10. Sinn und Unsinn einer Vorahnung

Tod

Kopfschmerzen, Übelkeit. Alles drehte sich, die Sonne schien, aber irgendwie umhüllte ihn Dunkelheit. Unerklärliches Grau in Grau. Er wollte aus seinem Schlafsack aufstehen, konnte sich aber kaum bewegen. Alles schmerzte. Carlo kam es vor, als wäre er komplett eingegipst.

Da war er wieder, der Gedanke an den Tod. Die Ohnmacht überfiel ihn abermals, der Geist schaltete ab. Es waren nur noch dunkelblaue Lichtspuren zu sehen, nahezu schwarz, aber nicht undurchsichtig. Dahinter war ein schwaches Leuchten. Endlosigkeit umschloss ihn, er erschrak. Er wollte rufen, sich bemerkbar machen, doch seine Stimmbänder schienen verklebt. Da war keine Vibration, kein Mucks kam über seine Lippen. Er hörte ein leises Röcheln neben sich, konnte sich dem nicht zuwenden, vermochte nicht zu erkennen, wer oder was sich neben ihm befand. Lauter wurde das Geräusch, er selbst aufgeregter. Dann ein Strampeln, Zittern, einen Moment lang nichts, dann wieder dieses Röcheln.

„Tasko?“ rief er und bemerkte, dass auch sein treuer Hund nicht bei ihm war, er antwortete nicht auf Carlos Rufen. Er wollte sich bewegen, wollte heraus, seinen Weg weiter gehen, „ich muss doch weiter gehen. Wo bin ich? Was ist das für ein Raum?“ fragte er sein Unterbewusstsein. Ihm wurde übel. Wer waren diese Stimmen, die da im Dunkeln redeten? War es nur der Wind in den Ästen? War es der Tod?

Gedanken eilten, überschlugen sich, materten sein Gehirn. Wieder dieses Röcheln. Draußen lautes Gerede, Schreie, Sirenen. Die Übelkeit nahm zu, diese Beklemmung, das Eingeengt sein machte ihn wahnsinnig, er wollte sich übergeben, aber es ging nicht. Auf dem Rücken liegend, konnte er sich nicht wenden, nicht drehen, würde ersticken wenn er jetzt die Gewalt verlor. „Hilfe“ schrie er so laut er konnte, doch seine Lippen bewegten sich nicht. Ohnmacht.

Die Bewegungslosigkeit schien schier endlos, unantastbar, allmächtig. „Ich sterbe!“ Er fühlte, wie er vor sich dahin siechte, keiner war da der ihn zu retten vermochte. Seine Arme verkrampften  sich, wollten aus diesem Gefängnis heraus, mit all ihrer geballten Kraft ausbrechen aus diesem Kokon den seine alten Strukturen, Reglements und Vorgaben, die Vorschriften der Gesellschaft um ihn gesponnen hatten.

In einem letzten Aufschrei versuchte er sich zu befreien, vergebens. Das letzte Fünkchen Licht verglomm, alles war plötzlich pechschwarz, er war nicht mehr. Ende. Ruhe. Endlose Ruhe schloss sich um ihn herum. Endlosigkeit und Stillstand der Gedanken, Kollaps der Sinne.

Doch es waren nicht sein Körper und Geist, die aufhörten, sich zu regen. Das Röcheln war verstummt, die Bewegungen neben ihm verendet, der kleine Mensch neben Carlo, seinem Schutz befohlen, nun leblos, atmete nicht mehr. Er bewegte sich nicht mehr, das Strampeln war zu Ende. Der Tod war gekommen um dieses kleine, neugeborene Kind neben dem großen kräftigen und erwachsenen Menschen zu holen. Carlos Tatenlosigkeit ließ zu, dass er ging, mitging in das Ende dessen, was gerade erst anfing. Sein junges Leben.

Tasko bellte. Carlo wachte auf, strampelte wie durchgedreht in seinem Schlafsack, versuchte die Mauern, die Spinnweben um seinen Körper wegzustoßen, wollte, musste sich lösen aus dem Nirwana. Da war nichts. Außer dem soeben zerreißenden Schlafsackreißverschluss war da nichts, was ihn einfing, ihn festhielt. Tasko bellte erneut. „Schnauze, Tasko“ rief er ihm aufgebracht zu, tatsächlich etwas erschreckt, dass der ihn nun doch hören konnte. Der gehorchte sofort, legte sich ab in „Platz“ und blickte sein Herrchen, linke Lefze oben, leicht unsicher, Gesicht schräg gestellt, an.

„Ganz langsam, alter Schwede“ sagte Carlo zuerst zu sich, dann zu Tasko „Was ist denn hier eigentlich los?“ Er öffnete die Zelttür, blickte hinaus in den frischen Tag. Draußen saß in aller Seelenruhe ein Dackelmischling und schaute Tasko und Carlo an. Daneben stand dessen Herrchen mit dampfender Pfeife im Mundwinkel und blickte so überrascht aus der Wäsche wie Carlo. Der riss sich zusammen und begrüßte den Mann Mitte Fünfzig, wünschte ihm ein „Buenos Dias“, erhielt dasselbe freundlich, aber sichtlich verunsichert zurück. Der Mann wandte sich ab, rief seinen Dackel und ging weiter und um die nächste Kirchenecke herum. Der Abschiedsgruß, ein zögerndes „Buen Camino“, erklang erst, als der Mann samt Dackel aus der Gefahrenzone heraus war.

Aufrecht im kaputten Schlafsack sitzend, ließ Carlo sich, sobald die beiden außer Sicht waren, rücklings auf die Isomatte fallen, stöhnte laut auf. „Der denkt bestimmt, ich bin auf dem Camino durch geknallt, Tasko.“ Er grinste Tasko an, der mittlerweile wieder in Sitz posierte, auf Carlos Aufstehen und den Befehl zum Gassi gehen wartend. „Schon wieder dieser irrsinnige Traum. Den hatte ich seit Langem nicht mehr. Was mag das nun wieder bedeuten?“

Tasko schnaufte, hob erneut die linke Lefze und legte sich, der Verzögerung des Gassigangs bewusst, abgewandt von Herrchen und dessen wirren Blicken, wieder in Schlafstellung. „

Was hat das alles zu bedeuten?“ fragte Carlo noch einmal laut, bevor er sich endgültig aus dem Schlafsack pellte, Hose und T-Shirt anzog und in den Tag hinaus trat.

Die Sonne schien, es war kurz vor Acht, der Rasen war nass vom nächtlichen Gewitter. Tasko erledigte sein kleines Geschäft an einer der Kirchenmauern, Carlo nahm die andere Seite. „Dieser Traum“, dachte er immer wieder, „lässt mich einfach nicht in Ruhe.“  Er kannte ihn bereits, hatte ihn schon vor Jahren geträumt. Immer war es der gleiche Ablauf, immer der gleiche Ausgang. Jedes Mal schreckte er danach hoch und war platschnass geschwitzt, völlig gestresst. „Ein verdammter Alptraum.“ Er beschloss, es heute dem Pater zu erzählen. Der würde der Erste sein, der davon erfuhr.

Nachdem der Rucksack gepackt, das Zelt zum trocknen über die Kirchmauer gehängt und der Schlafsackreißverschluss notdürftig geflickt war, ging er, von Tasko auf Schritt und Tritt begleitet, geradewegs zur Herberge, wo ihn der Pater umgehend zu einem Frühstück einlud. Die Läuterung des Traumes versah die zuhörenden Gesichter mit Erschrecken. Carlo wusste, dass es in dem Traum um Sven ging, war sich bewusst, dass er hier vor seine eigenen Grenzen gestellt wurde, erfahren sollte, dass er dem Kleinen Baby nicht geholfen hatte, als es ersticken musste. Er schilderte die Vergangenheit am Frühstückstisch mit den internationalen Pilgern, es war ein sehr intimes Gespräch, alle waren sehr bedacht, Carlo nicht zu unterbrechen, sie alle wussten, dass er eine schwere Zeit durchmachte. Schwere Zeiten, genau so wie sie alle.

„Wie furchtbar“ sagte Miki, die anderen Pilger schwiegen. „Das ist ganz normal, dass du diesen Traum träumst“ sagte Marcel freundlich, Jan nickte. „Du musst dich von den Zwängen der alten Strukturen endlich befreien lernen. Es ist nicht deine Schuld, dass der kleine Mensch gestorben ist, du konntest einerlei nichts daran ändern, du hast ja einerseits nicht wirklich neben ihm gelegen, andererseits wäre es wahrscheinlich auch passiert, der Kindstod ist grausam, aber keiner kann ihn vorhersehen, keiner kann ihn verhindern.“

„Aber ich habe schon in der Nacht davon geträumt als es geschehen ist, dass es geschehen würde“ rief Carlo verzweifelt, „ich hätte etwas dazu sagen müssen, hätte mich nicht einfach verkriechen dürfen.“

„Hast du schon mit deiner Familie über diesen Traum gesprochen?“ fragte nun Jason, ein Kanadier mit schmerzverzogener Miene, die allerdings nicht Carlo, sondern den von Blasen gepeinigten Füssen galt, an denen er unaufhörlich herum pickte.

„Nein, die würden das nicht verstehen können, für die bin ich ein Träumer und Spinner“. „Das mag stimmen, dass sie so denken“, gab der Pater zu bedenken, „aber wenn du nicht klärst, was in deinem Traum der Hintergrund dafür ist, das du ihn geträumt hast, dann wird er dich niemals loslassen.“

 „Wie meinst du das“ wollte Carlo, sichtlich verunsichert, wissen. „Vielleicht ist der Traum gar nicht auf deinen Patensohn bezogen, der zwar gestorben ist, sondern auf etwas, was vielleicht deine Familie oder jemand anderes in dir zerstört, abgetötet hat.“

Carlo schluckte. Er versuchte einen Reim darauf zu finden, warum dieser Satz solch eine Wirkung auf ihn hatte. „Wie meinst du das denn genau, Jan?“ fragte nun Marcel.

„Nun, wenn eine Familie, sicherlich ohne irgendeine Absicht, eine Kindheit zerstört hat, eine Kindheit nie richtig vorhanden war, wie bei so vielen Kriegskindern oder Kindern die in zerrütteten Verhältnissen aufwachsen, dann sucht sich eine Seele eine Entschuldigung dafür, das der Mensch nicht so sein kann, wie er eigentlich sein will. Der Tod deines Patenkindes wäre ein solcher Ansatzpunkt, das Sterben zu sehen, was du selbst nicht leben konntest. Deine eigene Kindheit.“

Carlo dachte nach, wusste nicht recht, ob dies der Wahrheit entsprechen sollte. Er bedankte und verabschiedete sich schon bald bei den Anderen, wollte hinaus an die frische Luft.

„Das also soll der Knackpunkt sein?“ befragte er die stillen Mauern des kleinen Dorfes und erschrak unter dem Quietschen einer Hoftür, die sich in der Windstille des frischen Morgens wie von Geisterhand bewegte.

Er wusste, er würde noch viele Träume träumen. Ohne Lösung, ohne Ergebnis. Aber vielleicht kam er mit den Gesprächen, mit dem Öffnen der Seele anderen gegenüber ein Stück weiter. Vielleicht wurde er ja irgendwann wieder ein normales Leben führen können. Ohne Angst, ohne Depressionen, ohne Schuldgefühle.

Der Dorfbrunnen mit Quellwasser war ideal zur Abkühlung seines Gemüts. Er wusch sein glühendes Gesicht, füllte die Wasserflaschen, ging zurück zur Kirchmauer, nahm das Zelt und packte es in den Rucksack und saß anschließend noch eine lange Weile sinnierend auf der einfachen Holzbank. War es wirklich der Fall gewesen, dass ihm die Kindheit versagt worden war? Er konnte nicht daran glauben, beschloss, sich mit diesen Dingen noch genauer zu beschäftigen, wusste aber auch, dass er seine alten Eltern weder damit konfrontieren wollte, noch konnte.

Seine Eltern, da war er sich tausendprozentig sicher, hatten alles nur Erdenkliche getan, um ihre Kinder entsprechend des Wissens und der Reglements der damaligen Zeit zu erziehen. Da gab es keine Frage. Die Fragezeichen jedoch waren woanders zu stellen und er würde sich darum kümmern müssen, wenn er aus dem Irrgarten der alten Strukturen heraus brechen wollte.

Bestand ein Zusammenhang zwischen seinen Ängsten und dem von Jan angedeuteten Persönlichkeitsmanko? War es seine einsame Kindheit die ihn selbst heute noch zum Alleingänger machte? Und bestand gar eine Seelenverbindung zwischen dem verstorbenen Sven und ihm, Carlo? War es am Ende nur ein Traum, ein einfacher Traum? „Nein, da ist mehr dahinter“ sagte er sich und sattelte den Rucksack.

Tasko war unruhig, auf dass sie endlich losmarschierten. Der Himmel zog sich langsam zu, aber erfahrungsgemäß würde es erst am Abend wieder gewittern. Schon nach einigen Metern folgte Tasko einer Weggabelung hinab, trottete seinen lässigen Gang, den er immer morgens anwandte, der gepflasterten Straße entlang in Richtung der Weinberge und der in der Ferne schemenhaft zu erkennenden Ortschaften. Carlo war durcheinander, noch mit den Begebenheiten des Morgens und der Nacht beschäftigt, pfiff seinen Begleiter missmutig zurück.

„Tasko, hier lang, was soll das denn?“ rief er ihm nach. Sein treuer Begleiter kam zurück, hob die Lefze, schaute ihn schräg von unten an. Herrchen marschierte unverdrossen aber innerlich unsicher und nach Pfeilen suchend, weiter entlang der Hauptstraße die schon bald in einen Schotterweg mündete, der dann später, nach einigen Kilometern ohne Warnung im Feld endete. Das Dorf lag bereits weit hinter den beiden, Carlo suchte weiterhin verzweifelt die gewohnten, den Santiago Pilger überall begleitenden, gelben Pfeile. Er warf den Rucksack ab, setzte sich wütend ins Gras. „Das gibt’s doch gar nicht. Der Pfeil ist einfach nicht mehr zu finden. Also zurück“, sprach er zu Tasko, „wir sind heute morgen scheinbar die Einzigen auf dem Weg. Oder ich hab mich verlaufen.“

Zurück im Ort sah er das Malheur, bekam die Bestätigung, dass er schon in der Mitte des Ortes nach links hätte laufen müssen. „Der Pfeil war wirklich schlecht zu sehen“ war seine Entschuldigung an Tasko, der am Morgen wie auch schon in anderen Orten und Städten instinktiv dem richtigen Weg gefolgt war. „Deinen Instinkt möchte ich haben, Kumpel, wie machst du das? Siehst du die gelben Pfeile oder läufst du einfach deiner Nase nach den richtigen Weg?“

Tasko erzählte es ihm nicht, schaute ihn wieder einmal in gewohntem Blick an, zog natürlich die Lefze hoch und trollte sich der Schotterstraße entlang, die er vor Stunden schon anfing zu erkunden. Seine Muschel am Halsband funkelte verheißungsvoll in der Sonne. „Vielleicht sollte ich mich auch viel öfter auf meinen Instinkt verlassen, was Kumpel?“ rief er dem Streuner nach und begab sich erneut auf die Wanderung.

Es ging wieder über endlose kleine Pfade durch Wälder, Olivenhaine und Weinberge und ab und an entlang einer wenig befahrenen Landstraße. Nach der Überquerung eines Bergpasses legten sie eine Siesta ein. Der Traum ließ ihn nicht in Ruhe, begegnete ihm sobald er den Rucksack ablegte, sich zur Rast an einen Felsen lehnte. Dieser Hinweis am Morgen, als er falsch gelaufen war, genau wie letztens noch und wie schon so oft zuvor. Was war dran an seinen Fehlschritten, die Tasko immer instinktiv umging?

Was war es, das den Hund, immer wenn Carlo unachtsam war, den richtigen Pfad finden ließ? Warum gingen alle, während er sich auf seinen eigenen Weg konzentrierte, eine andere Richtung? Instinktiv? War dort mehr zu erfahren? War nicht die Interpretation des Paters, sondern das wirkliche Versagen in der eigenen Gestalt der richtige Schlüssel? War es nicht fehlende oder entzogene Elternliebe, sondern eher die Konfrontation mit der Realität? War es die Tatsache dass er weder Schuld trug noch helfen konnte, die ihn aber dennoch falsche Schlüsse ziehen ließ?

War er frei und auferlegte sich nur diese Lasten, die seine Lebensumstände so mies und die vielen Brücken so unüberwindbar erscheinen ließen? Suchte er nur Entschuldigungen für sein eigenes, permanentes Versagen? Er erinnerte sich an Josephines Worte, damals an der Ostsee, als er sie um ihre Erfahrungen zur Intuition gebeten hatte: „Im Inneren steckt die Wahrheit, der Instinkt folgt der richtigen Richtung und das Herz findet den rechten Entschluss. Dem Verstand folgen bedeutet einfach nur, alten, fest gemauerten und seit Generationen fest zementierten Strukturen hinterherzulaufen. Wichtig ist, auf deine innere Stimme zu hören, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn er noch so steinig ist. Alle Menschen, die irgendeine Vision, einen großen Plan hatten, all diejenigen, die eine große Erfindung gemacht haben, sind oft und immer wieder verpönt und belacht worden, und nur die, die wirklich ihren Weg eisern gegangen sind, an ihm fest gehalten haben, sich nicht vom eingeschlagenen Pfade abbringen ließen, haben das Ziel erreicht.“

Er wusste nicht mehr weiter, würde jetzt so gern Rat einholen zu den vielen wirren Gedanken; sich mit jemandem unterhalten, die Probleme ausbreiten, die Fragen stellen, die ihn malträtierten. Wer war er und warum war alles, was er anging, dem Scheitern gewidmet? Eine Antwort konnte er nicht finden. Noch nicht.

Nach dem morgendlichen Aufbruch kam nach elf Kilometern die erste Ortschaft. Er suchte eine Bank auf, um Geld abzuheben. Der Bankangestellte in Schlips und Kragen begrüßte ihn skeptisch und wies ihm den Weg zum Geldautomaten. „Das ist alles so einfach heute mit dem Euro und den Plastikkarten“ bedankte er sich freundlich in Englisch und erhielt ein amüsant klingendes „Buen Camino, Sir.“ Draußen wartete Tasko an einer Parkbank angeleint, den Rucksack bewachend. „Noch Hundefutter und Proviant für den Abend einkaufen, dann gibt’s lecker Futter für ‚Perro’ und ‚Cafe con Leche’ und Schinkenbaguette für ‚Peregrino’“, begrüßte er seinen wartenden Freund.

Die Menschen auf dem Stadtmarkt blickten die beiden Gestalten verwundert an. Hier sprach man nicht mit einem Hund. „Musst verstehen, Tasko, das die alle etwas komisch dreinschauen.“ Tasko blickte ihn mit leicht gekipptem Kopf an. Als habe er verstanden, schüttelte er sich, legte den Kopf quer, zog erneut die linke Lefze hoch und erwartete geduldig, an einen Laternenmasten angeleint, sein Futter, während Carlo auf die kleine Bar neben der Kirche zuging. Einige Pilger, man erkannte sie überall an den großen Jakobsmuscheln auf ihren Rucksäcken, saßen draußen auf Plastikstühlen. Carlo gesellte sich dazu, stellte sich und Tasko vor und fand sich prompt in einer multikulturellen, freundlichen Umgebung wieder.

Marc, ein Franzose, war schon seit neun Monaten auf dem Weg, hatte ganz Frankreich durchwandert, wollte weiter bis nach ‚Finisterre’, ans „Ende der Welt“, nachdem er in ‚Santiago de Compostella’ das Zertifikat des Camino erhalten würde. Auch Gina, eine Irin war seit sechs Monaten auf Reisen, ihr blieben nur noch acht Tage, bis sie mit dem Zug zurück zu Heim, Mann und Arbeit fahren würde. Johann, ein Österreicher lief seit drei Wochen und könne sich schon gar nichts anderes mehr vorstellen, als den Camino für den Rest seines Lebens auf und ab zu laufen. Er revidierte aber umgehend, dass er ja eigentlich noch gar nicht angekommen sei und somit die Euphorie vielleicht doch noch in den Anfängen stecke. Jim, der Australier fuhr zusammen mit Freundin Carol auf Fahrrädern. Eine gebrochene Radnabe war Grund für eine mehrtägige Unterbrechung, ein passendes Ersatzteil war einfach nicht aufzutreiben.

Dann war da noch Sylvie, eine weitere Französin. Vor drei Jahren sei sie von Nordfrankreich aus quer durchs Land gelaufen, dann in den Pyrenäen in einer Kommune gestrandet, wo sie bis vor drei Monaten gearbeitet habe, berichtete sie in gutem Englisch. Nun wieder unterwegs, wolle sie endlich den Weg beenden, den Camino vervollständigen. Eine tiefe Verbindung fiel Carlo gleich zu Anbeginn der Konversation auf, er fühlte sich sehr zu der attraktiven, schlanken, dunkelhaarigen Französin hingezogen. Seinem festen, erkundenden Blick standhaltend, schien auch sie Interesse an Carlo zu haben. Er wollte es sich nicht eingestehen, doch sie erinnerte ihn sehr an Gail in ihrer Art, dem hübschen Gesicht und einigen weiteren Facetten, die ihm nicht entgehen sollten.

Die Gruppe unterhielt sich lange bei Cappuccino, Rotwein und Käse-Schinken-Baguette über die verschiedensten Erlebnisse der Pilger, Sportler und Touristen, dann brachen sie auf in die verschiedenen Richtungen um die noch nötigen Erledigungen zu tätigen, den Weg weiter zu laufen oder auch im Städtchen zu verweilen.

Carlo fragte Sylvie, ob sie ein Stück zusammen laufen mochte, er sei nun eine ganze Zeit lang allein unterwegs und würde gern wieder mit jemandem reden, Erfahrungen austauschen und andere Menschen kennen lernen. Sie willigte lächelnd ein, war wohl selbst erfreut, eine Zeitlang abschalten zu können. Beide freuten sie sich auf guten Smalltalk.

Bevor sie gemeinsam losgingen, suchte Carlo noch einen Metzger auf, der Tasko mit einem ganzen Eimer voller Steaks und Knochen beschenkte, die dann allerdings Carlo schleppen musste. Sylvie lief, nicht zuletzt aufgrund ihrer endlos langen Beine, schnellen Schrittes, war etwas größer als Carlo, superschlank und topfit. Ohne die geringste Chance, ihr mit seinem Mordsgepäck nachzukommen, beging er erneut den Fehler und versuchte mitzuhalten. Schon nach einigen Kilometern erhielt er die Rechnung, das rechte Knie war dick geschwollen, die Schmerzen schier unerträglich.

Sie schien betrübt, dass ihr gemeinsamer Weg hier schon enden sollte, wollte aber weiter und möglichst bald in der nächsten Stadt ankommen, um noch ein Bett in einer Herberge zu erhaschen.

„Das Problem hast du mit Tasko ja nicht“, sagte sie zum Abschied mit leichtem Bedauern in der Stimme. „Dafür habe ich das Problem, jetzt wieder ohne Dich zu sein, und dazu auch noch mit einem dicken Knie.“

„Das wird schon wieder“ konterte sie und ergänzte „wenn ich mich nur endlich dazu entscheiden könnte, eine Isomatte und einen Zelt zu kaufen, ich würde so gern einmal in einer Sternenklaren Nacht draußen schlafen. Aber das zusätzliche Gewicht ließ mich bislang darauf verzichten.“

Carlo konnte nicht glauben. „Du bist noch nie mit den Sternen eins gewesen“?  fragte er gespielt entrüstet, als sie ihren Rucksack schulterte. „Nein, aber ich möchte es so gern einmal erleben. Ich habe schon oft die Sterne gesehen aber eben noch nie so wie man sie sehen kann, wenn man wirklich in der Wildnis übernachtet, ohne zusätzliches Licht und so, du weißt schon. Vielleicht nimmst du mich ja mal mit?“ Kokett lächelte sie ihn an.

Er ärgerte sich über sein dickes Knie, verwünschte innerlich den schweren Rucksack, riss sich aber zusammen. Dann zog er sie in seinen Arm und küsste leicht, schon fast zu zärtlich, ihre Wange.

„Ich verspreche es Dir, bis vielleicht heute Abend?“ Sylvie nannte ihm die Herberge, die sie für diese Nacht anvisierte, wünschte ihm gute Besserung und versprach, ihn wieder zu treffen.

„Sicher, würde mich sehr freuen, dich wieder zu sehen, dir die Sterne zu zeigen. Aber mit dir Laufen ist wirklich zu stressig, du bist einfach zu schnell.“ Sie lachten beide. Erneut küssten sie französisch ihre Wangen, Sylvies erneute Umarmung allerdings war innig und ließ sein Herz höher schlagen.

„Bis bald“ waren ihre warmen Worte zum Abschied, dann ging sie schnellen Schrittes den gelben Pfeilen nach in Richtung Westen.

Carlo saß auf der Holzbank und wartete. „Wenn sie sich jetzt nur noch mal umdreht und zurückschaut, Was meinst du?“ Tasko lag längst mit geschlossenen Augen unter der Bank und war am träumen. Nach einigen Metern drehte sich Sylvie um und winkte den beiden zu. Ihm wurde warm ums Herz, er grüßte zurück und wusste, dass sie sich wieder sehen würden. Er musste sie wieder sehen.

Während der Siesta in dem schönen Steingarten der Klosterschule vermeinte Carlo eine unglaubliche Intensität in den Pflanzen wahrnehmen zu können. Von den farbenfrohen Büschen und Sträuchern ging ein Leuchten aus, das ihn verwirrte. Obwohl die Sonne nur verhalten schien, war ihm, als strahlten die Blüten in einem besonderen Gemisch aus Farbton und Leben. Er wusste es sich nicht zu erklären und konzentrierte sich auf sein Knie, das mit einer großen Intensität darauf hinwies, wie dumm er am Morgen gewesen war.

Nach einer Weile gesellte sich eine der Nonnen zu ihm und fragte ihn in seiner Sprache nach dem Wohlbefinden. Nachdem sie sein Knie inspiziert hatte, ging sie zurück ins Schulgebäude, um Tasko Wasser und Carlo eine lindernde Salbe für das recht dick geschwollene Knie zu holen. Dann bot sie ihm freundlich aber bestimmt an, ein paar Stunden hier im Garten oder, wenn es kühl wurde, im Kloster zu ruhen. Er nahm gern an und, während sie sich lange über den Ort und diesen wundervollen Garten unterhielten, merkte bereits wie das Knie Besserung zeigte. Auch war ihm aufgefallen, dass der Garten an Intensität noch zuzunehmen schien, als die Ordensschwester sich zu ihm gesellte. Er sprach die Nonne darauf an, vorsichtig, denn er wollte sich nicht lächerlich darstellen, sie nicht konfrontieren.

„Wir Schwestern geben den Pflanzen unsere persönliche Aufmerksamkeit, reden viel mit ihnen und beschäftigen uns intensiv mit dem Wachstum der Wesen in diesem lebendigen Garten“.

„Der Wesen? Lebewesen?“ wunderte sich Carlo und bekam als Antwort: „Sicher, die Pflanzen sind doch auch, genau wie wir und die Tiere, Lebewesen. Durch Zuneigung und Liebe, Zuwendung und Anerkennung geben wir ihnen die größtmögliche Energie und somit wird das Wachstum gefördert. Das kommt der Erziehung eines Kindes gleich. Je mehr sich die Eltern um das Wohl des Kindes bemühen, nicht nur im Bezug auf Schule und Ausbildung, sondern in Anbetracht der Zuwendung, Gespräche, Vorlesungen und Wissensaustausch, wahre Liebe geben und Nähe zeigen, desto mehr und besser entwickeln sich unsere Kinder. War ihnen das nicht bekannt, lieber Carlo?“

„Doch, irgendwie schon, aber ich habe es noch nie in Bezug auf Pflanzen so intensiv sehen, wahrnehmen können. Man sagt, der Mensch solle mit Pflanzen reden, dann gedeihen sie besser, aber so etwas wie hier ist mir noch nie begegnet.“

„Die Kräfte des Herrn sind unermesslich, Carlo. Das Wissen um die Liebe Gottes ist in uns allen vorhanden, wir müssen nur den Weg zu ihm finden um den Pfad zu uns selbst zu erkennen“. Sie blickte ihn mit einer tiefen Liebe direkt in die Augen. „Der Camino birgt so viele Informationen, zu Gott zu finden. Ich wünsche ihnen einen liebevollen Weg, auf das sie finden, was sich ihnen bislang verwehrte. Egal ob der Glaube an Gott sie begleitet oder ihr eigener Glaube sie leitet. Gott ist in Allem und sein Name steht für alle Dinge“.

Sie stand auf und verabschiedete sich. Carlo blieb noch einige Zeit auf der Parkbank sitzen, dachte über die Worte nach. Dann schulterte er abermals seinen Rucksack und begab sich wieder auf den langen Weg, weiter in Richtung Westen.

Am frühen Abend kamen sie ohne Zwischenfälle in einer weiteren Herberge an. Die Schwellung im Knie war aufgrund der guten Creme konstant geblieben. Eine Pause versprach weitere Linderung und so blieb die Herberge, nicht zuletzt zwecks der langersehnten Dusche, ein plausibler Grund, ausnahmsweise in einer größeren Stadt zu übernachten.

Ein bedrohlich wirkendes Kloster lag inmitten der schönen Altstadt, integriert in die Ruinen einer alten Festung, umgeben von Steingärten, die allerdings außer ein paar alten Bäumen nichts wirklich Romantisches hergaben. Hunde waren wie gewohnt nicht erlaubt. „Im Stadtgarten kannst ihr euch bis zehn Uhr abends aufhalten, dann gehst du rüber in die alte Klosterruine und schläfst unter einem der alten Torbögen“, war die Auskunft der unfreundlichen Herbergsbetreuung.

Nach zweiunddreißig Kilometern, bei achtunddreißig Grad im Schatten, hatte er mittlerweile eine für jedermann erkennbare ‚Aura’ um sich. Er dachte an die Nonne und den schönen Garten des Klosters. Allein die Dusche kostete ihn vier Euro, doch ohne eine ordentliche Körperwäsche ging heute nichts mehr. Er zahlte missmutig, empfing Instruktionen, wo die Badekammer sei, wie er in den Steingarten gelange und wo er den besten Platz zum Schlafen finde.

Im Stadtgarten traf er auf weitere Pilger, die, in mehreren Gruppen versammelt, auf dem kargen Rasen ruhten. Nachdem Tasko und der Rucksack an einem Baum angeleint waren, ging er duschen. Der Moment des Stiefelausziehens entpuppte sich als Herausforderung, die ihn reichlich Geschick kostete. In den Mengen der Pilger, männlich wie weiblich, erhaschte er einen Moment in dem sich keiner in der unmittelbaren Nähe befand. Im Vorraum schälte er sich aus den durchschwitzten Schuhen, zog die stinkigen Socken aus und verschwand schnell in der Badekammer, wo er umgehend feststellte, dass sich alle Gedanken um Reinheit als sinnlos erwiesen.

Zig Stiefel und Schuhe in den Regalen, unzählige, ungewaschene Socken über der kalten Heizung und aufgereiht auf der durchhängenden Kunststoffleine verwandelten das Badezimmer in ein Käsedampfbad ohne Gleichen. Fondue, dachte er und erinnerte sich daran, noch nicht wirklich etwas gegessen zu haben.

Bei kaltem, kaum fließendem Wasser, einer dreckigen Duschkabine und filzig braunem, ehemals weißem Flanellteppich im Gemeinschaftsbadezimmer empfand er das Preisleistungsverhältnis als totalen Wucher, begnügte sich aber mit dem Gedanken, morgen wieder in der Natur zu nächtigen. Nach der dennoch erfrischenden Kaltwasserwäsche aß er gegen halb neun auf dem Grasboden des Parks zu Abend. Die frischen Oliven mit feinem Schinken und Käse, einem guten Rotwein aus der Region und einem, beim Aufstieg zum Kloster noch frisch vom Bäcker erstandenen Baguette entschädigten für die Strapazen des Tages.

Dann erst gönnte auch er sich ein Nickerchen unter dem riesigen Kastanienbaum. Tasko schlief längst, zwinkerte ab und an mit dem immer halboffenen Auge, wenn sich einer der mittlerweile dreißig ruhenden Pilger in dem Steingarten bewegte.

Auf Isomatten im Schatten eines großen Eichenbaumes lagen zwei Pilger in Begleitung eines riesigen Hundes. „Pascal und Anita, das ist Tufi“ stellte Anita die drei in Deutsch vor, als sich die Pilger, welche die Logis für die Nacht nicht bezahlen wollten oder es einfach nicht konnten, in der Klosterruine im Steingarten wieder trafen. Der Stadtgarten mit seinen herrlichen Bäumen und schattigen Rasenflächen wäre ideal zur Übernachtung im Freien gewesen, doch wie von der Herbergsbetreuung angekündigt wurde dieser um zweiundzwanzig Uhr geschlossen, den Pilgern blieb das Bett auf Schotterstein.

„Hallo, ich bin Carlo, das ist Tasko.“ „Ja, wir haben schon von euch gehört, mein Mann ist Franzose, ich bin aus Dresden. Wir sind mit Tufi seit zwei Jahren zu Fuß durch ganz Europa unterwegs.“ „Wir gehen immer für zwei oder drei Tage, dann machen wir einen Tag Pause“ beteiligte Pascal sich in Englisch am Gespräch und zeigte Carlo Tufis Tatzen zur Bestätigung. „Die sind so superempfindlich, da kann man immer nur ein gewisses Stück laufen und muss dann wieder Rast einlegen. Das ist aber gut so, denn so haben wir einen viel intensiveren Kontakt zu den Menschen. Schönere Begegnungen einfach, als wenn man immer nur weiter eilt, wie die meisten der Pilger, von denen viele doch nur billigen Urlaub haben wollen.“

 „Und wo schlaft ihr?“ war Carlos erste Frage, denn das Problem hatte er bislang bei jeder Übernachtung. „Seit wir unterwegs sind, haben wir nur eine einzige Nacht in richtigen Betten geschlafen, ansonsten campieren wir unter freiem Sternenhimmel oder nutzen Brücken und Torbögen gegen den Regen. Manchmal ergibt sich auch ein Bauernhof. Dort schlafen wir meistens im Stroh“. Pascal lachte. „Was sich eben gerade anbietet, dem Wetter entsprechend“, grinste Anita breit. „Und wenn der Sommer zu Ende geht, suchen wir uns Arbeit für den Winter, sind beide im Gastgewerbe tätig, ich bin Hotelfachfrau und Pascal arbeitet einfach als Bedienung oder Tellerwäscher. Dann haben wir richtige Betten, ein Zimmer und so, aber während des Restjahres wandern wir durch Europa.“

„Wir haben in Frankreich angefangen, sind kreuz und quer durch Italien gelaufen. Jetzt laufen wir den Camino de Santiago, aber es ist uns zu touristisch, vielleicht brechen wir ab und gehen ihn später zu Ende. Ende des Jahres wollen wir bei Gibraltar das Meer überqueren“, ergänzte Pascal.

„Und dann?“ kam Carlos neugierige Frage, nicht ohne ein Bild von Tom in sich aufblitzen zu sehen. Was war, was ist und was wird sein.  

„Dann suchen wir uns Arbeit, anschließend einen neuen Weg. Wir lieben das Leben so wie es ist“, entgegnete Anita. „Wir sind frei“, sagten beide fast gleichzeitig. Carlo konnte eine enorm positive Energie zwischen den beiden fließen sehen, spürte förmlich wie die beiden sich ergänzten. Es war spät geworden. Sie beschlossen später weiter zu reden, wollten vorerst ihre Schlafstätten einrichten. Carlo suchte sich ein möglichst gemütliches Plätzchen unter einem Baum auf dem im gesamten Bereich mit grobem Schotter ausgelegten, ehemaligen Klosterboden.

„Das Dach ist schon vor hundert Jahren eingestürzt, dann hat man hier einfach die Löcher im Boden zugeschüttet. Jetzt steht diese Ruine hier und keiner nutzt sie, keiner baut sie wieder auf, keiner weiß was draus wird.“ Ein etwa sechzehnjähriger Junge war zu ihm gestoßen, sprach auf ihn zu, während Carlo beim Herrichten seiner Schlafstätte war. Er setzte sich zu Carlo auf den Steinboden, sein Englisch war einfach, aber gut verständlich.

„Ich erzähle dir gern von meiner Stadt“, sagte er ohne die Antwort abzuwarten. „Mein Name ist Pietro. Besonders stolz bin ich, dass so viele Menschen wie du und die anderen da drüben, kommen, und unsere Stadt mit ihrem Pilgerweg ehren“. Er wies mit einer weiten Geste auf die vielen Pilger, die sich ihre Schlafstätten auf dem Steinboden herrichteten. „Das geht runter wie Öl“, dachte Carl.

„Besonders schön finde ich, dass ihr eure Hunde mitnehmt. Das würde in Spanien keiner machen, Spanier mögen ihre Hunde nicht, die haben sie nur zur Hofbewachung. Ich mag Hunde. Wie heißt der da?“

Er zeigte auf Tasko, der in einer Ecke der Ruinenmauern unweit von seines Herrchens Lager gemütlich eingerollt, längst am schlafen war. Ohne Traum, erschöpft, mit zerschundenen Pfoten.

„Tasko, le Perro Pelegrino“ gab Carlo breit grinsend zurück. Pietro lachte. „Ich bin Carlo.“ Er musste mit lachen und so zogen die beiden die Neugier einiger Jugendlicher auf sich, die rauchend und Bier trinkend bei anderen Pilgern standen, sich unterhielten. Einige kamen herüber gelaufen, wollten von Pietro wissen, was so komisch war.

„Tasko! Le Perro Pelegrino“ lachte der und wies auf den unschuldig schlafenden Hund, dessen Muschel am Halsband im Mondlicht funkelte.

„Es gibt viele schöne Plätze und alte Bauwerke hier. Ich kann sie dir zeigen, wenn du morgen noch in der Stadt bist“ bot sich der Schüler an, der ein Che Guevara-Shirt trug. „Bist du ein Freund von ihm?“ Carlo zeigte auf den abgedruckten Mann. „Ja, er ist unser großes Vorbild. Ich werde den Kommunismus wählen, wenn ich alt genug bin. Die Regierung macht alles kaputt, sie muss gestürzt werden.“ Sein vorheriges, fröhliches Gesicht wurde plötzlich ernst und verbissen. Carlo mochte sich mit dem jungen Nationalhelden nicht so recht auf politische Gespräche einlassen, schwenkte kurzerhand auf die Stadtgeschichte um, über die der Junge stolz und mit nun wieder leuchtenden Augen berichtete.

„Die Aufgeschlossenheit dieser jungen Menschen ist bewundernswert“, begann er das Gespräch, als er sich später, nachdem der Junge gegangen war, noch auf ein Glas Wein zu Anita, Pascal und Tufi setzte: „In Deutschland ist so etwas gar nicht mehr möglich. Menschen wie wir, ob Pilger oder nicht, die draußen auf Schotter, Stein oder in Feld, Wald und Wiese schlafen, im Freien nächtigen und vielleicht sogar noch an Türen klopfen um etwas zu essen zu bekommen, werden als Penner, Säufer und Gossenbrüder abgetan“, betrauerte Anita erregt. Sie unterhielten sich noch eine Zeitlang, zwei portugiesische Pilger gesellten sich hinzu, danach brach der Kreis und alle legten sich schlafen. Am Morgen war schließlich wieder Wandertag am Camino de Santiago.

Carlo ließ sich in den Schlafsack fallen, schloss die Augen aber noch längst nicht. „Der Gossenbruder“, durchfuhr ihn und seine Gedärme verkrampften sich über das schlimmste Schimpfwort seines Lebens. „Wenn ich nicht wäre, wärest du schon lange in der Gosse verreckt“, waren einst die erniedrigenden Worte seines älteren Bruders Franz gewesen. Beide hatten ziemlich ausgiebig in der Dorfkneipe gezecht und waren mehr zufällig aneinander geraten, obwohl sie sich bei solchen Gelegenheiten eigentlich zu meiden suchten. Solche Wertediskussionen waren nie weit entfernt, wenn gefeiert wurde und insbesondere in seiner Familie kannte Carlo dies ja nicht erst aus den Weihnachtsnächten. Es endete meist in fürchterlichen Streitereien, wie im Koma des Neffen Carstens oder auch an diesem Abend mit einem blauen Auge in der kleinen Kneipe.

Schon immer war Carlo das Sensibelchen in seiner Familie. „Carlo ist ein Indigo Kind’“, bemerkte einst eine der Patentanten. „Was ist das denn?“, fragte dessen Mutter ungerührt. Sie wollte von solchem neumodernen Getue nichts wissen, lebte in ihrer  kleinen, gutmütigen Welt. „Kinder, die im neuen Jahrtausend ihre Gänze entfalten, sehr sensibel sind und sehr interessante Menschen hervorbringen. Weiß auch nicht genau, aber irgendwie ist er ja schon was besonderes, unser Carlo, nicht?“

Es fanden sich nie irgendwelche direkten Schlüsse auf eine Indigopersönlichkeit und so vergaß er schon bald die Anmerkung der Tante. Bis zu diesem Abend. Er mochte ein Sensibler Mensch sein, ein Indigo Kind vielleicht, ein sonderbarer Mensch, aber Abschaum in der Gosse war er nicht. Bei Weitem nicht. Denn die Erfahrungen und Erlebnisse, die Werte, die er in all den Jahren seiner Reisen, der Suche und der Unentschiedenheit zu sich selbst sammeln konnte, waren bei vielen Menschen dieser Welt hoch angesehen. Vielleicht sogar gleichwertig, wie ein Haus gebaut, einen Sohn gezeugt und einen Baum gepflanzt zu haben. Das wusste er und er redete darüber mit sich selbst in der Stille der Sternennacht.

„Das Sprichwort allein sorgt doch für die alteingesessene Struktur derer, die es aussprechen. Einen Sohn zeugen. Als ob die Damen dieser Schöpfung nicht erwähnenswert sind. Nein, mit solchen Aussagen, mit solchen Richtlinien kann und will ich mich nicht mehr identifizieren. Nie mehr.“

Noch lange starrte er ins Himmelszelt und genoss den wundervollen Milchstraßenhimmel mit unzähligen Sternen, Sternbildern und Sternschnuppen bis in die frühen Morgenstunden. „Ein Sternenhimmel, wie ihn nur die Gossenbrüder vom Camino de Santiago wirklich erleben dürfen“, sprach er leise mit tränenunterdrückter Stimme zu Tasko, der heran gekrochen gekommen war und nun halb mit auf dem Schlafsack lag, die Schnauze auf Carlos Beinen, in sich zusammengerollt, ein Auge halb offen.

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