass seine Downzeiten erst mit dem Abschluss der Renovierung, mit der Arbeitslosigkeit und der Unschlüssigkeit über den Sinn und Zweck seines Lebensinhalts anfingen.

Bislang war es ihm ein Leichtes gewesen, immer alle möglichen Ausreden zu erfinden, nur sich selbst nie mit einzubeziehen. So war der kleine Raum hinter dem Wohnzimmer, in dem der Alte erst ein halbes Jahr vor dem Verkauf an Franz verstorben war, Carlo am unangenehmsten. Jeder Moment hierin verband sich mit komischen Gefühlen, flauem Magen und dem Wunsch, das Haus schnellstmöglich zu verlassen. Aber er hielt durch, überwand die Unruhe und schob alles auf die verschiedensten Umstände wie zuviel Bier am Vorabend, falsches Frühstück oder Ungeduld beim Warten auf die Baustoffe. Es gab viele Ausreden, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

Diese sah jedoch anders aus. Im Jahre 1704 war das Haus einer Feuersbrunst zum Opfer gefallen. Der gesamte Dachstuhl verbrannte und das einzige Zimmer, welches nicht völlig verkohlt war, dessen Möbel nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, war der besagte kleine Raum. Und das nur durch die schnell eingreifende Feuerwehr, so lautete die Begründung damals. Dann, in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, vergiftete sich der Sohn der damaligen Gärtnerfamilie aufgrund der Schmach durch ein uneheliches Kind, gezeugt mit der geistig behinderten Nachbarstochter im Haus schräg gegenüber.

Er wurde in diesem Raum gefunden. Auch die Frau des alten, letzten Eigentümers sollte angeblich in dem Zimmer verstorben sein. Wen wunderte es also noch, dass mit dem Raum, ja mit dem ganzen Haus etwas nicht stimmte. Das alte Gemäuer war mit einer eigenen Geschichte betucht. Diese erzählte es nachts mit knirschendem Gebälk. Wenn der Wind in winterlichen Stürmen durch das Fachwerk pfiff, glaubte Carlo, das Gemurmel der Verstorbenen vernehmen zu können.

Selbst Tasko, der als Vierbeiner keine mentale Angst kennen dürfte, hatte Momente, in denen er partout nicht dem Herrchen auf den Dachboden folgte. Dieser war Tasko besonders zuwider und jedesmal wenn die Türe aufging, kniff er den Schwanz ein und verschwand die zwei Treppen hinab, lief zurück in die Wohnung. Dort war er dann meist auf dem Schaffell in der Küche wiederzufinden.

Den Grund für Taskos sonderbares Verhalten würde Carlo nie herausfinden, die Ahnungen diesbezüglich ließen ihn allerdings auch nicht unbedingt ruhiger schlafen.

Der kleine Raum sollte zum Büro werden, in dem Carlo, von zu Hause aus arbeitend, sein Leben in Deutschland in den Griff und die Reiselust unter Kontrolle bringen würde. Doch schon nach den ersten Renovierungsarbeiten, als er endlich halbwegs in die Wohnung einziehen konnte, waren ungute Gefühle mit diesem Zimmer verbunden. Er konnte es selten länger als ein, zwei Stunden in dem kleinen Büro aushalten, dann musste er raus, irgendwohin fahren, um Luft zu bekommen.

Erst Monate später, als er sich einmal mit der Tochter des alten Vorbesitzers unterhielt und diese ihm über das kleine Zimmer berichtete, in dem ihre zwei damals noch kleinen Kinder bei Besuchen schliefen, wurde ihm die Verbindung der Seelen erneut bewusst. Die Kinder erwachten in diesem Raum immer wieder durch schreckliche Alpträume, weigerten sich alsbald zu Oma und Opa zu reisen.

Kein Mitglied der altdeutsch strukturierten Familie konnte dieses Verhalten verstehen. Durch die Familiendramen die sich aufgrund der Weigerungen der Kinder alsbald jedoch abspielten, wurden die Besuche schließlich seltener, versiegten bald ganz.

Als Carlo Nadja kennen lernte, lud er sie zu einem Kaffee zu sich in das Fachwerkhaus ein. „Das war ein interessanter Tag, was Tasko…“ Jetzt erst bemerkte Carlo, dass er auf einer der Holzkisten auf dem Dachboden saß. Tasko war natürlich nicht hier, er lag schließlich unten im Auto und wartete auf das Herrchen, der nur zum Klamotten holen ins Haus gegangen war. Er selbst schien Zeit und Raum völlig um sich herum vergessen zu haben. „Nadja“. Warum war er hier? Er konzentrierte sich und begriff…

Das Einzige, was er mitnahm, waren ein Paar alte Wanderstiefel, die er seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr getragen hatte, zudem sein altes, bereits recht gammliges Igluzelt. Er stieg die Treppen herab, zog die Haustür hinter sich ins Schloss und warf die Sachen ins Auto. Tasko lag seelenruhig im Kofferraum. „Alles andere ist ja eigentlich im Auto“ sprach er laut zu dem Vierbeiner, der wieder einmal die Welt nicht verstand.

 „Gut, das wir hier weg sind, was Tasko?“ und dessen leises Raunen unter niedergeschlagen dreinblickenden Hundsaugen bestätigte ihm auf geheimnisvolle Weise die Wahrheit. Er dachte noch einmal kurz darüber nach, ob etwas fehlte, ob er nicht doch noch etwas anderes benötigte.

„Zelt und Wanderstiefel sind eingepackt, der andere, überflüssige Kram auf dem Dachboden verstaut, auf geht’s Kollege.“ Sein Blick fiel auf den Gartenzaun und die dahinter stehende, mittlerweile recht gammlig dreinblickende Hollywoodschaukel. Hier hatten sie, Nadja und er oft gesessen, geschwätzt, die Sonne genossen und den beiden Hunden beim Spielen und Raufen zugesehen.

„Nadja“. Sie war damals zum Kaffee gekommen und schon in der Haustür stockte sie einzutreten. „Was ist?“ hatte er sie damals gefragt. „Nichts, weiß nicht, irgendwie komisches Gefühl, dieses Haus, was… Ach lass mal, schon gut“.

Sie waren hineingegangen, er trank starken Kaffee, sie ihren extra mitgebrachten Kräutertee.  Ein langes Gespräch folgte über Gott und die Welt, über Spiritualismus und andere, für Carlo unverständliche Dinge wie Channeling, Kartenlegen oder einfach nur das Ah und Oh der Frau.

Als sie ging, ihren Hund Boomer zu sich rufend, fragte sie erneut nach der Geschichte des Hauses, hatte diesen sonderbaren Ausdruck in ihren Augen. Carlo erzählte ihr alles was er damals wusste und sie versprach ihm, am Abend wieder zu kommen, um eine spirituelle Reinigung durchzuführen. Er lachte nur und erklärte sich einverstanden. Mehr um sie wieder zu sehen und Gesellschaft zu haben als aus dem Glauben an einen Nutzen.

Am Abend kam Nadja tatsächlich und brachte Räucherstäbchen, Kerzen, Weihrauch und andere Dinge, mit denen Carlo nichts anzufangen wusste. Nachdem sie zwei Stunden lang die Räume zuerst durchräucherte, mit Kerzen durch die Zimmer, aber auch zum Dachboden und bis in den Keller, sogar durch den Garten gewandert war, sei das Haus der alten Geister rein.

Zum Abschluss ihrer Rituale gesellte sie sich zu ihm, der mit einer Flasche Bier im Garten stand und Ball mit den beiden Hunden spielte. Er lachte erneut und wollte nichts von Nadjas Geschichten über Spuk und Aberglaube wissen, verspürte aber zugleich ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Natürlich verdrängte er dieses und nach einigen weiteren Flaschen Bier, Nadja und Boomer waren längst gegangen, ging er zu Bett. Am nächsten Morgen wunderte er sich über einen ruhigen, ausgeglichenen Schlaf, den er schon seit Monaten nicht mehr erlebte, fand seine Bestätigung aber eher im Bier als in Nadjas Ritual.

Die folgenden Nächte, die Arbeit im Büro, sogar die Bereitschaft seiner Bekannten ihn zu Hause zu besuchen, bestätigten ihm auf geheimnisvolle Weise die Wahrheit der Rituale.

Sie hatte die alten Geister vertrieben. Er glaubte nicht daran, war aber dennoch dankbar dafür, endlich wieder schlafen, leben, atmen zu können.

Er zuckte zusammen als der Postbote vorfuhr und einige Briefe in die Postkästen warf, ihn freundlich grüßte und wieder verschwand. „Mann Tasko, wird wirklich Zeit, abzuhauen, was?“ Mit einem Blick entlang der Nachbarhäuser startete er den Motor und verabschiedete sich. Er sah auch die schnell verschwindende Gestalt der schräg gegenüber wohnenden Nachbarin hinter ihrem Küchenfenster.

 Birgit war eine junge Frau Mitte Zwanzig die mit ihrem zehn Jahre älteren Mann in dem Haus wohnte, in dem vor hundert Jahren die geistig zurück gebliebene Frau ein Kind des jungen Mannes bekam, der sich später daraufhin sein Leben in Carlos heutigem Büro nahm. Carlo schluckte.

Birgits Mann war immerzu auf Reisen, ließ sie oft wochenlang allein mit ihrem kleinen Kind. Der all ihre Schritte überwachende Schwiegervater und die eingeschüchterte Art ihrer ostdeutschen Abstammung machte das streng erzogenen Mädchens genau zu dem, was sich ihr Mann als Ehefrau wünschte.

Sie war eine von Mann und Familie Abhängige. Ohne Möglichkeit, das Kleinstädtchen zu verlassen, einen Bus gab es nur einmal täglich und einen Führerschein, geschweige ein eigenes Auto besaß sie nicht.  Sie lernte ihn mit neunzehn kennen, war schon kurz darauf schwanger. Die Heirat wurde kurz und bündig abgehandelt, des Gatten Selbstsicherheit, unterstützt durch dessen Papas Überwachung und ihre Abhängigkeit einmal wöchentlich einkaufen gefahren zu werden, machte sie zu seinem eigensten Spielzeug. Sie würde, konnte ihn nicht hintergehen und würde ihn auch nie verlassen. Wie er sich täuschte.

Aufgrund eines gebrochenen Wasserrohres lernten Birgit und Carlo sich damals kennen. Nicht dass es notwendig gewesen wäre, an Carlos Türe zu klopfen und ihn um Hilfe zu bitten, denn schließlich war der gute Schwiegerpapa ja Leitungsmonteur, aber diese einmalige Chance nahm sie wahr. Das Kennenlernen endete wie in einem Kitschroman in einer rein sexuellen Affäre.

Carlo nahm sich zuerst des Rohres, dann der jungen Mutter an und befriedigte ihre tiefsten, innigsten Wünsche mit Hingabe. Er selbst fand schließlich und endlich ein Pendant zu seinen Träumen, sich völlig zu unterwerfen und seinem ‚Armen Ich’ endlich Luft zu gewähren. Auf Befehl hatte er da zu sein; sie ließ das Telefon immer nur zweimal kurz klingeln wenn ihr Mann wieder auf Reisen ging, die Schwiegervaterluft unverpestet war und die Kleine selig schlafend in ihrem holzvergitterten Kinderbettchen lag.

Er spielte dieses Spiel gern und war sich des Risikos nur zu sehr bewusst. Gefesselt an der Werkzeugbank ihres Mannes im kleinen Schuppen des Fachwerkhauses ließ er den Hass über sich ergehen, der sich in dieser zarten, hübschen Frau immer mehr aufstaute. Liebe und Gefühl waren urplötzlich aus der Gegenwart gewischt, die Peitsche und die Handschellen Werkzeuge, es ihm, ihrem Mann heimzuzahlen, den Carlo in Reposition ersetzte.

Für ihn selbst war es die Anerkennung eines höher stehenden Menschen der ihm die Strafen für sein verlodertes Leben zukommen ließ. Peitsche, Fesseln und extreme Härte durch zarte Frauenhand. Anschließend hatten sie meist harten Sex, gefühllos, wie zwei sich zerfleischende Wölfe fielen sie über einander her, gaben es sich mit einer bodenlosen Heftigkeit, zerbrachen in ihren Träumen nach Liebe und Zuneigung in dieser Ölkanisterbeladenen Schuppenwelt, vollgestopft mit Rasenmähern, Gartenhacken und gespaltenen Holzscheiten zum Verbrennen verurteilt. Sie ließ ihn nie in die Wohnung, der Schuppen war die Folterkammer, das Verließ unter ihrem Dornröschenschloss.

Oft fragte er sich, nachdem er aus der Grotte der Pein, wie Birgit es nannte, entflohen war und schmerzerfüllt, meist bäuchlings, auf seinem Bett lag, wie viele Frauen und Männer wohl geheimen Fantasien dieser Art tagtäglich nachgingen und auslebten, was zu Hause nicht genannt werden durfte um der heilen Welt der Familie nicht zu schaden…

Ein Grinsen schlich sich breit auf Carlos Antlitz. Er winkte ihr kurz zu, wusste aber gleichzeitig dass sie diesen letzten Gruß nicht erwidern konnte. Schwiegervaters Auto stand schließlich vor dem Haus.

Carlos Wagen rollte auf die Bundesstraße und begann mit der langen Reise zum Ausgangspunkt des Weges, dem Pilgerort in den französischen Pyrenäen an der Grenze Frankreichs zu Spanien.

Es war um Zehn, als Carlo und Tasko das Städtchen verließen. Er hatte sich bei niemandem verabschiedet, sein Bekanntenkreis hier war eher gering und die paar platonischen Freunde mussten bereits zur Arbeit gegangen sein. Tasko stand aufrecht im Heck des Wagens und jagte aufgeregt und mit sabbernder Schnauze den entgegen kommenden Fahrzeugen nach. Die ersten hundert Kilometer liefen wie geschmiert, kein Stau, kein Stress, einfach freie Fahrt durch das schöne Fürstentum entlang der Seen und Wälder, bis zur Autobahn gen Süden.

In Gedanken durch seine Vergangenheit schweifend, während die Kilometer unter dem Wagen dahinflossen, dachte er an seine Wohnung, die er damals so modern einrichtete. Küche, Wohn- und Schlafzimmer waren in Buchenholz gehalten, das Bad in Marmor und Granit nach Maß gefertigt. Sein Büro wie auch Küche und Wohnzimmer hatten je einen eigenen Freisitz, ausgehend zum großen Garten mit Fischteich und Sommerpavillon.

Ein paradiesisches Stück Heim in einem konservativen  Kleinstädtchen mit zurückgezogenen Nachbarn und einer Mitmenschlichkeit, die dem Bruderneid Kain und Abels gleichkam. Hierhin war seine Wahl gefallen. Er selbst hatte sich für dieses Haus und diese Wohnung entschieden, hier wollte er leben.

„Wollte ich das?“ fragte er sich diese Frage schon seit Jahren, konnte nicht umhin, seine Entscheidungen immer und immer wieder anzuzweifeln, konnte nicht anderes als zwischen tiefster Depression und lebensbejahender Euphorie hin und her zu schwenken. Er sinnierte zurück. Seitdem er hier lebte, überragten seine Depressionsphasen, die er nicht als solche erkannte und so war er allein.

Tag und Nacht, immer mit sich selbst im Unreinen, was ihn hier halten sollte, warum ihn sein Weg nicht wieder nach Australien, ins Land der Sonne führte. Warum ging er nicht, wie schon so oft geträumt, daran, sich selbst und den Wunsch nach Erfüllung seiner eigenen Träume zu leben? Warum war er hier in diesem trostlosen Städtchen mit zwei Metzgern, einem Bäcker, einem Krämerladen und einer schlecht laufenden Kneipe mit schlecht gelaunten Männern an einer schlecht bedienten Theke gestrandet? Sollte er hier enden?

Aber genau das war es doch, was ihn hierher brachte. Eben dieses kleine, gottverlassene Nest, nicht weit von seinem Geburtsort entfernt, nahe bei den alten Eltern, die schon bald nicht mehr sein konnten. Immerhin hatten beide den Achtzigsten schon seit ein paar Jahren überschritten.

Er seufzte, grinste dann breit, schaute Tasko im Rückspiegel an, zwinkerte ihm zu und beschloss, nicht mehr, nie wieder zurück zu gehen in dieses Haus.

Carlo trat aufs Gaspedal, dachte grimmig an seinen Bruder und dann mit einem traurigen Lächeln an seine Eltern, die nichts von seinen Problemen wussten, nicht ahnten, wie ihn jeder Tag, jede Sekunde zu neuer Verzweiflung brachte, nicht wissen konnten, dass all die dargestellte Freundlichkeit, der Lebensmut und die Selbstsicherheit nur Fassaden der Angst, Mauern der Flucht darstellten. Sie konnten nicht wissen, wie oft er an sein Ende dachte, wie oft ihm der Lebensmut entging und er sich das Leben nehmen wollte.

„Die wissen nicht einmal wo ihr verwunschener Sohn sich nun wieder rumtreibt.“ Ein traurig-zynisches Lachen zog über seine Lippen. „Keine verdammten Tränen mehr, ich habe lange genug der Vergangenheit hinterher geheult. Um Nadja wird auch nicht mehr geheult, sie hat uns rausgeschmissen und jetzt geht die Reise weiter, was Kumpel.“ Er lachte zu laut, drehte die Radiomusik die die Rolling Stones spielte, voll auf und sang, schrie aus ganzer Kraft… „I can get no… satisfaction… oooh yeah…“

Er fuhr eine ganze Weile ohne rechte Regung, ohne Gemütsschwankungen, lullte sich in Musik. Die Seele in der Entfernung baumeln lassen. Kilometer umwoben ihn wie ein Kokon zum Schutz gegen den eigenen Geist. Seine Gedanken schweiften auch jetzt wieder durch die Gezeiten seines verdrehten Daseins, strauchelten an verschiedenen Kreuzungen, kamen immer wieder in Fahrt, als er durch Euphorie und Verzweiflung seines vierzigjährigen Lebens navigierte.

Das Lenkrad diente ihm als Steuer auf seinem Flug durch seine Scheinwelt in die er sich, wie schon so oft zuvor, flüchtete, um der Wahrheit, der Realität zu entkommen. Meist nicht lang, dann hatten ihn einige seiner Dramen wieder eingeholt, so auch jetzt. Während der zügigen Autobahnfahrt kehrte er nur kurz an einer Tankstelle ein, füllte den Diesel auf, gab Tasko zu saufen, kaufte ein paar Kleinigkeiten und zwei Sixpack Bier und fuhr kurz darauf weiter gen Süden.

Nadja war seit langem die einzige Frau die er kennen lernte. Er war des Liebens nicht mehr fähig, sagte er sich immer wieder, weigerte sich gegen jegliche Gefühle. Vor langer Zeit schon begann er damit, sich gegen die weibliche Welt zu versperren.

Die Abneigung gegen die Macht des Femininen war auf Basis beziehungstechnischer Enttäuschungen gewachsen und prägte ihn zu einem überheblichen, alles wissenden und immer das letzte Wort habenden Frauenverächter. Zu jenem war er nicht nur aufgrund der letzten Beziehung mit Christin, bei der sein feminines Pendant im Suff geendet war, gekommen. Er hatte seine Erfüllung in der Zuneigung, der Liebe, der Zärtlichkeit und im Geben gesucht, war oft enttäuscht worden, lernte dazu und konnte nicht verlernen.

Die Erfahrungen waren da, waren zugegen, immer. Und er litt darunter, wusste nicht die immensen Enttäuschungen zu komprimieren und sich auf die schönen Momente zu konzentrieren, vertiefte sich immer intensiver in die Welt der Betrügereien, betrog selbst, wurde belogen, litt und ließ leiden.

Er war eine Schachfigur seiner selbst, spielte das Spiel, Zug um Zug, verlor mehr und mehr Vertrauen und Bindung und fand das Alleinsein als erholsamen Sieg. Das Schachbrett war sein Leben. Die Gefallenen der gegnerischen Züge die Frauen in seinem Dasein. Christin war seine Königin gewesen, aber auch sie spielte mit den Gegnern und verging im Suff, am Kokain und in der Regierung durch die Schachspieler ihrerseits, ihrer Eltern.

Immer wieder sagte sich Carlo, dass es nicht sein Versagen war, sondern der Einfluss ihrer elterlichen Bevormundung und der damit einhergehenden Frustration ihres Alltags. Christin war eine herzliche, langhaarige Blonde Mitte Zwanzig und durch die eingefahrenen Strukturen der streng katholischen Eltern verletzlich und eingeschüchtert. Ebenso wie er selbst. „Das, und nur das hat sie in Alkohol und Drogen getrieben“, sprach Carlo immer wieder wie ein Stoßgebet um sich der Verantwortung zu entziehen. Er war sich sicher, dass ihre Frustration an der elterlichen Bevormundung lag.

Sie bekam mit ihren sechsundzwanzig Jahren noch immer dirigiert, wann sie zu Hause zu sein, welche Kleidung wann und wo zu tragen war, bekam keine wahre Chance, sich selbst zu verwirklichen.

„Hätte ich damals gewusst, wie sie in ihrem Suff und Drogensumpf dahin siecht, wäre ich energischer heran gegangen und hätte dem Familienterror ein Garaus gemacht. Sie war die einzige Frau die ich je wirklich liebte.“ Er seufzte. „Das war alles zum Scheitern verurteilt. Die eingefahrenen Strukturen der Unterdrückung, der Vorschriften, der Orientierung am Nachbarn und an den Menschen in der Kirche spielten eine zu große Rolle.“

Der Rückspiegel schien ihn plötzlich an zu schreien, brüllte ihm sein eigenes Versagen regelrecht ins Gesicht. Er war wieder in der Realität seiner eigenen, wirren Welt. Er beendete das Selbstgespräch mit seinem Rückspiegel in einem Anflug wilder Tränen und öffnete sich während der Fahrt eine der Bierflaschen die vom gestrigen Abend übrig geblieben waren.

In einem langen Zug trank er die Flasche aus, trieb dazu im eigenen Mitleid und sinnierte weiter über diese Beziehung, die ihm so viel bedeutet hatte. Sie war die Frau mit der er Kinder wollte, sie war sein Ein und Alles. Er wischte die Tränen fort, zwang sich zu einem Lächeln und lachte gestellt hämisch auf. Die Depression hatte ihn, zusammen mit den Gedanken an Christin wieder.

In der Wohnung, in der sich die beiden nur am Wochenende sehen konnten, und dann auch nur, wenn Christins Vater nichts davon mitbekam, war immer wieder dieses Gefühl der Leere zurückgekehrt, sobald sie am Sonntagabend ihre Sachen zusammen packte und nach langer Verabschiedung aus der Tür ging.

Die Einsamkeit danach war herzzerreißend und trug einen Großteil zu seiner Beziehungsunfähigkeit bei. Am schlimmsten war, wenn der hinterlassene Duft ihres wunderbar frischen Parfüms noch in der Luft lag, wenn die Kissen noch ihren Körpergeruch trugen und der Frühstückstisch vom Morgen noch immer nicht abgeräumt war, die mittlerweile trockenen Sonntagsbrötchen ihren Reiz verloren hatten.

Einsamkeit kehrte zurück, der Weg zur erwähnten Kleinstadtkneipe danach war nur noch eine Frage der Zeit. Die endgültige Trennung kam mit dem Kokain, dem weißen Zauberpulver, das ihr ihre Welt heil vorspiegelte und Carlo das letzte Fünkchen Vertrauen in diese Liebe nahm. Er wusste, er gab immer recht schnell auf. Aber hier war einfach kein Sinn mehr zu erkennen. „Ich hätte es wenigstens versuchen müssen“, platzte es jetzt aus ihm heraus.

Er nahm sich eine weitere Flasche Bier, trank sie in einem Zuge aus, musste dann plötzlich scharf bremsen. Vor ihm war ein Verkehrsstau aufgekommen. Blaulichter blinkten, Martinshörner röhrten durch den Nachmittag. Rettungswagen rauschten urplötzlich an ihm vorbei, hin zu den Opfern, die jetzt jede mögliche Hilfe benötigten. „Wahrscheinlich irgend so ein Betrunkener wieder einen Fehler gemacht“ war sein erster, gedankenloser Kommentar. Als er die leere Bierpulle in seiner Rechten wahrnahm, erfasste ihn die Panik.

Ohne Zögern warf er die Flasche nach hinten, fuhr das elektrische Seitenfenster herunter und schnappte nach Luft. „Wie kann ich nur das Leben Anderer riskieren, während ich hier herum spinne und über genau diese richte?“ Verschämt dreinblickend und sich einer tiefen Schuld bewusst, fuhr er langsam an der Unfallstelle vorbei. Zwei Wagen waren ineinander verkeilt. Von hinten näherte sich in weiterem, wildem Sirenengeheul die Feuerwehr. „Hier wird die Rettungsschere benötigt. Die Opfer werden aus den Wracks geschnitten, Tasko.“ Carlo wurde schlecht.

Das Heulen der Sirenen versetzte Tasko in Stimmung. Er brach in einen langen Wolfsheuler aus, der Carlos Nerven zerbersten ließ. Er schrie seinen Hund an, verfluchte ihn, still zu sein und sich in Platz abzulegen. Alles brach plötzlich über ihm zusammen, er musste rechts ran steuern, öffnete die Fahrertür und übergab sich am Straßenrand.

An der nächsten Raststelle bog er von der Straße ab und wusch sich in der Toilette der Tankstelle, kam erst mal wieder zu sich. Tasko bekam einen Napf Wasser und das mitgebrachte Trockenfutter. Carlo gönnte sich eine Stunde Ruhe, lehnte sich im Fahrersitz zurück, döste.

In schläfrigen Gedanken war er sofort wieder bei Christin. War seine Reaktion auf die letzte Trennung nicht wieder einmal die Flucht nach Australien, dem Land zum Ausleben seiner psychischen Schmerzen gewesen?

Er erinnerte sich an die Aborigine, an den Moment als die jungen Männer schmerzlich initiiert wurden. Einmal war er sogar dabei, und die Gedanken daran ließen ihn erneut hochschrecken. „Was macht er jetzt“, hatte er Jim gefragt, der mit angespannter Miene auf der Ladefläche des Landcruisers saß und durch das Fernglas starrte. „Er bricht dem Jungen einen Schneidezahn heraus“. „Was? Spinnst du?“ „Hier schau selbst, das beweist wohl das Erwachsensein.“ Jim gab Carlo das Fernglas. „Da kann ich nicht hingucken, da wird mir schlecht, hier….“ Carlo konnte nicht umhin, bei dem Gedanken an die Freundschaft, die Erinnerungen der damaligen Erlebnisse zu schmunzeln.

Sie waren inmitten der ‚Kimberly’ im Nordwesten Westaustraliens mit einer groß angelegten Maschinenreparatur in den riesigen Erzminen beschäftigt und gönnten sich ein paar Tage ‚Out Bush’. Wochenendurlaub sozusagen. Bei den Ureinwohnern am nördlichen Ende der Kimberly Region waren sie eingekehrt und hatten diese um Campingerlaubnis gebeten.

Am Abend, Jim und Carlo waren zum Essen eines schönen fetten Kängurus eingeladen worden, sagte der Clanchief dann zu, dass sie beide am nächsten Morgen der Zeremonie der Initiierung zusehen durften, die den jüngeren Männern die Männlichkeit und somit die Fähigkeit zur Heirat und zum Jagen zugestand. Zusehen allerdings aus Abstand, sie durften nicht direkt dabei sein.

Mit einer Muschel, die er vorher an einer Seite mit einem Stein abgeschlagen hatte, um dieser die Form einer kleinen, spitzen Schaufel zu geben, grub der alte Schamane tief in den Unterkiefer des vor Schmerz aufschreienden Jungens. Er entfernte zwei der vorderen, unteren Zähne.

„Ich kotze gleich“ war es Carlo entwichen, „diese Tyrannei ist kaum auszuhalten.“

„Sei bloß leise, wenn wir die unterbrechen, bekommen wir richtigen Ärger, dann kostet’s nämlich unsere Zähne“ gab Jim zu bedenken.

Sie verhielten sich mucksmäuschenstill und warteten das Ende der Zeremonie ab, die mit Tanz und Gesang am Lagerfeuer ihren Lauf nahm. Ein Bote kam zu ihnen und meinte, sie sollen sich, nun da die Initiierung des Jungen vorbei sei, doch wieder zum Clan gesellen, doch die beiden Männer hatten die Nase gestrichen voll. Sie entschieden sich für Lagerfeuer und Bier und eine frühe Nacht im Camp.

Carlo döste vor sich hin und verbrachte noch eine ganze Weile in den Kimberley,  verdrängte den Anblick des blutenden Jungen, versuchte zu schlafen. Nach einer Stunde Halbschlaf wachte er auf, fuhr weiter.

Die Flucht in ferne Länder war schon so oft aus Anlass eines persönlichen Problems, eines auferlegten Versagens, seine Reaktion gewesen. Sie entfernte ihn aus der Gefahrenzone in der er sich den Gefühlen, den Bedingungen hätte stellen müssen. So war er fern von jeder Verantwortung, fern jeder Emotion und sich seiner selbst sicher.

Bis es zu diesen sonderbaren Begegnungen mit den Ureinwohnern kam, die ihn erneut auf die persönlichen Pflichten, die unumgänglichen Stärken hinwiesen. Diese Begegnungen, die ihm starke Charakterzüge, die er ja eigentlich gar nicht wirklich in sich trug, abverlangten, waren unausweichlich. DA gab es kein Fortrennen, keine Flucht und auch keine Ausrede mehr. Das war unausweichliche Realität und ein Ureinwohner der endlos heißen Steppe Australiens würde sich nicht mit einem Schwächling aus Deutschland abgeben, außer ihn vielleicht zu braten und zu verspeisen. Hier war Carlo in eigener Sache unterwegs. Für sich selbst zuständig. Zugegen als Person durch Beobachtung oder als Beisitzer aufgrund einer Erzählung. Die meisten Geschichten, Einblicke in das Land Down Under hatte er durch  seinen alten Freund Kundjana erhalten.

Die Begegnung mit Kundjana war ihm nicht sonderlich angenehm gewesen, war es doch das erste Mal dass er einem Ureinwohner Australiens in freier Wildbahn begegnet war und nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Der alte Mann saß in der endlosen Grassteppe an einen Granitfelsen gelehnt und wartete geduldig, bis Carlo aus seinem Geländewagen ausgestiegen war.

Er begrüßte ihn in gebrochenem Englisch und lud ihn mit einer schweifenden Handbewegung ein, sich zu ihm zu setzen. Der Mann war nur mit einem Lendenschurz bekleidet, weit und breit war kein anderer Mensch zu sehen. Carlo selbst war an eine Wegkreuzung gekommen und, da die Wegweiser vom hölzernen Pfahl abgebrochen oder abgeschlagen auf dem Boden lagen, sich unsicher, welche Richtung zu fahren war.

Eine solche Entscheidung konnte hier im tiefsten Busch fatal enden. In falscher Richtung war es durchaus möglich, hunderte Kilometer zu fahren ohne zu einer Farm, einer Ortschaft oder auch nur auf einen einzelnen Menschen zu treffen. Seine Benzinreserven waren knapp geworden und eine Fehlentscheidung wäre eventuell zu seinem Verhängnis geworden, mochte den Tod durch Verdursten bedeuten.

Er stand neben seinem Landcruiser, starrte auf die am Boden verstreuten Wegweiser. Schon während der letzten Stunden Fahrt hatte Carlo die Karten gewälzt, hatte versucht, sich nach Sonne und Kompass zu orientieren, kam aber zu keinem rechten, endgültigen Schluss. Die Angst sich zu verirren in der harschen und unwirtlichen Weite der Kimberly war zu groß, ein Risiko eingehen konnte er hier nicht.

Nachdem sich Carlo zu dem Alten gesellt hatte, verfingen sich die beiden schnell in ein langes Gespräch, es wurde schnell Abend und die flink zusammengesuchten Zweige der Salzbuschsträucher brachten ein geheimnisvolles Feuer hervor, dass den endlosen Sternenhimmel noch weiter in die Ferne rücken ließ. Längst vergessen waren die Orientierungslosigkeit und das verzweifelte Suchen nach dem richtigen Weg.

Die Nähe dieses Mannes, der sich Kundjana nannte und zum Stamm des Manjuwan Tribe gehörte, war Carlo angenehm und irgendwie vertraut.

Die Nähe der Spirits, der Geister australischer Urzeiten, von denen Kundjana immer wieder erzählte, rief die Tiefe der Nacht in die unmittelbare Umgebung. Carlo fühlte sich gut in der Weite der Steppe und gleichermaßen unheimlich beim Anblick des alten Jägers und der Gewissheit, dass im Umkreis von vielleicht dreihundert Kilometern nicht eine einzige Menschenseele zu finden war. Über das Zugegensein der Spirits, der Seelen der Aborigine war er sich hingegen sicher. Ein Frösteln durchzog seinen Körper jedes Mal wenn Kundjana seine dunkle Stimme langsam aber bestimmt erhob und von seinem Volk, seinem Land, der Regenbogenschlange und den Spirits, den Seelen des Landes erzählte.

Er war allein im Busch, der Kraft der Buschmedizin ausgeliefert, allein mit dem sonderbar wirkenden Alten, allein mit sich selbst. Kundjana erzählte Carlo von den Sitten und Riten der Bama, der Aborigine. Er zeigte ihm in Strichmalerei im Sand mit den Fingern oder mit einem kleinen Ast die Bewegungen der sagenumwobenen Rainbow Serpent, der Regenbogenschlange, die die Kreation aller Seelen und Lebewesen bedeutete. Die Rainbow Serpent hatte alles erschaffen.

Kundjana brachte ihm die Tiefe der Nacht nahe und lehrte ihn, Zeichen der Natur zu lesen. Erst spät in der Nacht, das Feuer war längst heruntergebrannt, Licht gab es nur noch durch den abnehmenden Mond und die Unendlichkeit des strahlenden Universums, legten sich die beiden beiderseits der wärmenden Feuerstelle zum Schlafen. Der alte Kundjana nur in Lendenschurz bekleidet, Carlo kroch in Swag und Schlafsack. Die Nacht war kühl und die Begegnung mit Kundjana verfolgte ihn im Traum dieser Nacht, wie in vielen noch Folgenden.

Am nächsten Morgen als er erwachte, war der Krieger verschwunden, das Feuer erloschen. Die Wegweiser waren aufeinander gestapelt, eines der hölzernen Schilder lehnte etwas abseits an einen Felsen und wies in die Richtung, in der eine der sechs Schotterpisten verlief. Er folgte der Piste und kam sicher und auf den letzten Tropfen Kraftstoff zu einer Station, wie die Farmen in Australien genannt werden. Dort wurde er freundlich begrüßt und bekam umgehend Hilfe, einen Job angeboten und war zunächst für ein paar Monate in Brot und Leistung.

In Australien lebte Carlo knapp zehn Jahre, war bei der letzten Flucht dorthin allerdings nicht lange geblieben. Ganze drei Monate hielt er es aus. Er gab abermals auf, flog zurück nach Deutschland und versuchte, sich von neuem auf das Leben dort einzustellen. Christin wollte nichts mehr von ihm wissen, hatte den Kontakt gänzlich abgebrochen. Einen Job wollte ihm keiner mehr geben, er war zu instabil, zu impulsiv geworden. Das Arbeitsamt war wieder einmal die einzige Lösung, sich über Wasser zu halten, was wiederum seinen Minderwertigkeits-komplex verstärkte und wieder war er drin in der Spirale nach unten.

Erneut beging er den Fehler und zog in das Haus seines Bruders Franz, in die alte Wohnung mit den vielen einsamen Stunden, den Problemen, den eingefahrenen Strukturen. Sein Bruder weigerte sich zuerst, ihm die Wohnung wieder zu überlassen, gab dann aber doch nach. Carlo fand sich im System wieder, lebte vom Arbeitslosengeld, allein und von den Kneipenbesuchen mit all den unfreundlichen und vom Leben enttäuschten Gesichtern. Er war wieder in der altbekannten Schleife.

„Warum gehe ich immer wieder hierhin zurück“ fragte er sich noch lange nachdem er bereits über die Grenze nach Frankreich gefahren war. Es war dunkel geworden und der Hunger machte sich bemerkbar. In seiner Küche machte es immer viel Spaß, für die paar Freunde zu kochen und er war dafür berühmt, im Garten den Grill anzuwerfen und australische Spezialitäten auf den rustikalen Holztisch zu zaubern. Während er allein im Haus war, gab es allerdings meist nur Dosenravioli oder Fertigspaghetti.

Auch heute würde eine Dose Ravioli den spärlich angerichteten Abendtisch zieren. Kalt, denn er hatte den kleinen Gaskocher in einem der vielen Kartons auf dem Dachboden vergessen. „Vielleicht kann ich noch ein paar Flaschen Bier in der Tankstelle ergattern, bevor ich die Nacht durchfahre?“ ging es ihm durch den Sinn und der Kombi rollte wie von Geisterhand gelenkt zu einer Raststelle in der französischen Stadt Nancy. Nachdem der Wagen vollgetankt war, kaufte er sich ein Sixpack und eine Flasche Rotwein. „Man kann ja nie wissen“, sagte er zu Tasko, der auf seine wohlverdiente Runde Gassi wartend im Heck des Kombi saß.

Nach einer ordentlichen Runde Gassi rund um die Raststelle ging die Fahrt weiter gen Süden, entlang der endlosen Bundes- und Nebenstraßen Frankreichs. Die Autobahngebühren konnte Carlo sich nicht leisten, sein Konto sah nicht gerade so aus, als könne es einen Monatsurlaub verkraften.

Das letzte Honorar für eine dreimonatige Unternehmensberatung war aufgrund nicht zustande gekommener Endverträge viel zu gering ausgefallen, war mehr eine Praktikantenablöse als ein gutes Honorar. Aber auch hier war er nicht unschuldig, denn die Opferstrategie die er immer wieder an den Tag legte, brachte ihm zum einen zwar die erwünschten Energieschübe, andererseits aber auch Misstrauen und teils sogar Missachtung. Leider war er sich zu der Zeit nicht im geringsten seiner Strategie des Beachtung Suchens bewusst und somit war das Ende des Vertrags zwar abzusehen, für ihn jedoch völlig unverständlich. Er hingegen legte diese Problematik schnell, zu schnell, als Unfähigkeit der Mitarbeiter und insbesondere des Chefs aus.

Die vielen Veränderungen in den vergangenen Monaten, die endlosen, nächtlichen Fahrten durch die Gegend, nur um aus der Wohnung und insbesondere aus dem kleinen Büro zu flüchten, hatten eine Unmenge Diesel und zudem seine ganze Kraft gekostet. Nicht zu erwähnen die endlosen Nächte im Suff, um zu vergessen, zu verdrängen und das Gefühl der Freiheit wieder zu erlangen. Meist vergebene Liebesmüh allerdings, wenn er an die Morgen danach dachte.

Tasko schlief seit einiger Zeit im Heck auf seinem Schaffell und auch er wurde langsam müde. Ein Parkplatz an der gut ausgebauten Straße lud zum Verweilen ein und mit genügend Bier schmeckte nun auch die kalte Ravioli direkt aus der Dose. Einen Löffel hatte er nicht dabei. Mit dem Taschenmesser war schnell eine passable Form aus dem Deckel der Dose gestochen um das kalte Grausen verzehren zu können.

Der neue Rucksack diente anschließend als Kopfkissen und der Swag, ein aus Australien importiertes Minizelt aus Baumwolle mit selbst aufblasender Luftmatratze war durchaus ausreichend, die Nacht im Freien zu verbringen. Das alte Zelt aufzustellen wäre hier zu umständlich, „wer weiß ob das alte Ding überhaupt noch standfest ist“, gab er sich selbst zu bedenken. Tasko bekam kurzerhand die Hälfte des Ravioli-Dosenfutters, wobei Carlo drüber nachdachte, beim nächsten Mal die Ration seines Freundes zu probieren, schlechter als Dosengulasch oder kalte Ravioli konnten Chappi und Co schließlich auch nicht sein. Aber günstiger allemal.

Die Nacht war im Vergleich zur Letzten, im Gewitter verbrachten, recht angenehm, obwohl Tasko bei jedem vorbeifahrenden Fahrzeug die Bellwut befiel. Carlo ignorierte die Geräuschkulisse, war eingelullt in altbekannter Trunkenheit, fühlte sich wohl unter Sternenhimmel und auf Grasbankette. Auch wenn es ein wenig nach Urin roch. Besser als im Auto zu pennen war es dennoch.

Allein die Unendlichkeit der Milchstraße zu sehen, obgleich unfassbar zu wissen, bat ihm erneut eine Gedankenflut, die ihn einerseits unerbittlich zum Nachdenken zwang, andererseits aber ein wenig Ruhe in kalter, nahezu durchschlafener Nacht gewährte. Unbequem war es schon ein wenig, die Luftmatratze hielt kaum noch die Luft, ein Kopfkissen hatte er nicht dabei. „Hätte den Rucksack mit Kissen oder Wolldecke ausstopfen sollen. Egal.“

Ersteigert hatte er den Rucksack erst gestern. „Was für eine Begegnung, was?“ sagte er zu Tasko, der wieder einmal nicht verstand, was denn nun sein Herrchen eigentlich von ihm wollte. Es war schließlich mitten in der Nacht, es stank nach Pisse, die vorbeirauschenden Autos gönnten dem Vierbeiner kaum Schlaf und Herrchen faselte ständig irgendwas vor sich hin…

Der kleine Sportladen an der Landstraße bot sich einfach an. Der Besitzer war soeben damit beschäftigt, die Kasse abzuriegeln, strebte dem Feierabend entgegen, als Carlo zur Tür herein stapfte. „Kann ich ihnen helfen“ fragte der Verkäufer fast  unfreundlich. In der Überzeugung, dass er sich mit dem was er da so verkauft, auskennt, nannte Carlo seinen schlichten Wunsch. „Ich benötige einen guten Rucksack.“

„Da suchen sie sich am Besten im Katalog einen in Ruhe aus und kommen wieder, wenn sie sich entschieden haben. Ich hab alle hier zum anprobieren.“

Er reichte den Katalog über den Tresen und erwartete wohl, dass Carlo zufrieden sei und wieder gehe, den lang erwarteten Feierabend des Verkäufers  akzeptierend.

„Ich möchte diesen Rucksack jetzt sofort mitnehmen, nicht erst in ein paar Tagen. Ich bin auf dem Weg nach Frankreich, eine achthundert Kilometer lange Wanderung von der französischen Grenze über die Pyrenäen durch die Kordilleren Spaniens zu laufen“ erwiderte Carlo sichtlich enttäuscht und legte den Katalog sanft aber bestimmt zurück auf die Ladentheke.

„Spanien? Achthundert Kilometer? Dann wollen sie wohl den Jakobsweg angehen? Letzte Woche war auch eine Frau hier, Mitte Vierzig, hat sich mit Schuhen, Rucksack und Isomatte ausgerüstet. Die wollte auch nach Spanien“, sprach der Mittvierziger nun durchaus freundlich. „Da hab ich was für sie, mein Name ist übrigens Paul.“

„Carlo, hallo“ stellte der sich im Gegenzug vor und schlug die angebotene Tasse Kaffee nicht aus. Nach zwei Stunden Gespräch über Motive, Weltreisen, Abenteuer und beiderseitiger Schicksalsschläge spazierte er mit einem perfekt sitzenden Rucksack ohne überflüssiges Schickimicki aus dem Laden. Paul schien bei der Erwähnung des Jakobsweges wie verändert, ein anderer Mensch. Lange sprachen die beiden über Sinn und Unsinn, über Hintergründe und Hoffnungen einer solchen Wanderung.

Beweggründe, Emotionen und anderes mehr wurden wieder und wieder ausgebreitet, der Kauf des Rucksacks verlief in einer Entscheidung von drei Minuten. „Wenn du“, sie hatten sich im Laufe des Gesprächs auf die freundlichere Umgangsart geeinigt, Tasko aus dem Auto geholt und zu fressen und trinken gegeben, „hier heraus gehst, den Jakobsweg wanderst und einen anderen als diesen Rucksack hier“ – Paul zeigte Carlo denjenigen im Regal – „kaufst, dann musst du ihn woanders kaufen.“

Grinsend legte er den Rucksack auf den Tresen, gab fünfundzwanzig Prozent Rabatt und schenkte Carlo zudem eine Edelstahltasse. Er füllte die bereits dreimal ausgetrunkenen Porzellantassen erneut mit gutem Kaffee. „Das nenn ich ein Verkaufsgespräch“ gab Carlo lächelnd zu, der freundliche Mann, den Carlo nun als einen werdenden Freund ansah, erwiderte nur „ich weiß was es bedeutet, Lasten zu tragen. Würde dich gern begleiten, aber jeder muss diesen Weg allein gehen. Ich habe viel darüber gelesen, schon vor zehn Jahren mir vorgenommen, ihn irgendwann für mich zu gehen. Habe leider den Mut noch nicht gefunden. Ich beneide dich“. Paul räusperte sich und blickte auf die Theke nieder.

„Wenn du finden willst, was dich bewegt, gehe ihn allein und nutze die Einsamkeit für dich.“ Dann blickte er dem angehenden Pilger direkt in die Augen. „Mach das Beste draus.“

Danke sagen war für Carlo nie ein Problem, aber hier wollte er mehr zeigen als nur Bestätigung. Er zahlte seine Rechnung, schüttelte Paul die Hand und wollte ihn fast umarmen, als der selbst ihn unverhofft, erst kurz zögernd aber dann durchaus bestimmt in die Arme schloss und sagte: „Buen Camino – Guten Weg.“

Als Tasko einen Sattelzug anbellte, der sich ebenso für die französische Raststelle entschieden hatte, unterbrach er Carlos Tagtraum über das emotionale Erlebnis. Carlos Bierflasche war schon wieder leer, die Müdigkeit übermannte ihn. Im leichten Schlaf besuchte ihn ein altbekannter Traum, entführte ihn wieder zu Kundjana in die Weite des australischen Outbacks.  

Carlo sah sich auf einem riesigen Adler sitzend. Sein Lieblingsgreif trug ihn auf dem Rücken hinaus zu den endlosen Stein- und Sandwüsten, vorbei an den zum Schutz der Tiere mit Stacheldrahtzaun bewehrten Highways und hinweg über die ewigen Spinifexgrassteppen. Sie befanden sich auf dem Weg zu Kundjana, dem alten Schamanen. Am Lagerfeuer saß Kundjana mit den uralten Spirits, einem riesigen Seeadler zur Linken und einem hellwach drein blickenden Dingo zur Rechten.

Kundjana, der Carlo immer Jack nannte, hatte diesen schon erwartet. Es sei Carlos Kraftname, hatte Kundjana gesagt, damals bei einer Wanderung durch die Panton River Region auf der Suche nach Felsmalereien. „Kraftnamen sind die Spiegel der wahren Seele, der Spirit. Deine Spirit ist nicht was du zeigst. Die Spirits sind tief.“

Wie schon so oft lauschte er im Traum den Worten des alten Freundes. Kundjana sprach immer langsam und mit sehr bedachten Worten.

„Lange habe ich in der Spur der Rainbow Serpent, der Regenbogenschlange und in den Spirits deinen Gang beobachtet. Der Gesang der Urpfade zeigt mir deinen Weg, Jack. Du hast einen langen, schweren und sehr lehrreichen Pfad vor dir. Die Kraft der Regenbogenschlange bahnt deinen Weg, die Sicherheit in Adlers scharfem Auge wird dich leiten und die List von Dingo beschützt dich vor Bösem. Der pfeifende Milan ist dein Urgeist, deine spirituelle Seele, Jack. Du darfst dem Milan nie etwas antun. Niemals.“

Kundjana blickte dem jungen Deutschen dabei fest in die Augen, sodass Carlo wieder mulmig wurde. „Er wacht über deinen Schlaf. Aber nur solange du selbst den Mut hast, voran zu gehen, wird dir nichts geschehen“. Er wollte Kundjana noch so vieles fragen, als das Feuer des Traums erlosch und tiefste Dunkelheit über sie herein brach.

Schreibe einen Kommentar