14. Botschaft aus dem Nichts

Druck auf die Seele

Noch lange saßen sie draußen in dem schönen Vorgarten der Kirche, unterhielten sich über die geheimnisvollen Zeichen von Truthahn und Co und philosophierten über die Vergangenheit. Die Hunde lagen ruhig im Gras, der eine oder andere Pilger traf im Laufe des Abends ein, die Runde vergrößerte sich. Auch die anderen waren heraus gekommen und gesellten sich mit Wein oder Leckereien, mit Musik und Gesang zu Carlo, Kathrin und den Hunden.

Er wunderte sich indes über einen stämmigen Spanier, der sich mit den Hunden, vorzugsweise mit Tasko beschäftigte. Er schien im Ort zu leben, unterhielt sich offen mit den Einwohnern, die die fröhliche Gruppe interessiert beobachteten, der eine oder andere kam sogar zu einem kurzen Schwätzchen herüber. „Der Spanier da ist mir nicht ganz koscher“, gab Jason zu bedenken. „Der ist zu sehr an den Hunden interessiert.“ Anita spielte mit den beiden Ball. „Mach dir mal keine Sorgen, das ist nur, weil man hier kein persönliches Verhältnis zu den Tieren hat, wir sind wohl anders in ihren Augen.“

Auch Pascal war der Mann aufgefallen, aber  Anita hatte sicher Recht, solche Hunde hatten sie in Spanien bislang noch nicht gesehen, meist waren es hier Straßen- und Hofköter, Mischlinge in unerfindlichen Farben und Kombinationen.

 „Man muss aufpassen, dass man sich nicht zu sehr an die Gesellschaft der Mitpilger gewöhnt, sonst verfehlt der Camino schnell seinen Sinn“, Der Pater lehnte im Fenster der in die Kirche integrierten Herberge. „Das Abendbrot ist fertig, stellt bitte Tische und Stühle, wir wollen gemeinsam beten und essen.“

Nach dem eifrigen Rücken der Möbel, die Pilgerzahl hatte sich von mittags zwölf auf nunmehr achtunddreißig erhöht, wurden Teller und Bestecke gelegt. Die Wanderer fanden sich allmählich ein, ein Gebet vorweg wurde vom Pater gesprochen und von Einigen in die verschiedensten Sprachen übersetzt.

„Ich freue mich, dass heute so viele, ehrenwerte Pilger erschienen sind, das hatten wir lange nicht mehr. Daher musste ich aus dem Gemüseauflauf eine vielleicht mit etwas zu viel Wasser versetzte Gemüsesuppe machen, lasst es euch im Namen des Herrn schmecken.“ Ein geselliges Murmeln durchzog die Runde, Bestecke und Teller klapperten, die Gemeinschaft war besiegelt.

„Wie meinst du das, der Camino verfehlt seinen Sinn?“ wollte Anita wissen.

Der Camino, wenn man ihn geht, um zu sich selbst zu finden, oder vielleicht, um zu sich selbst zurück zu finden, verliert schnell seine Wirkung, wenn man sich zu sehr mit anderen Dingen, als mit sich selbst beschäftigt. Wenn ihr weiter als Gruppe lauft, werdet ihr es am Ende bereuen, denn die Gruppe lenkt ab, die anderen Pilger oder Touristen um einen herum irritieren die Konzentration auf das, was man doch eigentlich sucht, versteht ihr?“ Der Pater reichte den Brotkorb, alle langten zu.

„Naja, aber wenn man sich nur auf sich selbst konzentriert, und überhaupt keine weiteren Einflüsse wie Meinungen, Kritiken oder Anregungen bekommt, kann das doch auch nicht zur Erweiterung des Horizontes führen, oder?“ Pascal nahm sich einen Schluck Wein, grinste den Pater an.

„Dein Weg zu deinem inneren Selbst ist von Gottes Hand geleitet. Wenn du auf deine Intuition, deine Eingebung, deine Herzensgefühle achtest, wirst du mehr erfahren und lernen, als dir jemals ein anderer Mensch mit auf den Weg geben kann.“

Carlo war sich nicht sicher, ob es der richtige Weg war, nur und einzig auf sich zu hören, denn genau das hatte ihn ja zum Einzelgänger gemacht, ihn sich absondern lassen, ihn zu einem Eremiten gemacht, der scheinbar für immer auf der Suche nach der immer wiederkehrenden Frage war:

Was war, Was ist und Was wird sein.

Carlo ärgerte sich über die Äußerung des Paters. „Pater, wenn Kathrin nur auf ihre Intuition gehört hätte, wäre sie jetzt an der Nadel, wenn Anne nur auf ihre Eingebungen hören würde, wäre sie überhaupt nicht los gegangen. Wenn Lena, von der niemand weiß, wo sie jetzt gerade ist, wenn sie nicht vielleicht schon abgebrochen hat und sich auf dem Weg nach Hause befindet, nur auf ihre eigenen Gedanken gehört hätte, wäre auch sie niemals los gegangen.“ Carlo blickte in die Runde und erntete zustimmendes Nicken von einigen der Pilger.

Der Pater räusperte sich, stand auf, faltete die Hände und blickte ebenso in die Runde.

„Liebe Pilger, lieber Carlo. Wenn ihr allesamt nicht auf andere Menschen, auf Medien, auf Vorgaben aus der Menge, der Familie, der Freunde gehört und euch statt dessen auf die reinen Instinkte, denen ihr als kleine Kinder vertrauen konntet, verlassen hättet, wäret ihr niemals an den Punkt gekommen, euch auf den Weg der Suche nach eurem Seelenfrieden machen zu müssen. Gott hat euch alles gegeben, was ihr brauchtet. Die Einflüsse von allerlei Außenstehendem haben euch vom natürlichen Weg abgeleitet.“

Er setzte sich langsam zurück auf seinen Stuhl, blickte in seinen Suppenteller und schlürfte einen Löffel davon.

Das saß. Die Pilger blickten sich um, suchten nach Meinungsausdrücken in den Gesichtern der anderen, aber allen erging es gleichermaßen. Der Pater hatte Recht, da biss die Maus keinen Faden ab.

Nach dem Mahl halfen einige der Pilger den Abwasch zu bewältigen, indes entschlossen sich zehn der Pilger, die Betten denjenigen zu geben, die keine Isomatten und Schlafsäcke mit sich trugen. Am Ende gesellten sich die fünf doch zu den Hunden ins Freie, was Carlo nach Jesons Anmerkung über den befremdlichen Spanier gar nicht unlieb war.

Kurz nach dem Abendbrot begann die Messe. Alle waren zugegen, auch diejenigen, die sich zuvor als ungläubig oder einfach nur als Touristen auswiesen. Sogar Kathrin. „Denen, die an seinen Namen glaubten, gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, Gott segne Euch“, schloss der Pater die denkwürdige Predigt und reichte ein dickes, ledergebundenes Buch herum, in welches „ein Jeder sich eintragen soll, der, gläubig oder nicht, dieses Haus Gottes besuchte.“

Die Nacht war lauwarm. Das Himmelszelt leuchtete in solcher Brillanz, dass Carlo es mit dem Nachthimmel in den endlosen Wüsten Australiens verglich. Der Mond stand hinter dem Kirchturm und die strahlende Energie der Sternenstrotzenden Milchstraße durchflutete seinen Körper mit wohliger und bekannter Intensität. Es fühlte sich an, als schwebte er zwischen Himmel und Erde, ohne Bodenkontakt, allein, ganz allein im Universum. Wie er dieses Gefühl vermisst hatte in den vergangenen Monaten seit er aus der Endlosigkeit Australiens zurück gekehrt war. Hier war es wieder, das Gefühl, Eins zu sein mit dem ganzen, riesigen Universum.

Die Nacht wäre ruhig verlaufen, wäre da nicht der Spanier vom Nachmittag gewesen, der sich mitten in der tiefsten Nacht an das Lager der Hunde heran schlich. Sicher hatte er damit gerechnet, die Tiere allein und angebunden vorzufinden und nicht erwartet, dass in dieser Nacht acht Personen im Garten der Herberge in ihren Schlafsäcken lagen und schliefen.

Die Überraschung war groß, innerhalb von Minuten war er in die Flucht geschlagen, keiner wusste so recht, was eigentlich geschehen war und warum der Spanier sie überhaupt überfallen hatte.

Der Pater kam aus seinem Haus und eilte zu der aufgeregten Gruppe. „Der wollte die Hunde stehlen, da hätte er eine Menge Geld für bekommen, das ist schon mehrmals geschehen, da die spanischen Hunde nicht so Menschennah sind, schlecht gehalten werden und nicht viel wert sind in den Augen der meisten Menschen hier. Dem Herrn sei Dank, dass er keinen Erfolg hatte.“

Die Pilger beruhigten sich nach einer Weile wieder und gingen erneut schlafen, der Überfall war vereitelt worden.

Am nächsten Morgen nahmen die Pilger ein gemeinsames Frühstück ein, viele der Nachtgäste waren bereits gegen Fünf losgelaufen. Die Gruppe um Tufi und Tasko indes schaffte es gerade mal gegen Neun, ihr Gartenlager abzubrechen. Dennoch gingen alle wieder getrennter Wege. Die Ermahnung des Paters, dass man sich zu schnell an das Gruppenwesen gewöhne, war nicht ungeachtet geblieben. Der Tag verlief ungewohnt ruhig.

Carlo marschierte den ganzen Tag, ein zwei kurze Pausen am Wegesrand ausgenommen. Er wollte ein paar Nächte außerhalb der Gruppe und weg von den Herbergen verbringen. Das Gespräch mit dem Pater lag ihm noch in den Ohren.

Tasko schien erneut schwere Probleme mit beiden Vorderfüßen zu haben und der Marsch war eine Qual für Hund und Herrchen, doch es nutzte nichts, der Weg lag vor ihnen, die Erfahrungen mussten verarbeitet werden, die vielen Erlebnisse, Träume und Begegnungen forderten ihren Tribut.

Erst spät abends, sie waren in einem Hinterhof eines Bauernhofes eingekehrt, gönnte sich Carlo einen Becher Wein und aß ein Baguette mit den üblichen Beilagen, die er immer im Rucksack mitschleppte.

Nachmittags hatte Carlo einen Bauern auf einem Feld angetroffen und nach einer Unterkunft für die Nacht gefragt.

„Ihr könnt bei mir in der Scheune übernachten, wenn du mir hilfst, meine Arbeit hier fertig zu bringen. Mein Name ist Pietro.“ Carlo wunderte sich kurz, nahm aber sofort das Angebot an. “Ich bin Carlo, das ist Tasko.“

Nach einigen Stunden schwerer Rackerei im Feld, bei der er dem Landwirt gut zur Hand ging, fuhren sie gemeinsam auf dem Traktor des Bauern zu dessen Hof.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du die Arbeit annimmst, auch nicht dass du sie schaffst, Carlo. Die meisten, die hier lang wandern, wollen nichts mit den Menschen hier zu tun haben, wollen nur ihren Urlaub, haben keinen Blick, keinen Gedanken für uns Bauern auf dem Land übrig. Das ist sehr schade, früher war das anders. Aber seitdem die Pilger keine wahren Pilger mehr sind, sondern nur noch Touristen, ist es anders geworden auf dem Camino. Der Sinn des Pilgerns ist verloren. Früher mussten die Pilger arbeiten, um ein Bett, etwas zu essen zu bekommen. Heute zahlen sie mit Kreditkarte, lassen sich sogar die Rucksäcke von den hiesigen Tourismusagenturen transportieren. Das ist schlimm.“

Er gab Carlo, der mit ihm auf dem Traktor saß, einen freundlichen Schlag auf die Knie. „Du bist ein echter Pilger, was?“

„Ich versuche meinen Weg zu finden, da bin ich am liebsten allein. Aber immer, wenn es irgendwie passt, gehe ich gern auf Menschen wie dich zu, Pietro.“

Tasko war auf dem mit allerlei Werkzeug und Gerümpel von der Feldarbeit beladenen Anhänger festgebunden, damit er nicht vom Wagen sprang, nicht zuletzt um die Pfoten zu schonen, die Carlo einige Sorgen bereiteten.

Als Carlo später seinen Schlafsack im Schuppen ausbreitete, ergab eine kurze Untersuchung völlig zerfetzte Tatzen und blutige Zwischenhäute. Eine Apotheke war nicht in Sicht, Carlo beschloss, den Bauern um Hilfe zu fragen. Der gab seinem Gast eine gute Salbe, die Carlo dick auf die Pfoten auftrug.

„Willst du nicht ein paar Tage mit Tasko bleiben und mir zur Hand gehen bei der Erntevorbereitung? Ich könnte Hilfe und dein Hund eine Pause gebrauchen. Gegen Kost, Logis und ein paar Euro natürlich.

Carlo war überwältigt, nahm das Angebot sofort an, konnte etwas Geld gut gebrauchen, Tasko würde die Zeit am Hof genießen und sich erholen und er selbst freute sich auf ein wenig regionale Integration statt internationaler Problemabhandlung.

Er blieb fast einen Monat bei dem Spanier, arbeitete von morgens bis spät in den Abend, genoss die Einsamkeit auf den Feldern. Tasko hatte alle Freiheiten der Welt, konnte tollen und toben, lag oft einfach nur im Schatten des Traktors auf dem blanken Boden und genoss die Zeit, bei seinem Herrn zu sein. Die Einrichtungen des Hauses konnte er nutzen, bekam gut zu essen und wurde bei jeder Gelegenheit in den Familienalltag mit eingebunden.

Er campierte in seinem Zelt am Ende des Hofes auf einem grünbraunen Rasenstück, Tasko hatte seinen Platz zwischen Zelt und Ackergerät auf einem extra vom Bauern spendierten Schaffell.

Der Abschied fiel schwer. Hier war Carlo erstmals seit langer Zeit gelungen, vom Gedankenchaos in eine Art Lethargie zu fallen, er vergaß, sonnte sich im ruhigen Gemüt der spanischen Bauern, fühlte sich unendlich weit entfernt von Alltagsstress und insbesondere frei vom Martyrium durch den familiären Druck. Dieser war vielleicht gar nicht echt, aber Carlo trug ihn mit sich. In der Seele. Tief in seiner Seele fühlte er sich verpflichtet, es denen zu Hause gleich zu tun.

Hier in der Einsamkeit der spanischen Felder war alles anders. Aber er musste weiter gehen. Bis zum Ende des Camino waren es nur noch ein paar Tagesreisen und die wollte, konnte er nicht einfach umgehen. Er musste ihn zu Ende gehen, den Weg zu seinem Selbst.

Als alle Sachen gepackt, der Rucksack geschultert und die Hände geschüttelt waren, gab der Bauer Pietro ihm eine kleine blecherne Dose mit spanischen Verzierungen.

„Öffne sie erst, wenn dir danach ist“, sagte Pietro. Carlo bedankte sich, wunderte sich über dieses Geschenk und wusste doch, dass es keinen Sinn machen würde, zu fragen warum und wieso.

Er nahm Tasko an die Leine und ging leichten Schrittes vom Hof und an das letzte Stück seiner Wanderung.

Mit einem Australier, der als Kind in Spanien lebte, und einem Amerikaner, der sich mit der Wanderung und der Bezwingung des Camino de Santiago einen Lebenstraum erfüllen wollte, aß Carlo gemeinsam zu Abend. Sie hatten sich während der Tageswanderung kennen gelernt und waren am Abend gemeinsam in einer Herberge eingekehrt.

Jamie meinte, Probleme mit den enormen Energien die auf dem Weg lasten zu haben. „Es ist unglaublich, was alles in meinen Erinnerungen erscheint, wie oft ich an mein Leben denken muss, ich habe von diesen Energien gelesen, aber nie hätte ich erwartet, dass es mich betreffen könnte.“

Erklären konnte das Phänomen dieser Wahrnehmung der spirituellen Kräfte keiner so recht.

„Es ist wie ein permanenter Druck auf die Seele“, sagte Shawn, der Australier. „Ich hab von den Aborigines gehört, dass die auch sowas kennen. Energiefelder und spirituelle Berufung und so ein Zeugs. Aber ich hab nie geglaubt, dass da was Wahres dran sein könnte. Und jetzt merk ich es selbst so intensiv, dass ich es mit der Angst zu tun bekomme. Wie verrückt ist das denn?“

Sie saßen in einem guten Restaurant, da keiner Proviant übrig hatte und einen Laden gab es im Ort nicht. Carlo wurden die Gespräche über die energetischen Felder zu belastend und bat die beiden Männer, nicht weiter darauf einzugehen, schweifte von einem Thema zum Nächsten. Er erzählte von seinen Erlebnissen in Australien, um das eine, allgegenwärtige Thema möglichst zu meiden. Die Kraft des Camino.

Er wusste, je weiter er gehen würde, umso intensiver würde es, umso mehr Menschen sprachen davon, umso mehr Menschen und auch er selbst bekamen Angst vor dieser sonderbaren Kraft.

Sie waren zur Herberge zurück gekehrt und gingen zu ihren Nachtlagern.

„Der Sand der australischen Wüsten hat vieles mit diesem Energiespuk hier in Spanien gemeinsam“, sagte Shawn. „Du musst das doch wissen, Carlo, nach alledem was du in Down Under erlebt hast!“

Als er in seinem Schlafsack lag und noch einmal an die vergangenen Wochen auf dem Bauernhof dachte, fiel ihm das Döschen ein, das er von Pietro erhalten hatte. Er wunderte sich, dass er es bislang noch nicht geöffnet und den Inhalt, sollte etwas darin sein, inspizierte. Er stand auf, kramte das Döschen aus dem Rucksack hervor und öffnete es.

Darin war rötlicher Sand und eine schwarze Feder, die der seinigen in dem kleinen Etui unglaublich ähnlich sah. Er verglich die beiden Federn und tatsächlich, es könnte die eines Milans sein.

Ohne zu wissen, warum Pietro ihm dieses Geschenk gemacht hatte, begannen die Tränen zu laufen. Er konnte es sich nicht erklären, wusste nicht, was hier geschah. Irgendwann, nach Stunden des Grübelns, was dieses Zeichen wieder bedeuten sollte, rutschte er zurück in seinen Schlafsack und schlief einen unruhigen Schlaf.

Am kommenden Morgen führte der Weg aus dem kleinen Städtchen einen steilen Berg hinan und verlief für einige Kilometer durch ein von großen Lichtungen unterbrochenes Waldgebiet.

Tasko hielt sich die ganze Zeit über nahe bei Carlo. Die morgendliche Sicht von einem Aussichtspunkt über die Täler war grandios und der sich lichtende Nebel mit dem Sonnenaufgang im Hintergrund wäre einige Fotos wert, dachte er, während er zum tausendsten Male bereute, keine Kamera mitgenommen zu haben.

„Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, ein Herz aus Steinen zu legen“, dachte er, als er das kleine Kunstwerk auf dem Feldweg betrachtete. Unter einem außergewöhnlich ockerfarbenen Stein konnte er einen Zipfel eines Papiers erkennen. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken.

Tasko legte sich neben den Rucksack, den Carlo an einem Baum abgestellt hatte. Er schlummerte, als Carlo den Stein anhob und den Zettel in die Hand nahm. Geschrieben von zarter Hand, das Papier verknüllt und die Tinte ausgeblichen.

„Ist fast, als wäre die Botschaft für mich, Tasko“, scherzte er, obwohl ihm nicht zu Späßen zumute war.

„Ich liebe Dich und werde immer und ewig auf Dich warten. Gehe weiter in Frieden und Glück, bis Du ein sicheres Zeichen erhältst. Dann komm zurück und erfülle Deinen großen Traum. Gott beschütze Dich.“

Verschreckt ließ er das Papier fallen. „Das kann nicht sein, das bin nicht ich“, stammelte er völlig verdreht. Erneut hob er den Zettel auf, betrachtete ihn von allen Seiten, fragte sich wer so etwas schreiben könnte, und für wen.

„Der Zettel muss schon seit Tagen, Wochen hier liegen, so verblichen ist das Papier und auch die Tinte“ dachte er und entschied, die Nachricht wieder unter den Stein zu legen. Er nahm verworren seinen Rucksack, leinte Tasko an und ging zuerst ein Stück weiter seines Weges, kehre dann jedoch wieder um, schaute sich noch einmal dieses sonderbare Stück Papier an.

„Komisch, dass kein Pilger weit und breit zu sehen ist, jetzt müssten doch Einige unterwegs sein.“ In den Pfützen stand Wasser. Es hatte in der Nacht geregnet, doch weder der ockerfarbene Stein war nass, noch war der Zettel selbst feucht.

Carlo setzte sich auf einen alten, morschen Baumstumpf am Wegesrand, packte ein paar Kekse aus dem Rucksack, die er schon seit einer ganzen Zeit mit sich schleppte, trank einen Schluck Wasser und dachte nach.

„Blödsinn, das ist nicht für mich, kein Mensch weiß, dass ich hier bin, keiner würde so etwas für mich schreiben, das ist für jemand anderes. Und wie sollte so ein Stück Papier hierher gelangen? Zudem habe ich keine Beziehung, kein Mensch mehr, der an mich denkt und mir Glück wünschen könnte“

Er beschloss, die Nachricht zu ignorieren und ging weiter. Vergessen konnte er die Zeilen nicht so leicht, fragte sich, wer so etwas schönes, liebevolles einfach in die Natur legen sollte, um jemandem, vielleicht aus tausenden von Kilometern Entfernung, einen lieben Gruß zu bestellen.

An einem am Wegesrand stehenden Holzkreuz machte er erneut Rast. Tasko legte sich umgehend erschöpft ab, leckte wieder einmal seine Pfoten. Carlo sinnierte über seine vielen, nicht lange andauernden Beziehungen nach, wunderte sich über seine Unfähigkeit, zu lieben, persönliche Liebe zu geben und anzunehmen.

Den Schlüssel zu seinen Fragen fand er schnell.

Wieder einmal waren es die Strukturen, die ihm auferlegt wurden, die seine Erwartungen an die perfekte Beziehung prägten. Von Anfang an schon wollte er immer Perfektion, wollte für die Partnerin da sein, gönnte Ihr somit aber keinerlei Freiheiten, akzeptierte nie, dass seine Auffassung des Weltgeschehens nicht zwangsläufig die Gleiche sein musste, die seine Partnerinnen teilen konnten. In den alten Familien wurde die Unterordnung der Frau dem Mann gegenüber als normal angesehen, manchmal sicher war es auch umgekehrt, aber immer musste sich einer der beiden Partner unterwerfen.

Nicht zuletzt aus dem Bedürfnis des Zusammenlebens konnten diese Menschen nicht allein sein, hinzu kam die Glaubensrichtung. Ein guter Mensch musste ein Familienmensch sein. Das Bewusstsein der Menschen allerdings veränderte sich, Mann wie Frau wurden freier, Gedanken und Wesen, Handlung und das Bedürfnis nach uneingeschränkter Bewegung an sich veränderte die Grundsätze der alten Traditionen.

Ein langer Seufzer aus der Tiefe Carlos Herzens ließ Tasko hochschrecken. „Ich habe scheinbar nicht mitbekommen, das Frauen auch frei sein wollen, was Tasko?“

Unbewusst und sicher nicht von den Eltern oder Geschwistern mit Druck ausgeübt, belasteten ihn die Prägungen, die alten Strukturen, die Gedanken an die Traditionen. Der Druck, diesen Vorgaben zu entsprechen, Häuschen bauen, Kinder zeugen und Baum pflanzen war so stark, dass er sich zwanghaft in die Position des Familienvaters hinein katapultierte, sobald eine Frau in sein Leben trat. Zuerst kam die große, untrennbare Liebe, dann folgten Verlustängste, der Machtkampf um positive Energie, letztlich die Trennung die meist mit Verlust der Freunde verbunden war.

Letztendlich stieg die Boshaftigkeit gegen die Frau und Menschen im Allgemeinen, gewann Überhand, bemächtigte sich seiner und regierte sein Leben.

Die Dämonen in den Frauen ohne Haut und Haar ließen ihn seine Angst vor weiteren Verletzungen sehen.

„Natürlich waren das keine echten Dämonen, aber es sollte mir ein Zeichen setzen und jetzt verstehe ich endlich worum es ging. Ich muss loslassen lernen, die Energien die in die Beziehungen eingeflossen sind, freigeben, die Menschen aus meinen Erinnerungen erlösen. Aber wie?“

Carlos Worte, an das Jesusbild am Kreuz gerichtet, blieben unbeantwortet. Er erinnerte sich an ein Gespräch mit Nadja, als sie sagte, sie bewältige ihre Vergangenheit oder Probleme in der Familie meist mit einem Feuerritual. „Tasko, ein Feuerritual! Nichts liegt näher.“

Schnell sammelte er ein paar einigermaßen trockene Reisigzweige, scharrte ein wenig Laub beiseite und entfachte ein kleines Feuer. Auf ein Stück Papier schrieb er die Namen der Menschen, die in seinem Geist, in seinem Herzen, in seiner Erinnerung umherschwirrten, die sein Jetzt einschränkten, ihn in positivem oder negativem Sinne beeinflussten. Er richtete ein Gebet an seine Erzengel Michael und Gabriel die die einzigen waren, an die er sich aus den Gesprächen mit Nadja erinnern konnte.

Diese Engel vermochten die Seelen derjenigen, ob guter oder schlechter Erinnerung, aus seinem Geist zu befreien und ihn von den Energien, egal ob gut oder böse, dieser alten Strukturen zu erlösen. Das Geschriebene las er laut in Gegenwart des alten Zeugen der Zeit, dem hölzernen Kreuz. Nach ‚dem Ruf des Bittens‘, wie Nadja es beschrieben hatte, gab er das Blatt Papier als ‚Ritual des Loslassens’ in die Flammen und ließ die Asche mit dem Wunsch, von nun an frei von Vorurteilen und bösen Erinnerungen zu sein, in alle Winde verwehen.

„Loslassen, was für ein herrliches Gefühl“, rief er laut, löschte das Feuer und ging bald weiter.

Schon nach einer Stunde langsamen, erleichterten Gehens kam er an einer alten Kirche an, an die eine kleine Bar grenzte. Ansonsten waren keine Häuser zu sehen. Vor der Bar saßen einige Menschen, die ihn freundlich willkommen heißen. Tasko indes wurde kläffend von den Hofhunden in Empfang genommen, scherte sich allerdings nicht sonderlich um sie, sondern legte sich sofort zum Rucksack, den Carlo an der Außenmauer des Hauses abstellte.

Er war sichtlich geschafft, schleppte sich die letzten Kilometer nur mühsam voran. Carlo war froh, dass sie hier nun eine Pause einlegen würden.

„Der Cafe con Leche schmeckt hier wirklich gut“, begrüßte ihn die Frau im Bikeroutfit. „Wir haben uns gestern im Vorbeigehen gesehen, erinnerst du dich?“ „Ja, sicher“, gab  Carlo zurück.

 Er  bestellte einen Cafe con Leche und setzte sich zu den beiden. Diese waren seit drei Wochen mit ihren Mountainbikes unterwegs, erfuhren selbst einige spirituelle Erlebnisse und freuten sich auf weitere im Laufe der Reise. Die drei unterhielten sich zuerst eine Zeit lang über den Camino, dann erfolgte ein tiefsinniges Gespräch über Spiritualität und die Carlo Sorgen bereitenden Energien.

Die Frage, ob sie zufällig die Herzform der Steine auf dem Weg gesehen haben, verneinten beide. Auch der nächste Pilger der herankam, wurde sogleich nach der Steinformation und dem Stück Papier befragt, aber auch er wollte nichts gesehen haben. Ungläubig gestand sich Carlo ein, einen Tagtraum erlebt zu haben, beschloss aber dennoch und ausnahmsweise zurück zu laufen und nachzuschauen, ob er nun träumte oder nicht.

Tasko blieb gern bei dem freundlichen Wirt der kleinen Bar, auch den Rucksack konnte er dort lassen. Die anderen radelten indes weiter. Auf halbem Wege kamen ihm Shawn und Jamie entgegen, auch sie hatten nichts von einem aus Steinen gelegten Herz bemerkt.

 Nach kurzem Fußmarsch war er wieder an dem Kreuz angelangt. Er suchte kurz nach den Feuerresten, fand aber nichts. Nicht einmal ein Rest der Asche war zu entdecken.

Verworren ging er weiter den ganzen Weg zurück bis zu der Stelle wo er das Steinherz entdeckte, doch auch hier fand er weder ein Steinherz noch das Stück Papier mit der Botschaft.

„Ich glaub’s einfach nicht“, entfuhr es ihm. „Ich träum doch nicht am helllichten Tage, oder?“ Er fand den Baum auf dem er gesessen war, fand sogar Krümel der Kekse, aber nicht den geringsten Anhalt auf die sonderbare Botschaft.

„Ist das nun schon wieder eine Sinnestäuschung?“, fragte er sich gereizt und verspürte plötzlich einen warmen Lufthauch. Direkt neben dem alten Baum lag ein Häufchen Steine, dazwischen verbranntes Papier. Obenauf ein ockerfarbener Stein, gleich dem, den er am Morgen auf der eigentümlich schönen Papierbotschaft fand. Er blieb einige Minuten in sich gekehrt sitzen und versuchte zu verstehen, das Geschehen zu begreifen. Vergeblich.

 Zurück an der Bar, trank er einen weiteren Milchkaffee in erzwungener Ruhe, zahlte die Rechnung, schulterte abermals seinen Rucksack und lief mit dem müden Tasko weiter gen Westen. Die Gedanken kreisten, je weiter er marschierte, um die unergründlichen Zeichen.

„Wenn die Begegnung mit dem steinernen Herz heute Morgen eine Einbildung war, ok, aber der Haufen Steine danach? Und die Feder und der Sand von Pietro?“ Er sprach laut zu Tasko, der ihn unentwegt anblickte, sein Herrchen nicht mehr aus den Augen ließ. Der weitere Verlauf des Weges war beschwerlich, die meiste Zeit liefen sie auf Teerstraßen und geschotterten Feldwegen.

Nach zwanzig Kilometern, Tasko humpelte wieder extrem, entschloss sich Carlo, bald eine längere Pause einzulegen. Es war stickig und heiß. In einem kleinen Ort kaufte er Futter für seinen geschwächten Freund, sich selbst ein Baguette, Schinken, eine Tüte Oliven und seit längerer Zeit gönnte er sich eine gute Flasche Rotwein.

Die Siesta an einem kleinen Fluss nahm auch Tasko gern in Kauf, sie rasteten zwei Stunden lang am Ufer im Schatten einiger Trauerweiden. Tasko ließ sich sein Futter schmecken, leckte sich danach die geschundenen Pfoten. Carlo genoss sein Pilgermahl, dazu frisches Quellwasser aus dem nahen Brunnen. Die Nachricht auf dem Papier ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf, „wie kann es sein, dass mir so etwas geschieht, war das Zeichen wirklich für mich gedacht?“

Er dachte noch einmal an die Begebenheiten, konnte sich weiterhin keinen Reim darauf machen. Fragen über Fragen türmten sich auf. „Die Antworten kennen wohl nur die Engel“ sagte er und legte sich ins Gras um eine Weile zu schlummern. Gegen zwei Uhr nachmittags gingen die beiden weiter.

„Wir haben noch achtzehn Kilometer vor uns, Tasko, dann kommst du zu einem Tierarzt und wir können ein paar Tage ausruhen.“ Der leckte sich die Schnauze, als ob er verstanden habe. „Hoffentlich hältst du durch“, sprach Carlos zu seinem Freund. „Wenn ich jetzt halt mache, werden deine Wunden vielleicht so schlimm, dass du morgen gar nicht mehr laufen kannst. Dann lieber jetzt weiter und im Notfall direkt zu einem Tierarzt in der Stadt.“ Tasko schien die Worte zu verstehen, sprang an ihm hoch und lief ein paar Schritte voraus, kam jedoch gleich zurück.

„Wenn es gar nicht mehr geht, fahren wir einfach mit dem Bus.“ In der nächsten Ortschaft waren plötzlich keine Pfeile mehr zu finden. „Ich habe mich verlaufen, der Weg geht irgendwo anders lang, aber zurück laufen wir jetzt nicht mehr“.

Tasko, trottete mittlerweile wie ein Häufchen Elend neben ihm. „Pause am Brunnen.“ Das Zusprechen bewegte Tasko zum Weiterlaufen, der mitleiderweckend anzusehen war, aber Carlo zwang sich, bis zum Ende weiter zu gehen, um endlich länger rasten zu können. „Wir nehmen einfach den Bus, mir reicht die Lauferei auch langsam.“

Tasko ließ er am Brunnen an den Rucksack angeleint zurück und ging zu einem kleinen Laden, dessen Türe offen stand. Die Frau hinter dem Tresen sprach ein wenig Englisch, nahm ihm aber gleich alle Illusionen. „Mit dem Hund können sie nirgendwo in Spanien in einen Bus oder Zug.“

Gemeinsam weiter laufen oder den Hund hier lassen waren die Alternativen, wobei er sich für das Laufen entschied. Nie würde er Tasko zurück lassen. Zuerst zurück zur verpassten Abzweigung, dann weiter Richtung Großstadt. Nach weiteren schier endlos erscheinenden Kilometern kamen sie endlich am Ortsschild von Santiago an.

Schon seit gefühlten Stunden liefen sie durch Industrieanlagen und Trabantenstädte, überquerten oder unterliefen Autobahnen, waren umzingelt von Hunderten Lastwagen, Bussen und Zügen. Industrieller Gestank lag penetrant in der Luft, die Menschen blickten unfreundlich, viele hupten und schimpften, wenn sie die Straße kreuzten und der eine oder andere in der nicht enden wollenden Metalllawine kurzzeitig abbremsen musste.

Irgendwann fragte er irgendjemand nach einem Wohnwagen oder einer Hütte für ein oder zwei Nächte. Die Antwort kannte er schon. „No Perro, kein Hund.“ Er fragte um etwas Wasser für das Tier und war erstaunt, als dieses ihm freundlich gewährt wurde.

„Wir müssen weiter, Kollege.“ Tasko wollte nicht mehr, weigerte sich aufzustehen. Der verstand nicht, dass es um ihn ging, dass Carlo aufgrund der Abneigung der Spanier gegen Hunde er hier nirgendwo anhalten konnte, sie einfach nicht willkommen waren. Carlo zerrte an der Leine, die der müde Kumpel seit anderthalb Stunden wieder erdulden musste, da sie im Stadtgebiet liefen. Mühsam schleppten sie sich weiter.

Nach zwei Stunden Stadt fiel Tasko plötzlich um. Er legte sich einfach in einer schattigen Nische ab, schaute Carlo an, als wollte er sagen, „keinen Schritt weiter, Alter, mir reich es endgültig.“ Eine Tankstelle war in Sichtweite zu der Carlo, Tasko einfach an einem Betonpfeiler angeleint liegen lassend, hin lief um nach einem Taxi zu fragen. Das Wort Taxi verstand der Tankwart, griff zum Telefon, wählte, sprach und schon nach einer Minute, Carlo gönnte sich gerade eine Dose Cola, stand ein Taxi bereit.

Natürlich wollte der Fahrer keinen Hund mitnehmen, und der Versuch zu erklären, dass das Tier krank sei, einen Tierarzt benötigte, verlief zwecklos. „No Perro“ war die steife Antwort des Spaniers.

Carlo bot ihm fünfzig Euro, sich und das Tier in die Stadt zu einem Tierarzt zu bringen, er verneinte. Unfassbar für Carlo, schlug er die Autotür vor des Fahrers Nase zu, sprach den Tankwart mit der gleichen Bitte an, ohne Erfolg.

„Die würden den Hund glatt hier auf der Straße verrecken lassen, mich wahrscheinlich auch.“ Er setzte sich zu seinem Hund auf die Straße wo sie eine halbe Stunde im Schatten lagen. Dann ging es weiter. Der Tankwart hatte ihm etwas von einer Stunde Fußweg erklärt, um die Kathedrale zu erreichen. „Dort muss auch eine Herberge sein, mein Freund.“

Schon nach zwanzig Minuten weiterem Weg warf Tasko sich wieder hin, ließ sich nicht mehr bedeuten, weiterzugehen. Eine Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite bot etwas Schatten und Wasser für den Hund, ein Bier für Carlo. Nach weiteren zwei Stunden Stop und Go war es dann endlich geschafft, insgesamt knappe fünf Stunden Teerstrasse, Beton, Hitze, Verkehr und Menschenüberfluss lagen hinter den beiden Pilgern, als sie völlig geschafft an der riesigen Kathedrale ankamen. Die gelben Pfeile waren nicht mehr aufzufinden, Carlo folgte nur noch den hohen Türmen der Kathedrale, von der er wusste, dass er dort weitere Wegweiser, andere Pilger oder einfach nur Hilfe finden würde.

Endlich angekommen, setzte er sich auf die Treppenstufen, Tasko lag nun völlig geschafft mit blutigen Pfoten neben ihm. Die Tränen stiegen Carlo in die Augen. Ob er aus Zorn über sich oder die Spanier, ob aus Frust oder aus Angst um seinen Hund heule, wusste er nicht. Ein Stoßgebet zu den Erzengeln mit aller Kraft seiner Stimme inmitten dieses riesigen Platzes befreite ihn etwas von seiner Frustration.  „Erzengel, schickt mir ein Zeichen, ich brauche Hilfe für mich und Tasko.“

„Carlo, wie geht’s euch? Was sagen die Zeichen?“ Sylvie, die Französin die er nach dem Intermezzo mit seinem stinkenden Tasko aus den Augen verloren hatte, stand in hellen Hosen und leichter, hellbrauner Baumwollbluse plötzlich vor ihm und strahlte ihn an. „Die Zeichen? Die Zeichen, Sylvie sagen mir, dass es an der Zeit ist, ihnen zu folgen, den Omen nachzugeben.“

Sie umarmten sich. Er erzählte ihr die Erlebnisse der vergangenen Wochen. „Du siehst wirklich müde aus und Tasko braucht auch Ruhe.“ Sie schaute Tasko mitleidig an. „Wir brauchen Hilfe, zumindest eine Herberge, Tasko ist krank, ich dreh gleich durch.“

„Die Herberge ist noch fünf Minuten Fußweg von hier, ich zeige dir wo es lang geht. Ich wohne auch dort, und sie akzeptieren auch Hunde.“

Die Zeit, die sie benötigten, mit dem halbtoten Tasko zur Herberge zu laufen, war ein Leichtes. Sie lag am Rande eines Parks, in dem er einfach campieren würde, sollte er Schwierigkeiten für Taskos Übernachtung bekommen.

„Selbstverständlich kannst du mit dem Hund hier bleiben, so lange du möchtest“, begrüßte die Herbergsmutter die beiden freundlich. „Was hat er denn?“ „Seine Pfoten sind völlig zerschunden, und er ist wohl genauso müde wie ich“

Sie streichelte über Taskos Kopf. „Schlaft erst mal eine Nacht richtig aus, morgen schaue ich mir seine Pfoten an.“

„Ich schlafe draußen, bei Tasko, auf der Isomatte.“

„Ja, das ist völlig in Ordnung. Die Duschen sind dort drüben, fühl dich wie zu Hause.“

Er suchte sich ein ruhiges Fleckchen zwischen Olivenbäumen auf grünem Rasen und breitete seine Schlafmatte aus. Tasko bekam sein Fressen, er selbst gönnte sich ein frisches Baguette mit gutem Schinken, Oliven und eine Blechtasse guten spanischen Wein.

Den allerdings trank er nicht allein, sondern mit Sylvie, die ihm schon vor Wochen den Kopf verdreht hatte. Hier trafen sich ihre Wege nun endlich wieder. Sie war ebenso wie Carlo einen ganzen Monat zurück nach Frankreich zu ihrer Familie gefahren, hatte ebenso eine Pause einlegen müssen.

Angekommen war sie am Abend zuvor, und nun zufällig inmitten dieser Großstadt auf Carlo zu treffen, grenzte schon an Zauberei.

Sie unterhielten sich bis spät in die Nacht über die verschiedenen Erlebnisse die ihnen jeweils auf dieser spirituellen Wanderung widerfahren waren.

Tasko war längst im Traum auf der Jagd nach Hasen und Rehen, seine Pfoten galoppierten, die beiden lächelten sich bei einem Glas Rotwein in der ruhigen, sternenklaren Nacht zu und Sylvie sank in seinen Arm. „Ich freue mich über diese Ruhe, die Sterne am Firmament, es ist unglaublich schön.“

Er war mehr als bereit, ihr Ruhe und Schutz zu bieten, sie schmiegte sich an ihn und es dauerte nicht lange, bis ihre Lippen sich trafen.

„Ich habe es auch endlich geschafft, mir eine Isomatte zu kaufen“ sagte Anne und packte die Matte sowie ihren Schlafsack aus. „Darf ich bei euch hier draußen schlafen?“

Sie war natürlich mehr als willkommen und während er das gemütliche Fleckchen aufbereitete, redeten sie noch lange und schliefen irgendwann Arm in Arm und ohne sich zu verführen, zusammen im grünen Gras des Parks nahe der freundlichen Herberge ein.

Sylvie in seinem Arm, Tasko an ihrer beider Seite. Die Sterne leuchteten und Sylvies erste Nacht unter klarem Sternenhimmel der Milchstraße würde nicht nur ihr unvergessen bleiben.

„Ich hab dich sehr vermisst“.

„Ich weiß“, sagte sie. „Ich dich auch.“

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