12. Gebt oder nehmt!

Zeichen?

Auch in dieser Nacht überkam der Traum der Dunkelheit Carlos Schlaf etwas schwächer als gewohnt. „Vielleicht“, dachte er, „hat ja einerseits das Gespräch mit dem Pater und den anderen Pilgern, die nicht nur aufgrund touristischer Grundsätze unterwegs waren, andererseits die viele Nachdenkerei etwas bezweckt.“

Ob nur die gemeinsam getrunkenen Flaschen Wein vom vorherigen Abend ihre Wirkung zeigten, und er daher kaum träumte, kam ihm nicht in den Sinn. „Die nächste Nacht kommt bestimmt“, fuhr es durch seinen schweren Kopf, als morgens um halb fünf der Hahn krähte und die Nacht vorbei war. Zumindest für Tufi, die beiden Langzeitpilger, Tasko und Carlo. Gemeinsames Aufwachen und packen war nun angesagt, die letzten Sterne der Nacht wurden kurzerhand von der aufgehenden Sonne verdrängt.

Bald würde das Leben im Städtchen erwachen, die ersten zur Arbeit fahren, andere ihre Kühe zur Weide treiben, Die nächsten stiegen bald in ihre Lastwagen und qualmten davon.

Tasko saß schon ganz aufgedreht mit angespannter Leine und wartete auf sein Herrchen. Endlich fertig mit Rucksackpacken, ging es nun daran, die Wasserreserven zu füllen. Die anderen drehten sich noch einmal in ihren Schlafsäcken um, „noch so früh? Wir haben noch mindestens eine Stunde Schlaf verdient und nötig, leg dich doch auch noch mal hin, Carlo.“ „Nein danke, werde die Frische des frühen Tages nutzen“, gab er zurück. „Früh ankommen und der Mittagssonne entgehen.“ Er schnürte die Stiefel fest zu, schulterte den Rucksack und ging in Richtung Westen, der verbleibenden Dunkelheit entgegen.

„Mit der aufgehenden Sonne im Rücken macht es richtig Spaß, es ist noch taufrisch und nicht zu anstrengend, was Tasko?“ Carlo kannte das Gefühl längst von seinen Reisen, war sich bewusst, dass die beste Zeit zum Lager brechen früh morgens war. Das Laufen ging angenehm gut, Tasko tobte in den Feldern und Weiden, seinen Füßen schien es bedeutend besser zu gehen, die Wege waren prima und die Natur bezaubernd.

Gegen Mittag kamen sie an ein wunderbar ruhig gelegenes Waldstück, in welchem Carlo beschloss, eine Weile Rast einzulegen. „Der erste Tag, an dem nichts passiert ist, Kumpel“. Seine Gedanken waren frei, keinerlei Heulerei, keine Grübelei, keine Gehirnfolter war bislang erfolgt.

„Bis jetzt, und so soll es auch bleiben“, entschied er, entrollte seine Isomatte und machte es sich in der Mittagssonne unter den Fichten des Waldstückes bequem. Das durch die weit ausladenden Zweige gefilterte Sonnenlicht ließen sich beide lange auf die bloßen Bäuche scheinen, Tasko genoss die Ruhe gleichermaßen, bellte oder knurrte nicht einmal, wenn sich ein Auto über die nahen, holprigen Feldwege quälte.

In einiger Entfernung sah er die unzähligen Pilger in Scharen vorbei laufen, die, je näher ‚Santiago de Compostella’ rückte, immer zahlreicher wurden. Auch Tufi mit Familie war wieder unterwegs. „Wir werden sie heut Abend sicher wieder treffen“.

Tasko wiederum grunzte nur und drehte sich zur anderen Seite. Nach drei Stunden Siesta gingen sie weiter, näherten sich der nächsten Kleinstadt langsam und gemach. Als sie im Städtchen ankamen, waren auch hier alle Läden geschlossen, an der Außenmauer der Herberge am unteren Ende des Marktplatzes war ein Schild in Deutsch aufgehängt. Keine Betten. Er rief Tasko, der wieder einmal nicht angeleint war, weil ihm an diesem schönen Tag alles so friedlich erschien und hielt nach dem Brunnen Ausschau, der wie immer die Mitte des Ortes verkündete. Inmitten des Marktplatzes fand er das gelobte Nass aus der Zisterne, wanderte die letzten Meter darauf zu und staunte nicht schlecht, als Lena auf einer Bank saß und ihm einen freundlichen, aber sorgenvollen Blick zuwarf.

„Hallo Lena, was ist los, dir scheint es nicht gut zu gehen?“ rief er ihr zu und die Antwort kam umgehend. „Hallo Carlo, hi Tasko. Ich habe erst in der Herberge oben am Markt angefragt, aber die Alte war mir komisch, nun bin ich hier unten im letzten Bett untergekommen, irgendwie fühle ich mich aber gar nicht wohl, fehl am Platz. Ich wollte eigentlich ein paar Tage Pause machen, weil meine Beine das Streiken anfangen, aber gestern Nacht träumte ich, dass ich bis zum Ende gehen muss, bis ich meine erste Rast einlegen darf. Das war ein sicheres Zeichen“.

„Aber das ist doch kein Grund zur Unruhe, erwiderte Carlo, „deine Beine haben doch bislang gut mitgemacht und das Laufen macht dir Spaß. Was quält dich?“ „Je weiter ich wandere, desto mehr steigt meine Angst vor den Energiefeldern und  den Lay Linien.“

„Ich versteh ganz ehrlich gesagt nur Bahnhof“, entgegnete er und setzte sich zu ihr. „Auch du, gerade du, wirst bald entscheiden müssen, ob du weitergehen kannst“, sagte sie ernst. „Ich habe auch von dir geträumt. Die Energien sind immens, du hast dich von Anfang an völlig geöffnet für die Spiritualität, bist aber auch vollkommen unerfahren. Ich habe Angst um mich, weil ich die Kraft der Energien kenne und diese hier auf den ersten vierhundert Kilometern waren schon oft an der Grenze des Erträglichen“, sie schwieg einen Moment lang, es schien, um dem Gesagten tieferen Ausdruck zu geben, fügte dann hinzu: „Für dich muss es noch viel härter sein. Ich bewundere dich, dass du alles auf dich einfach so einwirken lässt. Ich hätte bereits die Nerven verloren.“

„Ich werde schon nicht durchdrehen“, sagte Carlo neuklug, bedauerte aber sofort seine Äußerung. „Du wirst dich entscheiden müssen“, waren ihre Worte bedrängend und mit ängstlicher, zugleich liebevoller Mine. „Glaubst du ich soll lieber aufhören?“ fragte er. „Du wirst entscheiden müssen, beachte die Zeichen, beachte die Omen die da kommen.“

„Zeichen?“

„Ja“, gab sie zurück, „du wirst bemerken, wann es Zeit ist abzubrechen. Ich wollte den Camino eigentlich bis zum Ende laufen, in Santiago ankommen, aber ich werde vielleicht gar nicht durchhalten.“

Sie seufzte. „Ich habe soviel geweint auf diesem Weg, habe so viele Erfahrungen, Erlebnisse, schreckliche und schöne Begegnungen mit spirituellen Wesen, Dämonen, Engeln gehabt, jetzt bekomm ich wirklich Angst, verrückt zu werden“. Sie unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen. Carlo war aufgefallen, dass sie bei der letzten Begegnung viel fröhlicher war, mehr Lebensgeist zeigte. „Nun lass mal den Kopf nicht hängen und die Einflüsse dich nicht allzu sehr belasten“, war seine gekünstelt sichere Antwort. Im Inneren allerdings wusste er bereits, dass sie Recht hatte, dass die Zeichen, die er bekam und weiterhin erhalten würde, durchaus zu beachten waren.

„Lass uns später beim Abendessen noch mal darüber reden, ich möchte erst mal gern zur Ruhe kommen, danach hole ich dich hier ab und wir gehen gemeinsam etwas essen, ok?“ „Ja gern“ erwiderte sie, wischte ihre Tränen fort und ging zur Herberge. „Ich werde mal duschen und mich frisch machen, dann wird’s bald wieder.“

Die andere Herberge, war direkt neben der alten Kirche des Örtchens angesiedelt. Niemand war im Haus, die Türen standen offen. Pascal, Anita und Tufi lagen bereits auf ihren Matten vor der Kirche unter dem Vorbau und schliefen. Die dicken, gemütlich anmutenden Matratzen unter ihnen machten Carlo neugierig und zugleich müde. Er sah sich um und entdeckte gleich nebenan einen dicken Stapel der Schaumstoffmatten.

„Ob ich mir auch eine nehmen kann?“ überlegte er laut. „Greif ruhig zu, mach es dir bequem, die Herbergsmutter hat sie extra hierher gelegt. Falls in der Herberge mal kein Platz ist, schlafen die Pilger hier unter dem Torbogen. Und mit deinem Hund bist du noch herzlicher willkommen, als ohne, sie liebt Tiere, aber in der Herberge…“

„Ja ja, ich weiß, …sind keine Hunde erlaubt. Mein Name ist Carlo, das ist Tasko, der…“ „Perro Peregrino“ erwiderte der alte Mann mit den schneeweißen Haaren. „Wir haben von euch gehört, auch von den beiden dort. Ich bin Paulus, der Pater im Ort. Herzlich willkommen, Pilger“, sagte er freundlich lächelnd. „Danke, woher sprichst du so gut deutsch?“ „Ich war lange als Wanderprediger in Europa unterwegs, und da konnte ich neben Deutsch, Holländisch und Englisch auch Italienisch, Französisch und  Griechisch erlernen. Ich bin sehr dankbar dafür.“

„Und jetzt lebst du hier?“ „Ja, die kleine Gemeinde hat mir vom ersten Tag an sehr gefallen, dass ich einfach als Pater hier geblieben bin. Heute ist Pfingstmontag, wusstest du das?“ „Nein, das hab ich völlig verpennt, dann ist’s wohl kein Wunder das alle Läden geschlossen sind“, erwiderte er mit der Einsicht, dass der gestrige Tag wohl einfacher durchstanden gewesen wäre, hätte er auf den Kalender geschaut.

„Ja das ist richtig, wir Spanier respektieren den Feiertag sehr. Ich muss weiter, besuch mich doch heut Abend im Gottesdienst“, lud ihn der Pater ein, ging in die Kirche und bereitete die Pilgermesse vor. Derweilen richtete Carlo sein Lager unter den Kirchenmauern und genoss den Rest des sonnigen Nachmittags.

Indem er keinen einzigen Gedanken dem Verdruss, der Angst, den alten Strukturen widmete, sondern einfach die frohe, freundliche Gemeinde, die pilgernden Menschen und die Sonne am Himmel in sich aufleben ließ, verbrachte er diesen Nachmittag ohne eine Träne, ohne Angst, ohne Wehmut. Die alte, freundliche Herbergsmutter verlangte kein Geld von ihnen, die sie mittlerweile zu zehnt draußen auf den Matratzen lagerten, und bot ihnen an, die einfache Einrichtung der Herberge zu nutzen.

„Nehmt was ihr braucht und gebt wenn ihr übrig habt“ waren ihre herzlichen Worte, die alle bei ihrer Bedeutung nahmen. Die Pilger bedienten sich der Einrichtungen, kochten, wuschen und schliefen, zahlten ihren Tribut in Geld, Lebensmitteln oder einfach, wie die wirklich Armen, mit dankenden Worten und guten Wünschen. Der Abend war angenehm warm, Carlo genoss die warme Dusche, fühlte sich frisch und fröhlich und beschloss, Lena abzuholen, mit ihr den Abend zu verbringen, gemeinsam zu speisen.

„Hey Carlo, das sind Jeson und Anne, er ist Brasilianer, sie Deutsche. Wollen wir nicht alle zusammen was essen gehen?“ Anne kam auf ihn zu.  „Klar“ antwortete er, mit dem Gedanken an einen fröhlichen Abend zu sechst, ohne schwerwiegende Gespräche über Sinn, Ängste und Energien des Camino. „Ich will nur Lena abholen, dann gehen wir zur Bar, treffen wir uns dort?“

„Die Bar ist für dieses kleine Städtchen recht groß, findet ihr nicht auch?“ fragte Pascal, um das Gespräch der sechs Pilger an dem rustikalen Tisch anzuspornen.

„Wir sprechen heute alle deutsch, Lena spricht keine andere Sprache. Mein Deutsch ist zwar schlecht, aber das Üben wird mir gut tun“, sagte Jeson in perfektem Hochdeutsch.

„Danke, das ist wirklich sehr lieb von euch“ Lena war um einiges fröhlicher als am Nachmittag, ihre Tränenverklärten Augen waren allerdings nicht zu übersehen.

„Das wird gemütlich.“ Carlo forderte Lena auf, ein kurzes Gebet für die kleine Gruppe internationaler Pilger zu sprechen. Das nahm sie nur zu gern an, so konnte sie sich ein wenig von ihren Sorgen ablenken. Während der vorzüglichen Mahlzeit wurde wieder einmal über den Camino, Gott, die spirituellen Kräfte und die verschiedensten Erlebnisse geredet, wobei das Gespräch vorerst recht pauschal verlief, da Jeson und Anne nicht den Anschein machten, auf spiritueller Wanderung zu sein, sondern eher den Camino als Wanderurlaub zu nutzen schienen.

Anne war jedoch diejenige, die das Stichwort gab. „Was hat es eigentlich mit den Energiefeldern auf sich? Und die Lay Linien, ist es wirklich gefährlich, weiterzugehen, wenn man spirituell und energetisch offen ist?“

„Ich fasse es nicht“, gab Carlo erstaunt von sich, „ich dachte ihr zwei seid nur einfache Touristen?“ „Jeson und ich? Nein, um Himmels Willen, wir sind auf dem Weg zu unseren inneren Werten. Wir laufen tagsüber getrennt, treffen uns nur abends, bleiben die Nächte über zusammen und reden über unsere Erfahrungen, Gedanken und Inspirationen.“

Anita und Pascal waren hellhörig geworden, Lena, die Augen weit aufgerissen, erwartete das nun folgende Gespräch. Anne fuhr fort.

„Lay Linien sind die imaginären Verbindungen zwischen den Klöstern und weiteren energetischen Punkten entlang des Camino. In den vielen Baum- und Strauchlosen Ebenen kommen sie dann gebündelt vor. Durch die Verbindung mit dem parallel verlaufenden Energiezentrum der Milchstraße sind angeblich schon viele Pilger verrückt geworden. Einfach durchgedreht, weil sie die konzentrierte Einwirkung der Energieströme nicht verkraftet haben.“

Carlo musste sofort an den schottischen Mönch John vom ersten Abend denken. Auch er hatte gesagt, nicht mehr vom Camino weg zu kommen.

„Man sagt, dass wenn du nachts bei Vollmond läufst, sich deine Beine anfühlen, als wären sie mit der Erde eins, als wärest du Teil des Bodens auf dem du läufst, du spürst sie nicht einmal mehr. Und der Kopf ist im Himmel, voll von den Sternen und der Kraft des Universums umgeben, du bewegst dich inmitten der Milchstraße, deine Füße laufen dabei auf dem Erdboden! Das allerdings geschieht nur, wenn man sich wirklich den Energien eröffnet, die Botschaften und Zeichen aufnimmt, sich mit den Omen auseinander zu setzen gewillt ist.“

„Ich hab’s dir gesagt“ gab Lena leise von sich, „es ist doch gefährlich.“ Pascal glaubte die Geschichte nicht, verabschiedete sich. „Ihr habt zu viel Wein getrunken, ihr Pilger“ meinte er, doch Anita war hellwach und beeindruckt von Annes Ausführungen.

„Was ist wenn Jeson Recht hat? Ich bin auch sehr offen für diese esoterischen Begegnungen, das weißt du, und ich habe Angst.“ Sie halte sich in Pascals Arm. „Du bleibst schön hier und hörst zu, ich krieg sonst die totale Panik.“

Die Diskussion wurde interessanter, Meinungen teilten sich. Sie beschlossen, den Pater, dessen Pilgermesse sie nun verpasst hatten, zu befragen, welche Auskunft er über die Energien geben konnte. „Er hat gesagt, den Camino schon gelaufen zu sein“ gab Anne zu bedenken, „er kennt die Verhältnisse.“

Die Gruppe zahlte, man ging gemeinsam zur Herberge und machte es sich unter dem Kirchenportal gemütlich. Auch Lena, die eigentlich früh zu Bett gehen wollte, war mitgekommen, um bei der Diskussion zugegen zu sein. Das wollte sie sich nicht entgehen lassen.   

Carlo war sich nicht sicher, ob er von Kundjana erzählen sollte, tastete sich langsam heran. „In Australien habe ich einige Zeit mit den Ureinwohnern gelebt und ein paar Geschichten über solche Wanderungen gehört und auch erlebt“, sagte er.

Alle blickten ihn an, forderten umgehend, dass er berichten möge. „Kundjana“, begann er, ist ein Freund des Stammes der Manjuwan, ein Aborigine Stamm in den Kimberley im Norden Westaustraliens…

Er konzentrierte sich auf die Begegnung mit Kundjana, redete weiter, ließ das Erlebnis vor seinem inneren Auge ablaufen…

Sie saßen am Lagerfeuer, es war schon spät und der Nachthimmel war mit unzähligen, funkelnden Sternen übersät, es war nahezu unheimlich, wie die Milchstraße leuchtete, wie sie den Verlauf des Sternenuniversums geradezu nachverfolgen konnten. Kundjana legte den Kopf in den Nacken und lehnte sich an den Felsen, in dessen Windschatten sie ihr Lager aufgeschlagen hatten. „Jack, der Weg, den du jetzt so lange verfolgst, die Pfade die du gehst, sind vorgezeichnet. Wusstest du das?“

„Nein, woher soll ich sowas wissen, Kundjana, ich habe mich nie mit solchen Gedanken beschäftigt.“

„Wir Bama haben ein uraltes, religiöses und rituelles Leben geführt, bis die Clans zerstört und die Familien zerrissen wurden. Du kennst die Geschichte, Jack. Aber bevor die Weißen kamen, beruhte alles, wirklich alles auf ritueller Basis, auf dem Grundsatz der Spirits und der Songlines, ich hab dir schon oft davon erzählt.“

„Ja das hast Du, und es hat mich vieles gelehrt.“

„Wovon ich dir erzählen will, sind Wongar und Birimbir. Wenn ein Junge geboren wird, lebt und wächst er bis zu seinen verschiedenen Initiierungen im Clan, im Schutz seiner Familie. Ab einem gewissen Alter, wenn er nahezu erwachsen ist, beginnt er, auch weil ihn die Familie abstößt, seinen eigenen Weg zu gehen. Er geht Walkabout, den eigenen Weg finden.“

„Ja ich weiß, du hast mir viel davon erzählt. Aber was hat das mit den Sternen zu tun?“

„Er erfährt die verschiedenen Initiierungen, je nachdem wann die Alten, unsere Elder, es für richtig ansehen. Sein ganzes Leben wird so von einer ständig seine spirituellen und sozialen Schritte begleitenden Indoktrinierung geleitet. Das Wesen, zu dem er sich entwickelt, ist, auch wenn es nicht so aussieht, einem strikten, vorbestimmten Weg unterworfen, dem der junge Mann nicht entfliehen kann. Birimbir ist die erste und Wongar die zweite Hälfte des spirituellen Lebens. Der soziale Lebensabschnitt ist vorgegeben. Zuerst verschiedenste Initiierungsrituale wie Zähne brechen, dann Walkabout, irgendwann Hochzeit, dann die Blutzeremonie und viele andere Rituale, durch die er während seines Erwachsenwerdens geht.

Der Wongar-Abschnitt, also das, was seine Spirit durchlebt, während er ein Mann ist, ist die direkte Abstammung von seinen Vorfahren, wir nennen es die Wongar-Zeit.“

Jetzt blickte er Carlo direkt in die Augen, das Feuer flimmerte über sein Gesicht, der Mond war eine Sichel, das Licht diffus. Carlo wurde mulmig, Kundjana, dieser alte, weise Aborigine schaffte es wieder einmal, ihm das Gruseln beizubringen. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut.

„Warum erzähle ich dir das? Dein Weg, Jack, hat dich von deiner Familie, von deinem Clan, aber schlimmer noch, von deiner Spirit gelöst. Du bist nicht auf Walkabout, denn wenn du das wärest, würden sich deine Ancestors, deine Vorfahren mit dir befassen, deinen Weg leiten. Der Milan würde dich begleiten. Erinnerst du dich? Er ist dein Totemtier. Auf Schritt und Tritt würde er dir folgen, dich leiten, aber der pfeifende Milan ist nicht bei dir, du wandelst allein. Deshalb bist du verloren in deiner Wongar-Zeit, du weißt nicht wo du hingehörst, du kannst es nicht wissen, weil deine Gefühle, deine Zugehörigkeit zu deinem Clan zerstört ist. Du hast die Rituale deiner Leute, deren Initiierung mit gemacht und bist vor den Vorgaben des sozialen Lebens geflohen, bist dein Walkabout zu früh, ohne Schutz durch die Geister deiner Ahnen angetreten.“

„Oh Mann, Kundjana, du machst mir Angst.“ Carlo fröstelte bei dem geisterhaften Anblick des Kriegers und Schamanen. „Was soll ich denn deiner Ansicht nach tun, um den Anschluss wieder zu finden?“

„Du kannst nicht viel tun, außer dem Weg zu folgen, den dir deine innere Stimme vorgibt. Und das wird schwer, denn ohne zu wissen, wo der Pfad hingeht, läufst du schnell in die falsche Richtung. Aber wenn du schlau bist, dann nimmst du Kontakt mit deinem Clan, deiner Familie auf, die werden dir den Weg weisen, ohne dass du sie danach fragen musst.“

„Du meinst, ich soll meinen Vater anrufen?“ fragte Carlo ungläubig. „Ja, darüber denkst du doch schon eine ganze Zeit lang nach.“

„Jetzt wird mir wirklich unheimlich mit dir, Kundjana. Woher weißt du das denn?“

„Ach Jack, ich bin kein Zauberer, aber du hast oft davon gesprochen, wie gern du deinem Vater davon berichten würdest, was du hier so alles erlebst. Ruf ihn an. Das geht auch ohne Telefon, weißt du?“

Carlo wusste gar nichts mehr. Er konnte sich nicht vorstellen, obwohl er genau wusste, dass die Verbindung zu seiner Familie seit längerer Zeit abgerissen war, wie er nun wieder den Kontakt etablieren sollte, ohne den Telefonhörer in die Hand zu nehmen oder einen Brief zu schreiben.

„Wir können ein Ritual machen. Gleich jetzt, wenn du willst.“ Kudjana stand auf, ging zu einem nahe stehenden Paperbark Baum und schälte ein großes Stück der Papierrinde vom Stamm. Dann ging er zur Felswand und rieb ein wenig Sandstein in seiner Hand, mischte ihn mit Wasser aus seiner Feldflasche und malte abstrakt ein Gesicht auf die Innenseite der Baumrinde. Das ist dein Vater. Sprich mit ihm, erzähle ihm, was du ihm sagen willst, nimm Kontakt mit ihm auf.

„Kundjana, du spinnst, ich rede doch nicht mit einem Stück Baumrinde.“

„Du musst es nicht jetzt machen, auch nicht morgen. Rede mit ihm, wenn du dich sicher fühlst, rede, wenn dir keiner dabei zusieht.“

Kundjana legte sich in seinen Swag, wünschte gute Nacht und schlief umgehend ein. Carlo dagegen saß noch lange am Lagerfeuer und blickte abwechselnd zu den Sternen, in die Flammen und auf das abstrakte Gesicht auf dem Stück Baumrinde. Er verstand nicht. Noch nicht.

Anne unterbrach ihn. „Was ist denn das für eine Voodoo Geschichte, Carlo? Willst du mir etwa weismachen, dass du mit dem Baumrinden-Zauberdingsda zu deinem Vater geredet und Kontakt aufgenommen hast?“

Carlo räusperte sich. Die Pilger blickten ihn ungläubig an, Lena war bleich wie ein Mehlsack, Pascal hingegen war mittlerweile zu seiner Matratze gegangen, er glaubte nichts von dem was hier geredet wurde. Die anderen warteten darauf, dass Carlo weiter erzählen würde.

„Drei, vier Wochen später, ich hatte die Rinde irgendwo in meinem Landcruiser verstaut, fiel sie mir wieder in die Hände. Ich war in Arnhemland und saß am Lagerfeuer, wollte eigentlich nur ein paar Taschenlampenbatterien auswechseln, da starrt mich dieses ockerfarbige Gesicht an. Ich bin ganzschön erschrocken, kann ich euch sagen. Naja, ich habs aus der Kiste und mit ans Feuer genommen, wollte die Rinde verbrennen.“

Anita und Anne unterbrachen ihn gleichzeitig. „Und dann?“

„Im Mondlicht reflektierte das Gesicht und irgendwie, ich weiß ihr haltet mich für beknackt, irgendwie sah ich ein lebendiges Gesicht in dem Stück Holz. Es blickte mich an, sprach mit mir. Durch die Bewegung der Flammen, durch das diffuse Mondlicht, ich weiß es nicht, aber er war plötzlich lebendig in diesem Rindenstück und sehr gegenwärtig, so als würde jemand direkt neben mir sitzen. Mir lief ein Schauer über den Rücken, ich war völlig einsam in einem natürlichen Camp, kein Mensch weit und breit, nur das Feuer, die Sterne und ich. Und mein Vater.“

„Du spinnst doch“ bluffte Jeson. „Klappe“ gaben die Frauen zurück. „Lass ihn weiter erzählen, Jeson“

„Ich sprach mit ihm, redete mit diesem Stück Rinde und… erzählte ihm von meiner Unsicherheit, von der Verlorenheit in mir und der ewigen Suche, erzählte von meinem ewigen Versuch, den richtigen Weg für mich, meinen Weg zu finden. Natürlich hat er nicht geantwortet. Er war nur einfach da.“ Carlo wischte sich eine Träne aus dem Auge, stutzte kurz, vergewisserte sich, dass sie ihn nicht auslachen würden, erzählte weiter.

„Irgendwann ging ich schlafen. Neben dem Lagerfeuer, wie immer in meinem Swag, die Rinde hatte ich noch ein ganzes Jahr bei mir. Als die langsam zerfiel, hab ich sie dann doch irgendwann verbrannt. Naja, egal.“

Wirklich? Ich hätte es sofort verbrannt, das macht mir Angst, sowas“, unterbrach ihn Anne erneut.

„Am nächsten Morgen hab ich meine Klamotten gepackt, ich hatte den Drang, möglichst schnell von da zu verschwinden, wollte grad einsteigen und losfahren, da setzt sich ein Pfeifender Milan auf einen Baum direkt über mir, schüttelt sich ein paar Mal und eine Schwanzfeder fällt von oben direkt vor meine Füße.“

„Was? Das gibt’s doch nicht. Dein Totemtier?“ Lena war aufgesprungen, noch ein wenig blasser im Gesicht.

„Ja, ich hab die Feder mitgenommen. Der Milan flog dann weg. Jedesmal, wenn ich irgendwo nicht weiter wusste, hat mich meine Milanfeder in die richtige Richtung gewiesen. Wie ein guter Freund, ein Begleiter, ein guter Ratgeber. Ich hab die Feder noch Jahrelang mit mir herum geschleppt. Hier ist sie.“ Er zog eine ramponierte Feder aus einem kleinen Lederetui und gab sie den staunenden Zuhörern.

Die Feder ging zum Begutachten durch die Runde. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, sagte er und erzählte weiter.

Als ich aus Arnhemland zurück kam und wieder in den Kimberley in Derby arbeitete, traf ich Kundjana wieder. Wir hatten uns seither nicht gesehen, nicht geschrieben oder gar telefoniert.

Er meinte nur, ich solle gut auf die Milanfeder aufpassen. „Wenn du sie verlierst, wirst du auch der Pfad zu deinen Ancestors, den Vorfahren der Väter deiner Väter und letztlich auch den Pfad zu deinem Vater verlieren.“

Sie redeten noch lange über die Geschichte Carlos und erstellten Verbindungen, begründeten vieles mit der Kraft und Energie des Universums, glaubten, verstehen zu können, wie die Ley Linien aufgrund der seit tausend Jahren den gleichen Weg gehenden Menschen ihre energetischen Kräfte entwickelt hatten, glaubten zu wissen, wie die Ancestors der Aborigine das immense Wissen der Jahrtausende alten Traditionen durch die Seelen, die Spirits überliefern konnten, glaubten zu wissen und verstanden doch so wenig.

Aber eines war sicher. Die Energie des Camino glich den Ritualen der Bama. Und beide waren gefährlich, wenn man sich in ihnen verlor.

Das Gewitter blieb in dieser Nacht aus. Carlo schlief nicht besonders ruhig, träumte von Arnhemland, Kundjana und dessen Totemtier.

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