13. Im Bann der Zeichen

Der Truthahn

Die Gruppe war zusammen geblieben, genoss die alleinigen Tagesmärsche und die gemeinsamen Abende. Tage waren vergangen, Kilometer für Kilometer  spulte sich der Weg in tausenden Schritten ab, die Frage der Energien stand immer noch ungeklärt im Raum. Niemand wusste so recht, wie sich diese vermeintlichen, universellen Energien auf die Wanderung der einzelnen Pilger auswirken würden.

Taskos Pfoten waren wieder schlimmer geworden, Carlo musste dem schwarzen Gesellen eine Weile Rast gönnen, die er selbst auch nicht verschmähte, da seine Füße voller Blasen waren und sich sein Knie immer wieder entzündete. Aber auch die anderen der kleinen Gruppe genossen eine Ruhepause, nutzten die Zeit zum waschen, einkaufen, Tagebuch schreiben und für andere Dinge, die sich angehäuft hatten.

„Die Geschehnisse des Lebensweges sind oft unergründlich. So auch die des Camino de Santiago. Ich habe immer dem Herrn vertraut, die  energetischen Kraftströme konnten mir nichts anhaben, weil der Herr mich beschützt hat“, sagte der Pater in einer Kirche, in der sich die Gruppe für zwei Nächte eingenistet hatte.

„Ich dachte mir schon, dass der alte Fuchs nicht viel von sich geben wird“, sagte Carlo.

Anne und Jeson sattelten ihre Rucksäcke, marschierten mit strammen Schritten los. Jeson drehte sich gleich noch einmal um und schloss ab: „Wir werden den Zeichen folgen und sehen was geschieht, wir gehen auf jeden Fall bis nach Santiago.“

Anita, Pascal und Tufi waren schon früh morgens los gegangen, Jeson und Anne folgten jetzt und Lena verließ schon vor zwei Tagen die Gruppe, um ein wenig Vorsprung zu gewinnen. Sie alle wussten, sie würden sich wieder sehen.

Auch Carlo und Tasko marschierten schließlich los, aber erst nach einer Stunde pendelte sich Carlos Tempo ein. Er ging langsam, die verschränkten Arme vor dem Bauch ruhend, den Rucksack auf die Hüftknochen gestützt, die Schultern leicht vorgezogen. Tasko lief stockend an der Leine neben ihm. Gedanken kreisen um die Gespräche der letzten Tage, um die unerklärlichen Energiefelder, um die Gefahren des Wahnsinns, die Jeson so packend schilderte.

„Was kommt da auf mich zu? Soll ich wirklich abbrechen? Ich werde einfach sehen, was die Zeichen sagen und mich danach richten.“ Kaum war der Gedanke gedacht, fing Tasko an, schlimm auf der rechten Vorderpfote zu humpeln.

„Na prima“, sprach er seinem vierbeinigen Freund zu, „soll das bedeuten, dass wir jetzt und hier gleich umdrehen müssen? Das geht schlecht, Alter. Zeig mal her was los ist.“

Ein scharfer, breiter Dorn war zwischen den Zehen durch die Schwimmhaut gestoßen, den zu entfernen eine geschickte Kleinoperation bedeutete. Nach zehn Minuten guten Zuredens, zweimaligem Anknurren während des Lokalisierens, zudem einem verwirrten Schnappen nach Carlos Hand, während des Entfernens, war die Prozedur durchstanden. Er humpelte noch ein wenig, war aber bald schon wieder in Feld und Wald unterwegs, die Gerüche und Fährten der Gegend zu erkunden.

Mit der Wunde hatte Tasko ihn überredet, eine Pause in einem Olivenhain einzulegen, den Carlo jetzt zielstrebig ansteuerte. Er ließ den Rucksack fallen, zog Stiefel und Socken aus, legte sich auf die Isomatte und war innerhalb weniger Momente eingeschlafen.

Ein alter Traum begegnete ihm, in dem er wieder einmal mit Kundjana am Lagerfeuer saß. Kundjana ermahnte ihn erneut, das Ritual des Zeigeknochens niemals anzuwenden, wenn er sich nicht absolut sicher war, dass es auch wirklich seiner Seele helfe. Aber er sagte auch, dass es der einzige Weg aus der Qual sei, diese zu beenden.

„Der Knochen den du dir aussuchst, muss nicht von einem Menschen stammen, er muss schon gar nicht von demjenigen sein, den du mit deinem Zauber bestrafen oder dessen Magie du loswerden möchtest.“

Carlo schluckte, er hatte einmal in einem Magazin über den Pointing Bone gelesen. In Zentralaustralien gab es ein Museum mit geheimen Reliquien und Artefakten von Aborigines, die die Weißen nicht sehen durften. Wenn sie es doch taten, so hieß es, würden sie fortan mit Flüchen und Qualen leben müssen. Er glaubte diese Spukgeschichten nicht, doch einen Besuch in dem Museum schlug er dennoch aus. Dem Risiko wollten sich viele nicht aussetzen und es war oft berichtet worden, dass Jene, die sich über die Bestimmungen hinweg setzten, kein schönes Leben mehr leben konnten. Viele wurden krank, Frauen wurden unfruchtbar, Männer starben langsame Tode und anderes mehr. Sollte man das glauben oder war es nur Marketingstrategie um das Museum attraktiver zu machen? Er wusste es nicht. Aber dass er selbst einmal mit solch einem Zeigeknochen konfrontiert werden sollte, war Carlo auch nicht gerade Rechtens.

„Du kannst den Knochen aus Holz herstellen, oder einen Emuknochen, auch den eines Kängurus nehmen, es ist egal. Der angespitzte Gegenstand wird mit einem Haar oder einem Faden von dem Menschen, dem du den Zauber geben willst, an einen Behälter gebunden. Dann richtest du den Knochen imaginär auf den Gegner. Die Seele des Opfers wird aus ihm heraus und in den Behälter gezogen. Du musst sie mit einem Klumpen Wachs oder Kleber festsetzen. Nimm Federn vom Emu oder Hahn, eine Truthahnfeder ist besonders gut. Du wickelst den Behälter in die Federn und begräbst ihn in der Erde, an einem Ort, den nur du kennst. Solange du die Seele gefangen hältst, wird der Gegner krank sein und leiden. Solange wirst du frei sein. Lässt du die Seele gehen, wird alles Leiden von vorn beginnen.

Wenn du für immer Ruhe haben willst, nimmst du die Seele nach ein paar Monaten mit dem Behälter aus der Erde und verbrennst alles in einem Feuerritual. Dann stirbt dein Gegner. Erst dann wird deine Seele Ruhe finden und die Suche, das Herumirren geht zu Ende.“

 „Kundjana, weißt du eigentlich was du mir da auferlegst?“ fragte Carlo seinen schamanischen Freund.

„Ja, Jack, das weiß ich und ich erzähle dir dieses Ritual nicht, weil du es anwenden sollst, sondern weil du wissen musst, wie du deine Qual beendest. Wie du damit umgehst, ist deine Sache.“ Kundjana verschwand wieder einmal aus seinem Leben, ließ ihn allein am Feuer sitzen, allein mit der Qual, den Gedanken, der Angst und der Herausforderung, das Richtige zu tun.

Nachdem er nahezu drei Stunden an dem idyllischen Olivenhain im Gras gelegen hatte und der Traum längst von ihm gegangen war, gingen Carlo und Tasko weiter.

Sie kamen in einem Kleinstädtchen mit riesigem Kloster und einer von der europäischen Kirche getragenen Herberge an.

Man bot Carlo großzügig an, die Herberge mit allen Einrichtungen zu nutzen, „Tasko muss allerdings…“ „Draußen bleiben, ich weiß, dennoch vielen Dank für die Gastfreundlichkeit.“

„Das Abendessen wird um sieben Uhr serviert, durch die Kirche die diese Einrichtung finanziert, ist alles kostenlos. Über eine kleine Spende würden wir uns dennoch sehr freuen“, hielt der Pater seine kurze Begrüßungsansprache und wies auf die blecherne Spendenbüchse.

Pascal, Anita, Tufi, Jeson und Anne waren schon da, von Lena keine Spur. Sie redeten kurz und entschieden sich, die Hunde zusammen im Garten zu lassen, während sie sich bei dem freundlichen Pater ein Bett in Form einer auf dem Boden liegenden, frisch bezogenen Matratze gönnten, die Duschen auskosteten und es sich gut gehen lassen wollten. 

„Das wird dann die erste Nacht sein, in der Tasko allein draußen schläft“, merkte Carlo an. „Wenn die Hunde keinen Krawall machen, ist es völlig in Ordnung, dass ihr sie im Garten festbindet, gibt es allerdings Ärger, muss einer von euch herunter gehen und sie beruhigen.“

„Ist doch selbstverständlich“ gab Anita zurück. Den Nachmittag verbrachten sie gemeinsam in Ruhe, Frieden und Gemütlichkeit, saßen in der Herberge zusammen und philosophierten über Energiezentren, machen sich Sorgen über Lena und die Pfoten der Hunde, tranken gemeinsam ein Gläschen Wein mit Baguette, gutem Schinken, Käse und Oliven und ließen den Tag in Ruhe zu Ende gehen.

Es war bereits später Nachmittag, als Kathrin, eine bestechend attraktive Dänin zu der kleinen, mittlerweile recht lustigen Gruppe hinzukam.

„Hallo Kathrin“, begrüßte er die große, blonde Dreißigjährige mit den Rastalocken.

„Hallo Carlo, hallo zusammen.“ „Wir sind uns vor ner Woche oder so schon mal begegnet“, erklärte er, während sich alle gegenseitig vorstellten.

„Setz dich zu uns, Kathrin.“ Anne stand auf und rückte einen weiteren Stuhl an den alten, riesigen  Holztisch.

„Ich bin so durcheinander, komme überhaupt nicht mehr klar mit all den Erlebnissen. Wie geht es dir, Carlo, was macht dein Hund, wie war noch sein Name?“ „Tasko? Dem geht’s gut, bis auf ein paar Probleme mit seinen Pfoten, aber das wird schon wieder. Was ist denn geschehen?“

Sie setzte sich zu der kleinen Gruppe, erzählte ihre ganze Geschichte, die Vergewaltigung durch ihren ersten Freund, die Schläge durch die Eltern, die zerbrochene Beziehung mit dem Mann den sie dann endlich kennen lernte und über alles liebte. „Er war der Mann in meinem Leben. Dann hat er angefangen zu trinken, weil er mit seinem einfachen Job und meinem Erfolg nicht klar kam.“ Kathrin hatte Kunst studiert, war selbständig und eine Koryphäe in ihrem Metier.

„Mit meinen Händen kann ich alles in Form und Gestalt bringen, Gips und Ton zum Leben erwecken.“ Wie zum Beweis formte sie geistesabwesend ein kleines Käsestückchen zu einer Nonnenfigur. Sie zitterte.

Das Schicksal ihres Partners hatte sie kaputt gemacht. „Er ist an der Nadel krepiert, hat mir die Schuld gegeben, von Tag zu Tag hat er mich mehr in sein tiefes Loch hinein gezogen. Nach seinem Tod fing ich selbst an, Drogen zu nehmen, beschloss damals, ihm zu folgen. Die Selbstzerstörung dauerte bis vor drei Wochen. Da ist mein Vater zu mir gekommen und gab mir ein Ticket für den Zug nach Frankreich und dieses Buch hier.“

Sie holte ein dünnes Paperback aus dem Rucksack. Carlo kannte es nur zu gut. Er selbst hatte es gelesen und war zu seiner Wanderung aufgebrochen. „Ich habe es gelesen, bin in den Zug gestiegen, habe alles hinter mir gelassen, mein Leben in Dänemark ausradiert.“

„Alle Achtung“, meinte der Pater, der sich mittlerweile dazugesellt hatte. „Nimmst du noch immer Drogen?“ fragte er mit einem Blick der nicht allein der Sorge um Kathrin galt, sondern sich auch der Drogenreinheit seiner Herberge widmete.

„Nein, seitdem ich das Ticket bekam, habe ich nichts mehr angefasst.“ „Dann warst du noch nicht auf Heroin?“ „Pater, wenn ich auf Heroin wäre, gäbe es kein so schnelles Davonkommen.“

Der Pater bekreuzigte sich, sprach ein kurzes Stoßgebet. „Ich bin froh, dass du diesen Weg eingeschlagen hast, es zeigt Stärke und du wirst finden was du suchst. Heute Abend ist Pilgermesse, ihr seid alle herzlich willkommen. Ich möchte euch alle segnen.“

„Ich bin nicht gläubig, suche hier nicht den christlichen Weg“, gab Kathrin zu bedenken. Einige Pilger nickten zustimmend.

„Wir wollen hier niemanden bekehren, sondern euch nur den Weg segnen! Das geht auch wenn man nicht an Gott glaubt“ sagte der Pater. Überrascht blickten sich alle an. „Ich freu mich auf die Messe“, gestand Jeson.

Kathrin zupfte an Carlos T-Shirt. „Ich auch“ gaben alle anderen fast einstimmig zurück. Kathrin ging nach draußen, Carlo folge ihr. Er gab den Hunden frisches Brunnenwasser, Kathrin begann indes, in ihrem Rucksack zu suchen.

„Ohne meinen eigenen Willen, den mein Vater wieder erweckt hat, wäre ich jetzt nicht hier.“ Sie zog ein Kartenspiel hervor. „Das hat mir ein Freund vor meiner Abreise gegeben, ein Tierkartenset. Immer wenn ich nicht mehr weiter weiß, soll ich eine Karte ziehen und mich auf die Botschaft der Tiere verlassen, glaubst du an sowas?“

„Ich bin mir immer noch nicht sicher, manchmal schon und manchmal denke ich, alles Blödsinn.“ „Magst du eine Karte ziehen?“ fragte sie, während sie das Buch der Tierkarten aufschlug und darin blätterte.

Carlo erinnerte sich im Anflug einer Gänsehaut an einen Abend an der Ostsee, als Nadja ihm die exakt gleichen Karten gab.

„Zieh mal eine Karte, auch wenn du nicht daran glaubst. Ich würde gern sehen, welches Tier du ziehst.“

Er ließ sich breitschlagen, zog vorsichtig eine der ihm dargebotenen Karten.

„Truthahn“, sagte er und blickte auf die Tierkarte. „Und was soll mir dieser Truthahn sagen?“ fragte er etwas gereizt, da er zu der Zeit noch überhaupt nichts mit solchen Dingen, die für ihn pure Scharlatanerie bedeuteten, anfangen konnte.

„Lies vor, was hinten auf der Karte steht“ gab die fröhlich grinsende Nadja zur Antwort. Josephine, die Schamanin saß daneben.

„Die Tierkarten. Sehr weise, allerdings nur wenn man sie richtig anwendet und sich dann auch nach ihnen richtet“, merkte sie betont an, „was steht drauf?“

„Zusammengefasst gilt der Truthahn als indianische Medizin des Weggebens, Loslassens und sich Trennens. In unserer Kultur bedeutet der Besitz, das Eifern, mehr und mehr zu ergattern, die ganze Glückseligkeit. In vielen Naturvölkern ist es umgekehrt. Da ist niemand der Sieger oder der Bessere. Erst wenn die Bedürfnisse des ganzen Volkes oder Stammes befriedigt sind, ist der ganze Sieg erreicht. Wer also weggeben und loslassen kann, ist der Glücklichere. Wer den Truthahn zieht, muss loslassen lernen.“

Während Carlo vorlas wurde ihm mulmig zumute, er erinnerte sich an die ewigen, dringenden  Aufforderungen Nadjas, alte Dinge loszulassen.

Josephine ergänzte. „Schätze die Dinge die Du hast. Lauf nicht der Vergangenheit hinterher sondern betrachte das bisher Erreichte mit Stolz, anstatt mit Wehmut und konzentrier dich auf das, was kommt.“

Carlo schluckte. „Was war, was ist und was wird sein“. Seine Frage zu Sinn und Zweck des Lebens stand wieder einmal alles ergreifend im Raum.

„Erst wenn Du dich von einem Teil Deiner Vergangenheit emotional gelöst hast, kommen nicht nur die Freiheit deiner Gedanken, sondern auch die Konzepte in Deinen Kopf zurück und du wirst wieder offen sein für Neues.“

Josephine und Nadja waren in ihren Elementen.

„Lass die alten Strukturen von Familie, Freundeskreis und vor allem den Alkohol endlich los, dann wird sich alles Weitere von allein lösen. Neue Freunde werden kommen, neue Energien werden dich auf eine andere, bessere, höhere  Ebene bringen.“

„Du kannst ihr vertrauen, dieser Karte. Nadja hat absolut Recht mit dem was sie sagt. Ändere dein Umfeld und dein Leben wird sich ändern. Da muss man nicht in der ganzen Welt herum reisen, um nur das Eine festzustellen.“

Carlo wurde schwindelig, der Truthahn besagte genau, was seit langer Zeit in seinem Kopf herum schwebte.

Kathrin hielt die Karten immer noch vor seine Nase, „Carlo? Magst du eine ziehen, Carlo?“ fragte sie erneut.

Er wachte aus seinem Tagtraum und war wieder in der Gegenwart. „Das erste und letzte Mal als ich eine dieser Karten gezogen habe, war es der Truthahn. Das war vor einem Jahr.“

Er nahm langsam eine der Karten aus dem Blatt.

„Das ist schon eine Weile her und ich habe seit dem nicht wirklich viel in meinem Leben geändert.“

Es war der Truthahn.

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