1. Das Buch

Los geht’s

Der Entschluss war schnell gefasst, es blieb ihm ja nun nichts anderes übrig, als zu gehen. Doch wohin? Die zwei Sporttaschen schnell gepackt und ins Auto getragen, nur das Hundefutter noch aus dem Keller holen, dann kurz kontrollieren ob alles dabei, die Schlüssel ablegen und gehen.

Tasko freute sich wie immer auf eine Autofahrt. Ihm konnte es egal sein, wohin es diesmal ging, und der Flug nach Perth in Westaustralien, den Carlo vor ein paar Tagen erst aufgrund des letzten, geplatzten Jobs gebucht hatte, ging erst Ende Juni. Da blieb noch ein wenig Zeit. Wo aber bleiben, für diese?

Seit einigen Monaten waren Tasko und Carlo schon ohne feste Bleibe, die Wohnung im schönen mitteldeutschen Heimatort hatte er vor einem Vierteljahr gekündigt, war doch der angebotene Job im Management eines renommierten Unternehmens in Süddeutschland recht vielversprechend gewesen.

Die Zeit in der alten Wohnung war für ihn einerlei abgelaufen. Er wollte, musste wieder weg, seit langem mal wieder den Duft der weiten Welt schnuppern, so langsam wieder einmal etwas bewegen. In der neuen Position allerdings wurde ihm aufgrund seiner eigenen Unentschlossenheit, die mit jedem Tag, mit jedem Schritt zuzunehmen schien, schon bald empfohlen, sich besser eines anderen Aufgabengebietes zu widmen, als im Management zu arbeiten. Die Kündigung folgte.

Carlo wusste, dass er weiter auf der Suche war, konnte sich aber nicht erklären, wonach. Seine Ansätze der Erläuterung verschiedenster Dinge, wie die Grenzen des Universums oder die wortlose Kommunikation der Menschen und Tiere untereinander, ohne Zugegensein des jeweiligen Anderen, waren sinnlos. Das Wissen um Bücher, die manches davon erklärten, erreichte ihn in seiner Selbstmitleidschublade noch nicht, der Ausgang war meist die Theke irgendeiner Kneipe. Bis Nadja kam und seine Depressionen erkannte.

Noch ein letztes Mal schaute er sich in der Wohnung um, die ihm mittlerweile so ans Herz gewachsen war und löste schweren Herzens den Schlüssel vom Bund. Ein letzter Blick in den Flur, der immer so intensiv durch den Geruch asiatischer Räucherstäbchen und einigen, von Nadja gemalten Engelbildern, an diese kleine, heile Welt anknüpfte, die ihm so nahe gekommen war. Der Abschied von Gabriel, einem Erzengel im ‚zwanzig mal dreißig’ Format an der weißen Raufaserwand fiel ihm besonders schwer.

Er sprach oft vor dem Einschlafen mit diesem Bild, erzählte, was kein Anderer je erfahren sollte, durfte. Warum er das Vertrauen in das Bild setzte, dieses kitschige Gemälde an der Wand, dessen Kopie in Passbildformat er seit einigen Monaten auch noch in der Brieftasche trug, war ihm nicht klar.

Klar war nur, dass dieser Engel Carlos Unruhe beschwichtigte, ihm ein wenig Linderung in seine wirre Gedankenwelt brachte.

Die letzten persönlichen Dinge zusammen raffend, ging er, schwelgend in Erinnerungen, durch die drei Zimmer. Er konnte sich der Tränen nicht erwehren, die ihn erneut an den Verlust eines wichtigen, liebgewonnenen Menschen erinnerten und zudem die Wahrheit immer intensiver ans Tageslicht brachten. Er war wieder allein in seiner endlos scheinenden Suche.

Knallend fiel die Tür ins Schloss. „Adieu“ dachte er laut und stieg unter Tränen, die immer heftiger wurden die drei Treppen hinunter. Die alte Nachbarin aus dem Kosovo kam ihm entgegen, wandte verstohlen den Blick, als sie seine Tränen bemerkte.

„Hier zeigt Mann keine Schwächen“, reflektierte er die Gedanken der Alten. „Die hat viel mehr, viel Schlimmeres durch als ich, und trotzt dem Leben, während ich hier ins Jammern ausbreche, über mein Leid, was erstens keines ist und was ich mir ja selbst zugefügt habe.“

Tasko sprang freudig in den Kofferraum, obwohl er genau wusste, dass mit seinem Herrchen etwas nicht stimmte. Zu oft musste der stolze Vierbeiner die Tränen sehen, legte sich in den schlimmen, selbst zerstörerischen Momenten des Selbstmitleids zu seinen Füßen und wartete ruhig ab, bis der Ausbruch der Verzweiflung sich legte. Danach stupste er meist vorsichtig mit der Schnauze in seines Herrn Gesicht, um ihm mit einem schiefen Blick zu verstehen zu geben: „Zeit für ne runde Gassi, Alter, draußen spielt das Leben“.

Der Labrador kannte die Downphasen seines Herrn nur zu gut und wusste einzuschätzen, wann es sicher war, diesem mit Lebensmut zu begegnen und wann nicht. Manchmal wechselten die Depressionen innerhalb weniger Sekunden in pure Lebenslust und wieder zurück in lebensbedrohliche Suizidmomente.

Carlo war depressiv, wollte es aber nicht wahr haben, wusste es vielleicht nicht einmal. Tasko hingegen spürte jeden Stimmungszug und verhielt sich immer entsprechend.

Er schlug die Tür des Kombi zu, startete den Diesel und fuhr rückwärts aus dem Parkplatz des Reihenhauses. Wieder einmal ging er die zwanzig Kilometer in Richtung Kleinstadt an, um wie schon so oft, in altbewährter Unsicherheit einen Cappuccino zu trinken.

Er würde allein an einem der vielen Tische in der Menschendurchschwärmten Fußgängerzone sitzen, so tun, als sei er mit irgendetwas beschäftigt und innerlich darauf warten, hoffen, dass jemand sich zu ihm geselle, einen Plausch anfange.

Er, sein Alleinsein vertuschend, würde auf eine Weile Zeit hinweisen, sei eigentlich im Stress, habe Termine, freue sich aber über den Moment des zusammen Redens. Gleich würde er gehen müssen, würde er erwähnen und wenn er dann wieder allein im Auto saß, sich verfluchen über die Dummheit, den Moment der Gesellschaft  nicht ausgekostet, sondern aufgrund der Verunsicherung, der Menschenangst, zerstört zu haben, wonach er sich doch so sehnte. Wieder würde er allein fahren, und morgen wieder einen Cappuccino trinken. Gewappnet mit den gleichen Ausreden.

„Giovanni wird sich über unseren Besuch freuen“, sagte er zu Tasko, „die Cappu-Saison hat grad erst angefangen.“ Vergessen war schlagartig die Traurigkeit, das Leben war mit dem Wechsel der Umgebung plötzlich wieder schön, lebenswert, attraktiv. Vorbei an seinem Elternhaus, entlang der Landstraße, die ihn zehn Jahre lang zur Schule und weitere zwölf zu seinem Beruf als Mechaniker führte, ging die altbekannte Fahrt. Bruce Springsteen dröhnte aus den Türlautsprechern, die Fenster herunter gefahren, einen Arm lässig aus dem Fenster gelegt, so kannte jedermann Carlo, den Lebenskünstler. Sie alle kannten ihn nicht wirklich.

Bis zum Tag als die Bescheinigung zur Auswanderung nach Australien kam, lebte er im Haus seiner Eltern, aß bei Muttern und steckte die Füße unter Vaters Tisch. Nicht weil er es nicht besser wusste, sondern weil es einfacher war. Die kleine Wohnung, die er sich vor Jahren unter Hilfe seines Bruders im Dachboden ausbaute, gab genug Raum, kostete nur einen kleinen Teil des schon damals guten Einkommens und gab ihm zudem die Freiheit, seinen kostspieligen Hobbys nachzugehen.

„Motorräder, Mädchen und Alkohol um es kurz zu halten“ belehrte ihn sein Vater eines Tages. „Nichts von Bedeutung aber kostspielig. Und lebensvernichtend. Wenn du so weitermachst, wird nie ein Haus entstehen, keine Familie sich gründen und kein Baum aus deinen Händen wachsen“ hatte der gutmütige, siebzigjährige seinem dritten Sohn damals mitgeteilt. „Wie recht der alte Mann doch immer hat“ entfuhr es Carlo, als er verstohlen nickend, seinem Elternhaus bei der Vorbeifahrt einen guten Tag wünschte.

Das Haus seiner Eltern war ihm heilig und, obwohl niemand draußen stand, der zurück grüßen konnte, fühlte er die Präsenz, die wachenden Augen seines Vaters immer, wenn er durch das kleine Dörfchen in diesem schönen Tal mit den heimischen Wäldern und Auen fuhr. Die Scham, nicht das geleistet zu haben, was die Familie, der ehrenwerte Vater und die Brüder schaffen konnten, die Schmach, auch hinter der großen Schwester anzustehen, die seit der Hochzeit vor sechsundzwanzig Jahren ein recht ansehnliches Anwesen mit dem energischen Mann und ihren bereits erwachsenen Kindern bearbeitete, war groß, allgegenwärtig. Und als Träumer und Spinner, als Weltenbummler und ewiger Student verschrien zu sein, setzte ihm schon seit einem ganzen Jahrzehnt zu.

„Ach was soll’s“, gab er leise von sich, „denen ist eh egal, wo du verreckst“, was wiederum mehr auf das eigene Selbstmitleid als auf ein schlüssiges Argument zurück zu führen war. Er kurbelte die Fenster hoch, drehte Bruce leiser und erschrak selbst über die rapiden Wechsel seiner Gefühle. War er wirklich durch geknallt?

Der Wagen rollte leise entlang der kurvenreichen Landstraße, die ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen war. Seine Gedanken schweiften ab. Er war nie der große Familienvater, hatte keine Ambition ein Haus zu bauen, einen Baum zu pflanzen und in der politischen Unsicherheit, wie ihm der ganze deutsche Moloch, zuerst seit der Wende, und nun noch intensiver, seit der Einführung des Euro, erschien, zeigte Carlo auch keinerlei Interesse mehr, ein Kind zu zeugen.

Und ohne eine Partnerin wäre Nachwuchs sowieso schwer realisierbar gewesen. Dies war sogar ihm bewusst geworden. Die Einzige, mit der er sich ein Kind vorstellen konnte, war längst nicht mehr in seiner Brieftasche zu finden. Sie hatte ihn längst verlassen. Seine Freundinnen vertrieb Carlo immer kurz nach der Verliebtheitsphase in ewiger Eifersucht. „Immer nach der gleichen Struktur“, würde Nadja jetzt sagen.

Seine Geschwister waren Kinderreich. Als zehnfacher Onkel und Großonkel war er durchaus mit Verwandtschaft gesegnet. Die Eltern gaben sich zufrieden mit der Großfamilie, die sich regelmäßig zu Heiligabend traf, um Feuerzangenbowle zu schlürfen und dicke Scheiben von bestem Schinken und feinster Salami zu verzehren. Dazu gab es guten Käse und frisches Brot. Reich wurde sich beschenkt.

Die Kartons der Spielsachen häuften sich bis in den jährlich frisch tapezierten Flur hinaus, die vielen Kinder unterschiedlichsten Alters konnten meist gar nicht alle Geschenke überblicken, so viel kam da zusammen. Dann, wenn alle Blagen sich endlich müde gespielt hatten, die ganz Kleinen zu Bett gingen und die älteren sich zum Tisch gesellen durften, wenn ein wenig Ruhe eingekehrt war, wurde sich nach entsprechendem Alkoholkonsum in ewigen, oft unter der Gürtellinie ansetzenden Streitgesprächen zerfleischt. Meist ging es dabei um Leistung, Karriere und sogenannte, heile Familienstrukturen. Er war schon lange nicht mehr zum Heiligabend-Beisammensein erschienen, nicht zuletzt weil er einige Jahre im australischen Outback lebte.

Mit dem Erfolg, dass er sich nun hier in der Heimat als Verstoßener im Exil fühlte. Je öfter Carlo die ‘Heimat’ wechselte, desto mehr entfernte er sich von beiden Kontinenten und vor allem von sich selbst. In Australien fühlte er sich nie richtig zu Hause, fand keinen rechten Anschluss zu den Menschen. Gewiss, er liebte das Land, aber die Heimat, die Familie, die Freunde waren nicht dort. Neuen Anschluss zu finden in einem fremden Land schien auf den ersten Blick einfach, nach ein paar Jahren aber wurde es schwerer und immer komplizierter, die Regeln, Sitten und Menschen zu begreifen.

Das Leben an sich wurde schnell zum Problem, er bekam Heimweh. Auch daher zog es ihn immer wieder zurück. Aus der unendlichen Weite des australischen Outback in sein kleines Fürstentum inmitten Deutschlands. Zurück zur Familie, die ihn nie verstehen würde, die Sehnsucht nach Ferne und gleichermaßen Familientradition und Zugehörigkeit nicht kombinieren konnte. „Wo gehöre ich denn nun wirklich hin?“, fragte er seinen treuen Freund Tasko, der auch diesmal keine Antwort gab.

Sinnierend im Wechsel von Gefühlen, pendelnd zwischen ‚Fenster unten – Lebensfreude’ und ‚Fenster oben – Fruststimmung’ revidierte er im nächsten Ort seine Meinung zum Cappuccino und änderte wie schon so oft im Leben die Richtung.

Das Waldstück mit dem schönen, ruhigen See, an dem er auch Nadja kennen lernte, schien der richtige Ort, dieses merkwürdige Buch zu lesen, welches sie ihm auf so eindrucksvolle Weise gab. Was war dran an diesem einfachen Paperback-Buch, das  ihn sofort in dessen Bann zog?

Der Kombi, bis zur Oberkante mit den paar persönlichen Sachen und dem unentwegt nach entgegenkommenden Autos jagenden Tasko beladen, rollte entlang des Waldweges zur Lichtung im Wald. Das Plätzchen im Grünen, entlang des Fischteichs war sein Stammplatz und diente auch heute bei Sonnenschein und leichtem Frühlingswind zum Lauschen und Lesen.

Der Autor des Paperback Romans beschrieb den Weg zu sich selbst, war auf der Suche nach einem Schwert, dass ihm vom Meister seines Ordens verwehrt worden war. So zumindest stand es auf dem Buchrücken. „Was hat dieses Märchen mit mir und dem Finden meiner eigenen Richtung zu tun?“ fragte er sich. „Mir wurde kein Schwert verwehrt, in einem Orden bin ich nicht und gläubig schon mal gar nicht“. Dennoch überkam ihn die Neugier und schon nach einigen Seiten wurde die Hauptfigur des Romans schnell zu seinem Spiegelbild.

An eine große alte Buche gelehnt, redete er sich ein, sowieso nichts Besseres zu tun zu haben, als diesen Schmöker zu lesen und war nicht schlecht erstaunt, als er den Nachmittag bereits weit fortgeschritten, die Abendsonne hinter dem dichten  Waldstück versinkend und sich immer noch in den Seiten des Paperbacks vertieft fand. „Zuerst mal Tasko zurück pfeifen, mein Lager aufschlagen und dann weiter lesen“, sprach er seinen Gedanken aus.

Er konnte sich nicht erinnern, seinen Hund innerhalb der vergangenen drei Stunden gesehen zu haben, war umso überraschter, als der treue Vierbeiner umgehend auf sein Pfeifen reagierte.

Ruhend lag Tasko im offenen Kofferraum. Carlo leinte ihn an, da die Sonne sich dem Horizont entgegen neigte und die Stunde des Wildwechsels kam. Er parkte den Wagen so, dass sein Freund jederzeit ans Wasser des Sees gehen konnte, wobei die acht Meter Kunststoffleine ihren Zweck perfekt erfüllte. „Du weißt ja, dass es mir lieber ist, wenn du nachts angeleint bist, Kollege“, sprach Carlo seinem schwarzen Gutmut zu. Der hingegen raunte nur knapp, gab damit sein „OK.“

Beide waren es durchaus gewohnt, unter freiem Himmel zu schlafen. „Heut wird’s sicher keine sehr klare Nacht. Vielleicht kommt doch noch ein Gewitter auf, kriege bestimmt ne Dusche… Da hast du’s gut mein Freund, liegst im trockenen Auto“. Raunend und sich die Lefzen zufrieden leckend, gab der Streuner seinen Kommentar. Dessen Herrchen musste grinsen, erneut die intensive Bindung zwischen den beiden Freunden anerkennend.

Carlo  liebte die Natur und den Einfluss, den die sternklaren Nächte auf ihn hatten. Schon seit zwanzig Jahren, insbesondere während der vergangenen Dekade in Australien war sein liebster Schlafplatz unter freiem Himmel im Sternenfluss der Milchstraße.

Die vielen Motorradtouren kreuz und quer durch Deutschland und Europa, die endlosen Nächte der Motorradtreffen und der Partys mit Freunden in irgendwelchen Waldhütten, die Kneipenbesuche und die Wanderungen durch Feld und Wald endeten meist mit der Nacht im Schlafsack. Heute war er nur noch selten auf Motorradtreffen und Rockerpartys, konnte sich nicht mehr mit sturem Suff und wilden Partys identifizieren; er war auch froh darüber.

Schlafsack und Isomatte waren schnell entrollt, selbst Taskos Futter und Fressnäpfe hatte er dabei und zum Glück fand er noch ein Sixpack Bier im Kofferraum. Die Abneigung gegen stures Betrinken hielt ihn nicht davon ab, ein Bierchen zu einem Zweck zu vertilgen, was meist allerdings als Ausrede zu gleichbleibendem Urzweck geschah. Das Bier war warm, schmeckte aber auf Anhieb und die Zweige, die durch die vergangenen Wochen durch den überdurchschnittlich warmen Frühling vertrocknet am Waldboden lagen, waren schnell entfacht.

Er las das Buch noch in dieser Nacht zu Ende und als er endlich gegen Mitternacht das kleine Lagerfeuer löschte, sich in den Schlafsack legte und den Sternenhimmel ansah, war die Begeisterung für das Gelesene bereits entfacht. „Ich werde ihn gehen, diesen Pilgerweg nach Santiago. Gleich morgen brechen wir auf, Tasko“.

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