15. Sechzehn Minuten für einen Tag

Feder und Sand

Am nächsten Morgen war Tasko nicht eines Schrittes mehr fähig. Die Herbergsmutter, Esmael, eine nette Mittvierziger Mexikanerin gab sich als gelernte Tierpflegerin und nahm sich sofort Taskos Leiden an. Nach drei Tagen endlich war Tasko soweit, dass er wieder laufen konnte. Er humpelte noch ein wenig, was aber mehr an den Lederstiefelchen lag, die Carlo für ihn bei einem Schuhmacher anfertigen ließ,  um die heilende Salbe vor seiner neugierigen Zunge zu schützen, als an den mittlerweile gut verheilten Pfoten selbst.

Während der drei Tage schaute er sich zusammen mit Sylvie möglichst intensiv die Stadt an. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, auch in der Kathedrale und wunderten sich nicht mehr über die Energieströme, denn die vielen tausend Pilger, die diese Energien, die Bande der Menschlichkeit im Laufe der vergangenen tausend Jahre, hierher gebracht hatten, waren so intensiv mit dem Camino, dem Weg verbunden, dass es weder Sylvie noch Carlo verwunderte. Es gehörte einfach dazu.

Die Energien flossen wie in einem großen, breiten Fluss immer in eine Richtung. Seit tausend Jahren. Wen wunderte das noch, wenn schon das verhältnismäßig kleine Quantum Energie die beiden sich auf den ersten Blick Liebenden wieder zusammen geführt hatte.

Ihrer beider Weg würde hier zu Ende sein, er hatte seine Antworten endlich gefunden, konnte sie indes aber immer noch nicht recht deuten. Sylvie hingegen war glücklich, sie hatte den Camino geschafft und konnte nun zurück gehen in ihre Heimat, zu ihrer Familie, vielleicht auch zurück in die kleine Kommune, um dort neu anzufangen.

Carlo hingegen wollte sie nicht einfach so verlieren, jetzt da sie sich nach all den Wochen, vielleicht nach einem ganzen Leben des Suchens, endlich gefunden hatten.

Sie beschlossen, zusammen zurück nach Frankreich zu gehen und dort zu entscheiden, ob ihr Weg weiterhin gemeinsam verlaufen würde.

„Tasko würd ich schon gern mit mir nehmen, aber einen Kerl in mein Leben lassen? Das ist eine wirklich schwere Entscheidung“, sagte sie leise, während sie ihn in die Arme schloss und ihm sanft ins Ohr sagte, dass sie ihn liebe.

Er war völlig hin und weg, konnte es kaum glauben, wusste nicht wie ihm geschah. Nie zuvor hatte er so zärtlich gefühlt, sah sich dieser unbekannten Gefühle von Zärtlichkeit und Bedarf nach Nähe und Liebe, nach Zuneigung und Gemeinsamkeit nie offener zugetan und wusste, der Camino hatte seine Seele ganz tief im Inneren Selbst berührt.

Auf Anfrage bei der Bahn, was ein Ticket mit Hund zurück nach Frankreich kosten solle, sagte man ihm, dass es nicht möglich sei, einen so großen Hund mit in die Bahn zu nehmen, es sei denn, er würde ein ganzes Nachtabteil buchen und den Hund darin einschließen. Er selbst müsste ein anderes Abteil bewohnen, könne auch einen einfachen Sitzplatz buchen.

Der Preis von zweihundertvierzig Euro erschien ihnen etwas übertrieben. Sylvie fragte nach dem einfachen Ticket, ohne Hund. „Das kostet achtzehn Euro fünfzig, zum Tagespreis.

Sie entschieden sich, Tasko bei Esmael in der Herberge zu deponieren, und würden den nächsten Zug gegen Mittag zurück nach Frankreich nehmen. Die Herbergsmutter hatte bereits angeboten, auf Tasko, dem es sowieso noch nicht gut genug ging, aufzupassen und ihn zu pflegen, bis Carlo zurück sei.

Der Entschluss war schnell gefasst. Schon zwei Stunden später saßen er und Sylvie im Zug, ließen während der Bahnfahrt einige Erlebnisse Revue passieren. Nachdem sie seinen Wagen vom Campingplatz abgeholt hatten, brachte er sie erneut zum Bahnhof. Sie würde nach Hause fahren, er nur Tasko holen und dann zu ihr kommen. Kurz nach dem zärtlichen und versprechungsvollen Abschied fuhr er wieder gen Westen. Die Passstraße über die Pyrenäen überquerte er in ganzen sechzehn Minuten.

„Das Kloster steht immer noch genauso bedrohlich an dem kleinen Bachlauf wie vor Jahren“, sagte er im Vorbeifahren.  Verstört trat er auf die Bremse. „Vor Jahren? Es ist gerade mal drei Monate her, dass ich hier campiert habe.“ Er lachte laut auf.

Er grüßte den Mönch, die Dämonen, die neuen Freunde und die weiterhin Leidenden. Die Pilger des ‚Camino de Santiago’, die während der Fahrt vor seinem inneren Auge erschienen.

Während der Weiterfahrt verliefen die einzelnen Momente, die Begegnungen auf dem Camino und in den Orten, in den Bergen, Tälern und an den Flüssen wie in Traumzeit ab.

Am nächsten Abend kam er gegen Mitternacht in der Herberge an, Tasko freute sich, wich die ganze Nacht nicht mehr von Carlos Seite, drängelte sich regelrecht in dessen Schlafsack.

Carlo träumte einen unruhigen Schlaf von rotem Treibsand in der Ebene der universellen Energien, die sie vor Wochen durchquert hatten.

Ein sterbender, schwarzer Vogel versank in unendlichen Qualen im roten Sand. Carlo wachte schweißgebadet auf, im Traum hatte er Kundjana und Pietro zusammen am Lagerfeuer sitzen sehen.

Er konnte sich keinen Reim auf diesen verrückten Traum machen, verdrängte ihn vehement.

Am nächsten Morgen begrüßte ihn Esmael schon gegen halb Sieben.

„Nachdem wir ihn draußen vor der Herberge angebunden haben und alle in ihre Betten zum Schlafen waren, fühlte Tasko sich wohl sehr verlassen. Er jaulte wie ein kleines Kind und einer der Pilger holte ihn schließlich ins Haus.“

Carlo streichelte sein glänzendes Fell. „Bist schon ein armer Köter, was?“

Der sah ihn an, zog die Lefze hoch und strich wie eine Katze um Carlos Beine. „Hast mich vermisst, was? Ich dich auch, Kumpel.“

Zwei Tage später fuhr er mit Tasko in Richtung Auvergne, Sylvie hatte auf die beiden gewartet und gemeinsam wollten sie ein paar Wochen verbringen, um sich näher kennen zu lernen. Sie würden die Gefühle abtasten, der Liebe eine Chance geben.

Sie entschieden sich, für einige Tage ein wenig gemeinsam zu wandern und in sich zu kehren.

Als sie die Rucksäcke packten und sich auf die Wanderung vorbereiteten, fand er erneut die kleine Dose von Pietro, die sich zwischenzeitlich irgendwie aus seinem Bewusstsein geschlichen hatte.

Er öffnete sie in ihrem Beisein. „Was ist das“, fragte Sylvie.

„Das ist Sand vom Jakobsweg. Das machen viele Pilger und nehmen ein wenig davon mit, um sich zu erinnern.“

„Und diese Feder? Die hat sich ja schon in ihre Bestandteile aufgelöst, die kannst du aber wirklich wegwerfen.“

„Ja, die ist von einem Truthahn“, antwortete Carlo, schluckte, nahm Sylvie in die Arme und sagte „Und ich weiß jetzt auch, warum.“

Die Wege der Liebe sind unergründlich.

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